Berufsmonitoring Medizinstudierende 2014

Landflucht mit Kind

Arbeiten auf dem neuesten wissenschaftlichen Stand und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf – diesen Erwartungen an die berufliche Zukunft können fast alle Medizinstudierende zustimmen. Weniger Zustimmung erfreuen sich hingegen die Allgemeinmedizin und das Arbeiten auf dem Land. Das – und vieles mehr – ergab eine Online-Umfrage unter 11462 Medizinstudierenden.

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Grafik 1: Eine gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf steht ganz oben auf der Wunschliste angehender Mediziner. Quelle: KBV
Die Zahl der Medizinstudierenden steigt seit Jahren an, aber nur wenige entscheiden sich für eine Weiterbildung zum Allgemeinmediziner. Vario Images
Grafik 2: Viele Medizinstudenten haben negative Vorstellungen von der hausärztlichen Tätigkeit. Quelle: KBV

„Bei unserem ersten Berufsmonitoring vor vier Jahren haben wir die Medizinstudierenden gefragt, welche Art der Berufsausübung sie attraktiv finden“, blickte Dr. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der KBV, bei der Präsentation des Monitoringberichts in Berlin zunächst zurück. „Dieses Mal wollten wir vor allem wissen, welche medizinischen Fachgebiete die Studierenden bevorzugen.“

Grundsätzlich erfreulich sei, dass für die junge Ärztegeneration eine Niederlassung genauso infrage komme wie eine Tätigkeit in der Klinik und dass es für das berufliche Profil der Befragten am wichtigsten ist, auf dem neuesten Stand der Wissenschaft zu sein (Grafik 1). In der Umfrage, die zum zweiten Mal seit 2010 durchgeführt wurde, gab etwa die Hälfte der befragten Medizinstudierenden an, generell in der ambulanten Versorgung arbeiten zu wollen. Dabei halten sich die Präferenzen für eine angestellte Tätigkeit und für eine Niederlassung als Freiberufler die Waage. Generell legt sich die neue Generation aber nicht fest: Für etwa drei Viertel der Befragten ist es gut vorstellbar, später in einer Klinik zu arbeiten.

Bestimmte Fächer sind beliebter als andere

Die Wahrnehmung von bestimmten Fachrichtungen durch die Medizinstudierenden unterscheidet sich offenbar deutlich von der Beobachtung durch die Bevölkerung. Das Image einiger grundversorgender Facharztgruppen wie Urologie, Dermatologie und Augenheilkunde wird von den Studierenden eher kritisch gesehen. Ebenfalls gemischt fiel das Bild für die hausärztliche Tätigkeit aus. Während das Ansehen in der Bevölkerung im Vergleich zu anderen Fachrichtungen vergleichsweise hoch eingeschätzt wurde, fiel dies für die Gruppen Kommilitonen und praktizierende Mediziner deutlich kritischer aus.

Das hat für die medizinische Versorgung laut Gassen langfristige Folgen. So werde die Zahl der Hausärzte stetig zurückgehen, im Gegenzug der Anteil der Fachärzte zwar steigen, allerdings hauptsächlich deshalb, weil die kleinen und stark spezialisierten Fächer überproportional zulegen würden.

Nur etwa ein Prozent der Studierenden würde aktuell eine sogenannte Grundversorger-Fachrichtung wie Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Dermatologie oder Augenheilkunde wählen. Besonders attraktiv erscheinen hingegen die Innere Medizin, die Pädiatrie und die Allgemeine Medizin. Auffallend ist, dass die befragten Medizinstudierenden einerseits ein Interesse an der Allgemeinmedizin bekunden, andererseits aber keine Weiterbildung in diesem Bereich aufnehmen.

Die Autoren der Studie haben nach den Gründen gefragt. Die hausärztliche Tätigkeit wird von den Befragten – im besten Fall – als „langweilig“ und „uninteressant“ bewertet. Ein Teilnehmer der Umfrage schilderte seine persönlichen Erfahrungen: „Mein Hausarzt ist total überarbeitet, kämpft ständig mit den Krankenkassen wegen irgendwelcher Verordnungen und weiß nie so genau, was er eigentlich verdient hat.“

Tatsächlich befürchten die Medizinstudierenden, dass man als Hausarzt schlecht verdient, sich alleine durchkämpfen und ständig verfügbar sein muss (Grafik 2). Als Gründe gegen eine Weiterbildung zum Allgemeinmediziner werden vor allem die Dauer und mögliche künftige Verdienste genannt. Ein anderer Befragter brachte es folgendermaßen auf den Punkt: „Fünf Jahre zum Allgemeinmediziner, das ist ja ein schlechter Witz. Woanders dauert das zwei bis drei Jahre und wird auch noch besser bezahlt.“

Vorhandenes Potenzial richtig abschöpfen

„Das Verhältnis von Haus- zu Fachärzten hat sich in den letzten circa 20 Jahren umgedreht, und die Schere geht immer weiter auseinander“, fasste KBV-Vorstand Dipl.-Med. Regina Feldmann die Ist-Situation zusammen. Doch es gebe einen Lichtblick: Fragt man die Studierenden, welche Fachrichtung sie sich grundsätzlich zu wählen vorstellen könnten, so steige der Anteil derer, die Allgemeinmedizin nennen.

Um die Gruppen der Interessierten genau zu identifizieren, verwendeten die Studien-Designer das „Split-Ballot-Verfahren“. Dabei werden den Befragten zwei Versionen derselben Frage vorgelegt, einmal nach dem Single-Choice-Verfahren, das ein starkes, und einmal nach dem Multiple-Choice-Verfahren, das ein eher diffuses Interesse dokumentiert.

Demnach ist „ein harter Kern“ (10,2 Prozent) der Studierenden stark an der Allgemeinmedizin interessiert. Rund ein Drittel (34,5 Prozent) der Befragten lasse sich als „interessiert“ einstufen. „Es gibt also ein Potenzial von knapp 25 Prozent, das es zu mobilisieren gilt“, rechnete Feldmann vor. Sie gestand allerdings auch ein, das man kein Rechenkünstler sein müsse, um zu erkennen, dass diese Menge nicht ausreicht, um den derzeit noch bestehenden Anteil von 40 Prozent Hausärzten an allen Vertragsärzten aufrechtzuerhalten.

Gassen sprach angesichts der Zahlen von einem ausreichenden Potenzial für eine Weiterbildung zur Allgemeinmedizin. Der Vorstandsvorsitzende der KBV geht davon aus, dass sich der künftige Bedarf an Allgemeinmedizinern grundsätzlich decken lässt. Voraussetzung sei allerdings, dass alle stark Interessierten ihre Präferenz beibehalten und dass ein möglichst hoher Anteil der Interessierten zu einer Weiterbildung in Allgemeinmedizin motiviert werden kann. Als positives Motivationsbeispiel nannte er die Kampagne „Lass Dich nieder“, eine Plakat-Aktion, die Nachwuchsmediziner animieren soll, sich in eigener Praxis niederzulassen. Neben dem Fachgebiet gibt es laut Umfrage jedoch noch eine weitere Herausforderung: die Verteilung im Raum.

Alle in die Stadt, keiner aufs Land

Städte sind beliebt wie nie zuvor – auch bei den Medizinstudierenden. Vor allem Metropolen wie Hamburg, Berlin und Köln wirken anziehend. Und noch eins ist klar: (fast) keiner will aufs Land. Über 46 Prozent der Befragten wollen später „auf keinen Fall“ in Orten mit weniger als 2 000 Einwohnern arbeiten. Dementsprechend sind die beiden Stadtstaaten Hamburg (Platz 1) und Berlin (Platz 5) auch in der Spitzengruppe der beliebtesten Bundesländer vertreten. Außerdem gehören Baden-Württemberg, Bayern und NRW zu den attraktivsten Arbeitsorten.

Insgesamt hat die Aversion gegenüber der Arbeit in Landgemeinden zwar leicht abgenommen, der Abstand zu den beliebten Regionen bleibt aber groß. Das hängt laut Gassen vermutlich mit den sogenannten „weichen“ Faktoren zusammen. Diese würden eine immer stärkere Rolle bei der Wahl für ein Fachgebiet einnehmen. Bei den Erwartungen künftiger Ärzte wurde der Punkt „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ (94,7 Prozent) am häufigsten genannt (Grafik 1). Außerdem zählen eine flexible Gestaltung der Arbeitszeit (83,6 Prozent) und eine Kinderbetreuung während der Arbeit (80,9 Prozent) zu den häufigsten Nennungen. In Großstädten seien diese Bedingungen oftmals schlicht leichter zu erfüllen.

Gassen zeigte sich erfreut darüber, dass die Politik inzwischen erkannt habe, dass die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) das Problem alleine nicht lösen können. In vielen Bundesländern gebe es mittlerweile gemeinsame Initiativen der Ärzteschaft, der Landespolitik und der Kommunen. Des Weiteren relativierte er die Ergebnisse: „Die Landflucht, wenn man es mal zugespitzt so nennen will, insbesondere in strukturschwachen Regionen, ist ja kein rein ärztliches Phänomen.“ Wo nicht genügend Patienten sind, könne eine Praxis auch nicht existieren. Und das wisse der Nachwuchs.

Offen für Delegation und Substitution

Eine Möglichkeit, dem Mangel an Fachkräften – in ländlichen und anderen unterversorgten Regionen – entgegenzuwirken, ist es, die Arbeit neu zu verteilen.

In den vergangenen Jahren wurde intensiv über die Übertragung bislang ärztlicher Aufgaben an entsprechend qualifizierte Arztassistenten, Pflegekräfte oder Medizinische Fachangestellte diskutiert, die diese dann eigenverantwortlich übernehmen sollen. Die Autoren der Studie fragten die Teilnehmer nach ihrer Einstellung hierzu. Mehr als die Hälfte (50,6 Prozent) gab an, dass sie solche Entwicklungen begrüßen würden. Die künftige Ärztegeneration steht einer möglichen Um- und Neuverteilung ärztlicher Aufgaben und Leistungen zumindest aufgeschlossen gegenüber. Nur ein Fünftel der Befragten (21,9 Prozent) würde die Verteilung von ärztlichen Aufgaben ablehnen.

Innerhalb der KBV war man für dieses Thema grundsätzlich offen, aber nur unter bestimmten Vorbehalten. Feldmanns Vorgänger, Dr. Andreas Köhler, hatte hierzu in einem Interview Ende vergangenen Jahres gesagt: „Das Prinzip Delegation statt Substitution ist für uns immer oberstes Ziel gewesen.“ Die Verantwortung für Qualität und Angemessenheit einer delegierten Leistung dürfe nicht abgegeben werden, sondern müsse in den Händen der niedergelassenen Ärzte liegen.

Angesichts der vielen Herausforderungen wirft Gassen die Frage auf, was also zu tun sei, und gab selbst die Antwort: „Zunächst einmal müssen wir die Wünsche und Bedürfnisse des Nachwuchses ernst nehmen.“ Mit rigiden Vorschriften sei dies allerdings nicht zu machen. Man könne den Medizininteressierten nicht vorschreiben, was und wie sie zu studieren haben oder wo sie sich später niederlassen sollen. Gerade deswegen sei es aber wichtig, die Rahmenbedingungen für die Aus- und Weiterbildung zu verbessern und die Niederlassungsbedingungen vor Ort so zu gestalten, dass mehr junge Leute sich für die Grundversorgung entscheiden. Gassen betonte, dass die KBV dafür bereits eine Reihe von Vorschlägen gemacht habe. Auch die Politik habe den Handlungsbedarf erkannt und in ihrem Koalitionsvertrag festgehalten. „Jetzt müssen den Plänen Taten folgen.“

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