Zentralinstitut für kassenärztliche Versorgung in Deutschland

Licht und Schatten bei der Verordnung von Antibiotika

Pauschale Behauptungen, in Deutschland würden zu häufig Antibiotika verordnet, sind nicht gerechtfertigt. So rezeptieren die niedergelassenen Ärzte bei Infektionen der Atemwege Antibiotika sehr zurückhaltend und entsprechend der Leitlinien. Das belegt eine aktuelle Untersuchung der Wissenschaftler vom Versorgungsatlas des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (ZI). Zu häufig kommen Antibiotika allerdings demnach bei Rachen- und Mandelentzündungen zur Anwendung.

Antibiotika werden in Deutschland im Großen und Ganzen indikationsgerecht verordnet – mit Ausnahme der Rachen- und Mandelentzündungen sowie der Mittelohrentzündungen, bei denen die Wirkstoffe zu häufig eingesetzt werden. Foto: doc-stock

Vor allem in den neuen Bundesländern wird zu oft mit einem Chinolon oder mit einem Oralcephalosporin behandelt. Diese Wirkstoffe aber sollten als Reserveantibiotika den schweren Infektionen vorbehalten sein. Foto: doc-stock

Beim Antibiotikaeinsatz bildet Deutschland zusammen mit den Niederlanden und Estland im europäischen Vergleich das Schlusslicht. Einer Erhebung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge werden hierzulande weniger als 15 definierte Tagesdosen pro 1 000 Einwohner verordnet, in Ländern mit hohem Antibiotikaverbrauch sind es immerhin 37 bis 43 Tagesdosen / 1 000 Einwohner. Zugleich betont die WHO, dass der Verbrauch an Antibiotika generell zu hoch sei und das auch in Ländern wie Deutschland.

Weniger Antibiotika in den neuen Bundesländern

Bedenklich sind aus Sicht der Wissenschaftler vom Versorgungsatlas des ZI zudem die in der aktuellen Erhebung aufgedeckten regionalen Unterschiede bei der Verordnung von Antibiotika. Konkret wurden in der Studie die Abrechnungsdaten und Arzneiverordnungsdaten des Jahres 2009 aus Arztpraxen ausgewertet und zwar differenziert nach den jeweiligen Krankheitsbildern und den eingesetzten Wirkstoffen.

Die Verordnungshäufigkeiten wurden mit Qualitätsindikatoren des European Surveillance of Antimicrobial Consumption Project (ESAC) abgeglichen. Es erfolgte außerdem ein regionaler Vergleich der jeweiligen KV-Bereiche sowie zwischen alten und neuen Bundesländern.

Das Ergebnis:

Vom Scharlach abgesehen werden in den neuen Bundesländern insgesamt weniger Antibiotika verordnet als in den alten Bundesländern. Besonders deutlich sind die Unterschiede bei Mittelohrentzündungen und Harnwegsinfektionen, heißt es im Versorgungsatlas. Die konkreten Ergebnisse sind im Internet einzusehen unter der Webadresse. Es handelt sich beim Versorgungsatlas um eine Einrichtung des ZI, die Studien zur medizinischen Versorgung in Deutschland institutionalisiert und die Ergebnisse öffentlich zugänglich macht. Die Analysen, die auf den bundesweiten Abrechnungsdaten der vertragsärztlichen Versorgung in Deutschland basieren, sollen Anhaltspunkte zur Optimierung der medizinischen Versorgung geben, wobei jeder Beitrag in Foren öffentlich diskutiert werden kann.

Reserve-Antibiotika zu häufig verordnet

Unterschiede gibt es entsprechend der aktuellen Analyse zur Antibiotikaverordnung auch bei den eingesetzten Wirkstoffen. So werden in den neuen Bundesländern überproportional häufig Breitspektrum-Antibiotika und insbesondere Chinolone sowie Oralcephalosporine angewandt. Diese gelten jedoch quasi als Reserveantibiotika und sollten schweren Infektionen vorbehalten sein, um Resistenzbildungen zu vermeiden. Allerdings hat sich in ganz Deutschland der Einsatz dieser Substanzen im Jahr 2009 gegenüber dem Vorjahr um 22 Prozent erhöht.

Zu viele Verordnungen bei Pharyngitis und Tonsillitis

Während Antibiotika bei den zumeist von Viren verursachten Atemwegsinfektionen im Einklang mit den Empfehlungen der Leitlinien zurückhaltend angewandt werden, ist die Verordnungsrate bei Rachen- und Mandelentzündungen augenscheinlich zu hoch: Entsprechend der europäischen Qualitätsindikatoren ist bei der Pharyngitis/Tonsillitis eine Antibiotikatherapie in bis zu 20 Prozent der Fälle gerechtfertigt. In Deutschland werden jedoch nahezu 60 Prozent der Patienten mit diesen Erkrankungen mit Antibiotika behandelt.

Diskrepanzen gibt es auch bei der Otitis media, bei der laut ESAC eine Antibiotika- Indikation in bis zu 20 Prozent der Fälle besteht, die tatsächliche Verordnungsrate in Deutschland allerdings bei 36,5 Prozent liegt. „Bei diesen Krankheitsbildern besteht der dringende Handlungsbedarf, den Einsatz von Antibiotika nachhaltig zu reduzieren“, kommentierte Studienleiter Dr. Jörg Bätzing-Feigenbaum aus Freiburg das Resultat. Auch bei den Mittelohrentzündungen liegen die Verordnungsraten höher als von den Qualitätsindikatoren ausgewiesen.

Das ZI plant derzeit die Veröffentlichung einer weiteren Untersuchung zur Entwicklung der Antibiotikaverordnungsraten in den Jahren von 2008 bis 2012.

Christine Vetter
Merkenicher Str. 224
50735 Köln
info@christine-vetter.de


Weitere Bilder
Bilder schließen