Gastkommentar

Eiskalt erwischt

KBV-Chef Dr. Andreas Gassen macht sich mit seinem Honorarabschluss angreifbar, sagen seine Kritiker und werfen ihm mangelnde Kampfeslust vor. Doch man kann das auch anders sehen, meint Hans Glatzl, dgd-Redakteur vom Vincentz-Network, Berlin.

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Allen recht getan, ist eine Kunst, die keiner kann! 850 Millionen Euro sind keine Peanuts, selbst für den Moloch deutsches Gesundheitswesen. Auf diesen Betrag summiert sich der Honorarzuwachs, auf den sich die Krankenkassen mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) für 2015 geeinigt haben.

Doch statt Anerkennung gibt es nur Ärger. Wie ein Schwall aus dem Eiswasserkübel, überraschend und abschreckend, dürfte es sich für den KBV-Chef Dr. Andreas Gassen angefühlt haben, als die Kritik aus den eigenen Reihen über ihn schwappte. Nur wenige Monate nach Amtsantritt werden die Rufe der Heckenschützen nach Ablösung lauter.

Woher kommt dieser Unmut? Objektiv betrachtet liegt das Ergebnis über den Zahlen für 2014. Das Honorarvolumen steigt umgerechnet um 2,5 Prozent. Das ist angesichts der niedrigen Inflationsrate immerhin ein reales Plus von annähernd zwei Prozent. Darüber hinaus werden auch strategische Wünsche der Ärzteschaft aufgegriffen. Die Grundversorgung wird aufgewertet. Mit jeweils 132 Millionen Euro extrabudgetär erhöht sich die Pauschale der Fachärzte. Die Hausärzte können damit in gleichem Umfang die qualifizierten nichtärztlichen Praxisassistenten und deren Hausbesuche finanzieren. Der Orientierungspunktwert wird um 1,4 Prozent auf 10,27 Cent angehoben.

Was läuft falsch? Ist es tatsächlich nur ein „extremer Wahrnehmungsfehler“, wie Gassen verwundert konstatiert? Nein! Wer wie Gassen mit einer Ausgangsforderung von 5,3 Milliarden Euro die Messlatte so hoch legt, um anschließend scheinbar ohne Anstrengung untendurch zu marschieren, macht sich angreifbar und wird zumindest mangelnder Kampfeslust bezichtigt.

Gassen wird zu seinem Leidwesen an der Statur seines Vorgängers Dr. Andreas Köhler gemessen, der – begnadeter Taktiker – die Verhandlungen mit den Krankenkassen stets als Großkampftage der Selbstverwaltung inszenierte. Ein derartiges Gespür für Symbolhandlungen scheint dem Düsseldorfer wesensfremd. Er agiert schnörkellos, wie die schnell gefundene Verhandlungslösung zeigt. Er gesteht im Gegensatz zu seiner Entourage offen ein, dass seine Maximalforderung – umgerechnet 15 Prozent Honorarzuwachs – zum Ausgleich früherer Defizite nicht mit einem großen Schluck aus der Pulle schlagartig erfüllbar ist. Wenn er den aktuell erreichten Status als „durchaus angemessen“ ansieht, spricht das für Augenmaß. Er vermittelt – bei positiver Einschätzung – das Bild eines Strategen, der langfristig plant. So will er auch die Protokollnotiz im aktuellen Vertrag für eine Vergütung außerhalb der MGV als wichtige Weichenstellung verstanden wissen. Gassen bemüht sich nach eigener Aussage „im Zeichen der Psychohygiene“ um Entspannung mit dem Vertragspartner, handelt sich dafür die Anspannung im eigenen Haus ein.

Für die Hardliner und Schwarz-Weiß-„Fernseher“ aus den oberen Zuschauerrängen ist dieser Stil verunsichernd. Dass er dafür noch Lob aus der GKV-Spitze für die „Gute Lösung“ einheimst, macht das Publikum erst recht misstrauisch. Ob Gassen auf Dauer die Chance erhält, sein Weltbild erfolgreich unter die Ärzte zu bringen, ist eine ebenso spannende Frage wie die nach der Resonanz auf der Gegenseite. Die Gefahr besteht, dass freundliches Verhalten als Schwäche ausgelegt wird. Im Kolosseum des bundesdeutschen Gesundheitswesens will das Publikum auf den bequemen Zuschauerrängen Blut sehen. Dass es auch geräuschloser geht, das könnten sich die Ärzte bei den Zahnärzten abschauen. Dort hat sich das Festzuschusssystem längst als Erfolgsmodell für Arzt und Patient herausgestellt. Eiskalt duschen bringt zwar Aufsehen, aber schadet der Gesundheit.


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