Leitartikel

Eigene Positionen

Foto: BZÄK

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

neben der Großbaustelle Pflege hat sich die Koalition vor allem dem Thema Qualität verschrieben. Allein 34-mal kommt der Begriff im Kapitel „Gesundheit und Pflege“ des Koalitionsvertrags vor. Darin setzt sich die Bundesregierung das hehre Ziel, die Versorgung der Patienten zu optimieren, die Qualität zu steigern und gleichzeitig die Patientenzufriedenheit zu erhöhen. Ein wahrlich ambitionierter Dreiklang, der nur gelingen kann, wenn allen, die daran mitarbeiten sollen, wirklich auch Gehör verschafft wird.

Doch hier sind Zweifel angebracht. Als eines der ersten Vorhaben, die aus dem Koalitionsvertrag umgesetzt wurden, erhielt der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) den Auftrag, ein neues Qualitätsinstitut zu gründen. Dieses Institut soll den G-BA bei der Messung der Qualität unterstützen, die von Krankenhäusern und niedergelassenen Ärzten und Zahnärzten erbracht wird. Bewusst ließ der Gesetzgeber den Kreis der Verantwortlichen, die die Geschicke des Instituts leiten sollen, klein.

Die Qualitätsförderung ist zwar zentrale Aufgabe der Heilberufekammern, aber auch unsere starke politische Intervention konnte nicht verhindern, dass Ärzte-, Psychotherapeuten- und Zahnärzte-Kammern weder Sitz noch Stimme im Institutsvorstand erhalten werden. Dem Bundesgesundheitsministerium hingegen wurde ein eigenes Antragsrecht für Beauftragungen des Instituts gewährt. Es ist erklärter politischer Wille, die Ergebnisse des Qualitätsinstituts auch als Grundlage für die Vergütung der Krankenhäuser heranzuziehen – pay per performance.

Die Forderungen Dritter gehen längst weiter. Sicher nicht zufällig hat der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung zeitgleich zur Diskussion um die Institutsgründung ein Positionspapier mit dem Titel „Qualitätsorientierte Versorgungssteuerung und Vergütung“ veröffentlicht. Hier wird offen gefordert, das neue Qualitätsinstitut solle endlich auch die Voraussetzungen für Ärzte-Rankings durch die Krankenkassen schaffen.

Unabhängig von der Frage, ob und wie dieses Ansinnen für den Bereich der Zahnmedizin umsetzbar ist – immerhin sind die Ergebnisse der zahnärztlichen Leistungen in ganz besonderen Maße von der Mitwirkung der Patienten abhängig –, stellt sich dennoch auch für uns die Frage: „Cui bono?“

Der Zug ist also längst losgerollt und allen Verantwortlichen muss klar sein: Mit einer schlichten Aussage wie „Eine öffentliche Qualitätsdiskussion braucht die Zahnmedizin nicht, denn schließlich bestimmen immer noch wir, was Qualität ist!“, überrollt er unseren Berufsstand über kurz oder lang.

BZÄK und KZBV haben daher eine „Agenda Qualitätsförderung“ verabschiedet, mit der wir die zahnärztliche Position zum Thema Qualität in die Landes- und Bundespolitik tragen werden (siehe Titelgeschichte S. 28). Die Agenda setzt auf freiwillige Initiativen unseres Berufsstands und nicht auf die Umsetzung gesetzlicher Vorgaben, die dann schnell von Zwang und Kontrolle begleitet wären. Für uns Zahnärzte steht die Selbstverpflichtung zur Qualität im Zentrum unserer freiberuflichen Tätigkeit. Gut erkennen lässt sich das an dem, was die Zahnmedizin bereits geleistet hat. Unsere Präventionsorientierung hat die häufigste Erkrankung der zivilen Welt – die Karies – sehr viel seltener gemacht. Hier muss man Qualität nicht messen, hier sieht sie jeder!

Niemand kann gesellschaftliche Entwicklungen aufhalten, aber die Standespolitik muss sie so steuern, dass der Zahnarzt in der Praxis niemals überfordert wird. Hierzu werden wir verstärkt eigene, vom Berufsstand getragene Qualitätsinitiativen entwickeln, bevor uns die Politik entsprechende Maßnahmen aufoktroyiert. Das BZÄK-Modellprojekt des anonymen Bericht- und Lernsystems „Jeder Zahn Zählt!“ hat gezeigt, wie gut das geht.

Mit der Agenda zeigen BZÄK und KZBV, dass sie die Zahnärzte nach außen gemeinsam vertreten und intern synergistisch zusammenarbeiten, ohne die eigenen Aufgaben der Kammern und Kassenzahnärztlichen Vereinigungen im Bereich der Qualitätsförderung aus dem Blick zu verlieren.

Mit freundlichen kollegialen Grüßen

Prof. Dr. Christoph Benz
Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer