Barrierearme zahnärztliche Versorgungslandschaft

Inspirierende Musterpraxis

Der Bau einer barrierearmen oder sogar barrierefreien Zahnarztpraxis ist zweifelsfrei wie jede größere bauliche Maßnahme eine Herausforderung. Am Ende danken es einem aber die Patienten. Im Münsterland wurde gerade eine barrierefreie Praxis fertiggestellt. Frank Opper, Architekt und Sachverständiger für barrierefreies Bauen, kommentiert die Ergebnisse anhand von Bildern.

Frank Opper: „Die Eingangstür ist elektrisch zu öffnen, das ist sehr schön. Die Klingeltasten und die Gegensprechanlagen sind etwas zu hoch. Die Griffstange müsste von oben bis unten durchgezogen sein, damit man verschiedene Greifbereiche hat, auch für Kinder. Die Leute stoßen Türen gerne mit ihren Gerätschaften auf, sprich mit Rollstühlen und Rollatoren, zum Schutz der Tür könnte man hier eine Stoßblende anbringen. Eine Klingelstele ist dann sinnvoll, wenn eine Tür nach außen aufgeht, sonst befindet man sich im Drehbereich der Tür.“ Foto: zm

Frank Opper: „Grundsätzlich sieht die Praxis über die Analyse der Bilder sehr modern und barrierefrei aus. Die kontrastreiche Gestaltung auch mit der Fußbeleuchtung ist sehr gut gelungen. Richtig ist, dass man einen Teil der Theke abgesenkt hat. Eine Verbesserung wäre noch, wenn dieser Bereich auch unterfahrbar ist. Das bedeutet konkret, dass man zumindest die Tischplatte weiter rausgezogen hätte, so dass ein Rollstuhlfahrer heranfahren und etwas unterschreiben kann. Zusätzlich wäre eine Ablagefläche für Taschen und ein Gehhilfenhalter praktisch, da die Patienten sonst keine Möglichkeit haben, etwas abzustellen. Man kann das schön kombinieren, wenn man in die Ablage eine Einbuchtung für den Stock zum Reinhängen einfügt. Eine Sitzmöglichkeit in der unmittelbaren Nähe des Empfangstresens wäre auch gut, wenn die Menschen etwa auf ein Rezept warten müssen oder ähnliches.“ Foto: zm / privat
Frank Opper: „Positiv ist, dass die Türen und die Zargen kontrastreich abgehoben sind. Allerdings ist die graue Zarge zur weißen Wand für seheingeschränkte Menschen kaum zu sehen. Dieser Kontrast hätte stärker sein können, indem der Grauton noch dunkler gesetzt wird. Seheingeschränkte Menschen können nur zwischen hell und dunkel unterscheiden. Für den Sehenden sehen die Farben kontrastreich aus. Diese haben aber die gleiche Lichtstärke und bei der s/w-Darstellung haben diese Farben den gleichen Ton. Es muss also ein Lichtstärkekontrast vorhanden sein. Das ist ganz einfach zu erkennen, indem die beiden Farben auf einen s/w-Kopierer gelegt werden. Der Flur mit der Beleuchtung ist relativ gut gelungen, nämlich blendfrei mit einem Lichtleitsystem. Es sollte bei langen Fluren nach fünf bis sechs Metern die Möglichkeit bestehen, dass man sich mit dem Rollstuhl drehen kann. Das ist dann gegeben, wenn die Fläche 150 x 150 cm misst. Die Bewegungsflächen sind in diesem Beispiel ausreichend. Im Einstiegsbereich zum Behandlungsstuhl ist genügend Platz gegeben. Das WC ist von den Ansprüchen her DIN-gerecht.“ Foto: zm / privat

Das Thema Barrierefreiheit sollte in den Arztpraxen noch stärker verankert werden, als das bisher der Fall ist. Zu diesem Ergebnis kommt jedenfalls der Verband der Ersatzkassen e. V. (vdek) im Rahmen einer aktuellen Auswertung seines Arztbewertungsportals www.vdek-arztlotse.de. Von den 196 000 niedergelassenen Ärzten, Zahnärzten und Psychologischen Psychotherapeuten, die in dem Arztportal registriert sind, gaben lediglich 21 610 – rund elf Prozent – an, mindestens drei von zwölf Kriterien der Barrierefreiheit zu erfüllen. Abgefragt wurden dabei Aspekte wie:

• Ist die Praxis ebenerdig oder hat sie einen Aufzug?

• Ist die Praxis rollstuhlgerecht?

• Ist das WC barrierefrei?

• Gibt es spezielle Behindertenparkplätze?

• Sind die Stühle/Liegen verstellbar?

• Gibt es Orientierungshilfen für Sehbehinderte?

Wenngleich der politische Druck zu mehr Barrierefreiheit in allen gesellschaftlichen Bereichen zunehmend wächst, ist es für die einzelne Niederlassung nicht immer so einfach, diese umzurüsten, wenngleich das die Politik verstärkt fordert.

Initiativen von KZBV und KBV

Die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung hat im Schulterschluss mit der ärztlichen Spitzenorganisation KBV bereits am 9. September 2013 auf der Gemeinschaftstagung „Barrieren abbauen“ für eine barrierefreie medizinische Versorgung sensibilisiert. Dabei wurden entsprechende Maßnahmen und Initiativen vorgestellt und gemeinsam mit Betroffenen und Kassenvertretern diskutiert. Die Veranstalter waren sich einig, dass ein Zugang zur medizinischen Versorgung für alle Menschen unabhängig von ihrem individuellen Handicap das gemeinsame Ziel sein muss.

Doch dieses Ziel stellt den einzelnen Niedergelassenen mitunter vor große Herausforderungen. Abhängig davon, ob er eine Praxis neu baut oder aber eine Bestandspraxis umbaut, können im Einzelfall abweichende Vorschriften gelten (siehe Kasten Seite 88).

Orte für Barrieren

In einer Praxis gibt es, abhängig vom Han-dicap des Patienten, ganz unterschiedliche Barrieren (siehe auch Titelgeschichte „Tipps zur Seniorenpraxis“, zm 08/2012).

Barrieren im Bereich Sehen

So gibt es neben Barrieren im Bereich der Fortbewegung, die meist Umbaumaßnahmen in der Praxis erfordern, noch solche, die das Sehen betreffen. Beispielsweise haben stark seheingeschränkte Menschen große Schwierigkeiten mit der Orientierung.

Auffällige Hinweisschilder und Leitsysteme sollten farblich kontrastreich gestaltet sein. Richtig gefährlich wird es, wenn Glastüren nicht gekennzeichnet sind, so dass Patienten dagegenlaufen können.

Barrieren im Bereich Hören und Sprechen

Wenn die Kommunikation nur in Gebärdensprache möglich ist, im Praxisteam aber niemand diese Fähigkeit erworben hat, ist ein Dolmetscher notwendig. Dessen Anwesenheit kann allerdings dazu führen, dass ganz unbewusst dieser anstelle des Patienten in den Mittelpunkt der Behandlung rückt, warnt die KBV. Das könnte wiederum den Patienten irritieren. Menschen mit Hörbehinderung haben aber laut Sozialgesetzbuch I das Recht, bei der ärztlichen Behandlung die Gebärdensprache zu verwenden. Die Kosten in der ambulanten Behandlung übernehmen in der Regel die Krankenkassen, wobei das vor dem Besuch geklärt werden sollte. Eine alleinige Klärung seitens der Zahnarztpraxis kann hier von den Patienten allerdings wohl nicht erwartet werden.


Info

Vorschriften beim Um- und Neubau

Für die Beurteilung der gesetzlichen Grundlagen zur Umsetzung barrierefreier Umbaumaßnahmen in Zahnarztpraxen sind die Vorgaben des Behindertengleichstellungsgesetzes (BGG), der Musterbauordnung (MBO), die jeweils geltenden Landesbauordnungen sowie die Planungsempfehlungen der DIN 18040 Teil 1 zu betrachten.

Demnach müssen gemäß § 50 der Musterbauordnung öffentlich bauliche Anlagen in den dem allgemeinen Besucher- und Benutzerverkehr dienenden Teilen barrierefrei sein. Dies gilt insbesondere auch für Einrichtungen des Gesundheitswesens.

Zu beachten ist, dass die Vorgaben der einzelnen Landesbauordnungen von den Grundlagen der Musterbauordnung abweichen können, so dass im Einzelfall zu prüfen ist, welche Vorgaben der zuständigen Landesbauordnung gelten.

Zusätzlich gilt, dass die barrierefreien Anforderungen der Landesbauordnungen nicht für den unveränderten Bestand bestehen und somit nur bei genehmigungsbedürftigen Umbaumaßnahmen oder Neubaumaßnahmen gelten. Ist dies der Fall, haben die meisten Bundesländer die DIN 18040 als technische Regel zur Planungsgrundlage für barrierefreies Bauen eingeführt, so dass die unter der MBO beschriebenen Ausführungsvorschriften durch die Planungsgrundlagen der DIN 18040 geregelt werden.

Demnach sind „Ausführung und Ausstattung von öffentlich zugänglichen Gebäuden und deren Außenanlagen, die der Erschließung und gebäudebezogenen Nutzung dienen“, barrierefrei zu planen. Ziel ist die Barrierefreiheit baulicher Anlagen, damit sie für Menschen mit Behinderungen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar sind. Dies gilt insbesondere für die äußere und innere Erschließung einer Praxis und die damit verbundene Infrastruktur.

Abweichungen sind möglich und können gemäß MBO dann beantragt werden, wenn „die Anforderungen wegen schwieriger Geländeverhältnisse, wegen des Einbaus eines sonst nicht erforderlichen Aufzugs, wegen ungünstiger vorhandener Bebauung oder im Hinblick auf die Sicherheit der Menschen mit Behinderungen oder alten Menschen nur mit einem unverhältnismäßigen Mehraufwand erfüllt werden können“. Dies muss im Einzelfall begründet oder nachgewiesen werden.

Zuständige Gesetze/Normen:

• UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) vom 13.12.2006

• Gesetz zur Gleichstellung behinderter Menschen (Behindertengleichstellungsgesetz BGG) vom 27.04.2002

• Musterbauordnung (MBO) November 2002, zuletzt geändert Oktober 2008

• Bauordnungen der Länder in der jeweils aktuellen Fassung

• Sozialgesetzbuch (SGB V)

• DIN 18040 Teil 1

Frank Opper
Architekt Sachverständiger für Barrierefreies Bauen
buero@opper-architekten.de

Info

Ist Ihre Praxis barrierefrei?

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung hat hilfreiche Fragenkomplexe für Praxisinhaber entwickelt (eine Auswahl):

Eingangsbereich

• Sind Hausnummer, Praxisschild und Klingel gut sichtbar?

• Kann die Eingangstür leicht geöffnet werden?

• Ist die Durchfahrtsbreite ausreichend?

• Sind ausreichend Sitzmöglichkeiten vorhanden?

• Gibt es Stock- und Krückenhalter?

Sanitärbereich

• Ist die Toilettenbeschilderung lesbar?

• Können Rollstuhlfahrer und kleinwüchsige Menschen Waschbecken und Papiertücher erreichen?

• Lässt sich die Tür nach außen öffnen?

Umgebung Außenanlage

• Gibt es Behindertenparkplätze?

• Wie wird der Weg zur Praxis beleuchtet?

• Gibt es lose Pflastersteine oder Sandflächen, die schwer zu überwinden sind?

Info

Tagung „Barrieren abbauen“

Die Bundesregierung will mit ihrem „Nationalen Aktionsplan“ die Inklusion von Menschen mit Behinderungen unterstützen und hat einen Maßnahmenkatalog erarbeitet, der sich gezielt an Ärzte, Zahnärzte und Psychotherapeuten wendet. In einer gemeinsamen Tagung haben die ärztlichen und die zahnärztlichen Spitzenorganisationen im September 2013 die barrierefreie medizinische Versorgung in den Mittelpunkt gestellt (siehe auch Titelgeschichte „Barrieren im Gesundheitswesen“, zm 20/2013, S. 42-52).

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