22. iADH-Kongress

Politik bleibt Weltkongress fern

Die Erwartungen waren groß. Unter der Schirmherrschaft der Bundeszahnärztekammer (BZÄK) wurde im Berliner Estrel Convention Center die 22. Weltkonferenz der Internationalen Vereinigung zur Verbesserung der Mundgesundheit von Menschen mit Behinderungen (iADH) veranstaltet – jedoch ohne einen einzigen Repräsentanten aus der Gesundheitspolitik.

Die erste Reihe auf dem iADH-Kongress (v.l.n.r.): Prof. Andreas G. Schulte, Prof. Dimitris Emmanouil, Dr. Peter Engel, Prof. Dietmar Oesterreich, Prof. Christoph Benz, Dr. Wolfgang Schmiedel und Dr. Andreas Wagner Foto: BZÄK-Axentis.de

Vorreiter in der Behandlung von Menschen mit Behinderung: Die japanischen Gäste bildeten die drittstärkste Delegation auf dem Kongress (nach Deutschland und Schweden). Foto: BZÄK-Axentis.de
v.l.n.r.: Dr. Sebastian Ziller, Prof. Dimitris Emmanouil, Dr. Wolfgang Schmiedel, Dr. Wolfgang Jakobs, Prof. Steven Perlman, Prof. Andreas G. Schulte, Dr. Imke Kaschke, Dr. Peter Engel, Dr. Volker Holthaus, Prof. Dietmar Oesterreich, Prof. Christoph Benz Foto: BZÄK-Axentis.de

Ein schriftliches Grußwort. Das war die Botschaft, die Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) kurz vor Kongressbeginn an die Veranstalter übersendete. Darin räumt er ein, dass weiterhin Nachholbedarf in der Versorgung von Menschen mit Behinderungen und bei pflegebedürftigen Menschen besteht. Aufgrund ihrer besonderen Situation könnten sie eben nicht immer eigenverantwortlich für sich sorgen. Geht es um den Erhalt und die Wiederherstellung ihrer Mundgesundheit seien sie auf Behandlungskonzepte angewiesen, die sich an ihren persönlichen Bedürfnissen orientieren.

Das Kongressmotto “Disability meets medicine” verdeutliche den engen Zusammenhang zwischen Zahnmedizin und Medizin – aus Gröhes Sicht ein wichtiges Thema, das die Bundesregierung in der neuen Approbationsordnung für Zahnärzte berücksichtigen werde, so sein schriftliches Versprechen. An die BZÄK adressierte er: „Als Schirmherrin des Kongresses sieht die BZÄK bei der zahnärztlichen Versorgung von Menschen mit Behinderung einen ihrer versorgungspolitischen Schwerpunkte. Sie hat wesentlich dazu beigetragen, dass die gesetzlichen Rahmenbedingungen für die aufsuchende zahnärztliche Betreuung und die Zusammenarbeit zwischen Zahnärzten und Pflegekräften in Pflegeheimen verbessert wurden.“

Handlungsbedarf bestehe aber weiterhin. Dabei gehe es nicht nur darum, „bauliche“ Barrieren abzubauen. Ziel sei es, dass der Umgang und die Versorgung von behinderten und pflegebedürftigen Menschen zum Normalfall wird. So weit herrscht durchaus Einigkeit mit der BZÄK.

Die Behindertenbeauftragte der Bundesregierung Verena Bentele, selbst von Geburt an blind, war verhindert. Aufgrund eines unregelmäßigen Flugverkehrs konnte die Maschine sie nicht planmäßig nach Berlin bringen. Ihr Grußwort trug Dr. Juliane Gösling, BZÄK-Referentin der Abteilung Zahnärztliche Berufsausübung, vor.

Bedeutsame Tagung für Patienten und Zahnärzte

Nichtsdestotrotz: Für die Betroffenen, aber auch für die deutschen Vertreter aus Standespolitik, Wissenschaft und Praxis war der Kongress eine außerordentlich bedeutsame Veranstaltung: „Es ist eine große Auszeichnung für die deutsche Zahnmedizin, dass die diesjährige Tagung der iADH in Deutschland stattfindet“, äußerte sich Prof. Dr. Andreas G. Schulte, Präsident des Kongresses und Leitender Oberarzt an der Poliklinik für Zahnerhaltungskunde an der Uni Heidelberg. Knapp 800 Teilnehmer, allen voran Deutsche und Gäste aus Schweden und Japan, konnten sich auf dem Weltkongress informieren, welche diagnostischen, präventiven und therapeutischen Methoden bundesweit und in anderen Ländern bei der zahnärztlichen Betreuung von Patienten mit Behinderung angewandt werden. Schulte: „Dies darf jedoch nicht darüber hinweg täuschen, dass auch weiterhin ein großer Forschungsbedarf in Bezug auf die zahnmedizinische Betreuung von Menschen mit zahnmedizinisch relevanter Behinderung besteht.“ Die Mundgesundheit sei vor allem bei Menschen mit geistiger Behinderung im Durchschnitt deutlich schlechter als jene der Gesamtbevölkerung.

Eine Patientengruppe mit schlechter Mundgesundheit

Dies habe mehrere Gründe: Die Patientengruppe ist in unterschiedlichem Maß auf unterstützende Dritte angewiesen, sowohl bei der Mundhygiene selbst als auch beim Besuch des Zahnarztes. Zudem sind die Betroffenen mit Blick auf die zahnärztliche Behandlung weniger belastbar und weniger kooperationsfähig. Wenn Wurzelkanalbehandlungen, prothetische Versorgungen oder Parodontitisbehandlungen bei Menschen mit geistiger Behinderung erforderlich sind, muss diese Therapie häufig abweichend von dem Schema, das üblicherweise in der Allgemeinbevölkerung angewandt wird, er-folgen. In der Konsequenz werden bei Menschen mit geistiger Behinderung mehr Zähne extrahiert als in der Allgemeinbevölkerung. Schulte: „In wissenschaftlichen Untersuchungen muss verstärkt erforscht werden, wie sich karies- und parodontitispräventive Maßnahmen beziehungsweise Früherkennung und Frühbehandlung bei dieser Patientengruppe umsetzen lassen.“

Fehlende Anästhesisten im ländlichen Raum

Der iADH-Kongress wurde in Berlin als Gemeinschaftskongress mit der Jahrestagung vom Berufsverband Deutscher Oralchirurgen (BDO) ausgetragen. Dessen Vorsitzender Dr. Dr. Wolfgang Jakobs beklagte fehlende Anästhesisten im ländlichen Raum Deutschlands bei einer gleichzeitig steigenden Zahl von kompromittierten Patienten. „Geeignete Überwachungs- und Anästhesieverfahren sind eine unabdingbare Voraussetzung für die Teilnahme kompromittierter Patienten an moderner Zahn-, Mund und Kieferheilkunde. Muss sich beispielsweise ein Patient unmittelbar nach einem Herzinfarkt einem oralchirurgischen Eingriff unterziehen, ist eine spezielle Überwachung des Patienten in Kooperation mit einem Anästhesisten unabdingbar.“ Jedoch werde die Versorgung von Hochrisikopatienten immer schwieriger, da immer weniger Anästhesisten zur Verfügung stünden. Auch die zahnärztlich-chirurgische Versorgung von Demenzpatienten werde aufgrund fehlender spezieller Behandlungseinrichtungen zunehmend problematisch. „Die Neuerungen im Bereich der aufsuchenden zahnärztlichen Betreuung bei Heimpatienten können das Problem des zahnärztlich-chirurgischen Behandlungs-bedarfs, etwa der Patienten mit Altersdemenz oder multimorbider Heimpatienten, nicht lösen. Nach Ansicht des BDO sind daher dringend Verbesserungen zur Sicherstellung der Versorgung dieser Problempatienten unabdingbar“, so Jakobs.

25 Jahre Mauerfall – alte Barrieren im Kopf

Der Kongress fiel just auf die Feierlichkeiten „25 Jahre Mauerfall“. iADH-Präsident Prof. Dimitris Emmanouil nahm direkten Bezug zum Jubiläum: „25 years ago this wall was torn down by the people of Berlin. I invite you, tear down the wall, that is around our patients and give them the health they all deserve.“ Special Care Dentistry könne aber nur dann erfolgreich sein, wenn sich das gesamte zahnärztliche Team der Patientengruppe gegenüber aufgeschlossen zeige, betonte der iADH-Präsident. Spitzenreiter in dieser speziellen Versorgungsform seien im Übrigen immer noch die Japaner.

Der BZÄK als Kongressschirmherrin war die Austragung in Berlin besonders vor dem Hintergrund ihres langjährigen Engagements für eine verbesserte zahnärztliche Betreuung von Menschen mit Behinderung ein besonderes Anliegen. BZÄK-Vizepräsident Prof. Dietmar Oesterreich konstatierte: „Gesundheitliche Chancengleichheit und ein fairer Zugang zur Gesundheitsversorgung sind wichtige Eckpfeiler unserer Gesellschaft. Hier gibt es in Deutschland seit Jahren Defizite. Insbesondere bei der Versorgung von Menschen mit Behinderung.“ Dies gelte auch für die Zahnmedizin. Andererseits habe die BZÄK im Jahr 2010 zusammen mit der KZBV, der Deutschen Gesellschaft für Alterszahnmedizin und der Arbeitsgemeinschaft für Behindertenbehandlung im BDO mit dem Konzept „Mundgesund trotz Handicap und hohem Alter“ Vorschläge zur besseren Versorgung gemacht. Dr. Sebastian Ziller, BZÄK-Abteilungsleiter für Prävention und Gesundheitsförderung, stellte das Konzept erstmals ausführlich vor internationalem Publikum vor. Wenngleich der Gesetzgeber neue Regelungen beschlossen hat, reichten diese für eine deutliche Verbesserung längst nicht aus. Besonders in der ambulanten Versorgung bestehe erheblicher Handlungsbedarf. „Die BZÄK plädiert für einen ergänzenden Paragrafen 22a im Sozialgesetzbuch V (SGB V). Darin sollen besondere Leistungen für die zahnärztliche Versorgung von Versicherten mit Handicap aufgenommen werden. Nur so kann dem demografischen Wandel und der Zunahme von Pflegebedürftigen und Menschen mit Behinderung Rechnung getragen werden“, erklärte Oesterreich.

BZÄK-Präsident Engel hofft darauf, dass „die Impulse des Kongresses die Versorgungssituation der Betroffenen in Deutschland und anderen Ländern verbessern werden.“

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Info

Der Team-Tag auf dem iADH-Kongress

Deutsche Teilnehmer nutzten das praxisnahe Teamprogramm, durch das Dr. Guido Elsäßer (Kernen), Mitglied im Scientific Committee des iADH-Kongresses, führte. „Machen Sie sich frei von jeglichen Klisches gegenüber Menschen mit Behinderungen und schätzen sie die Möglichkeiten und Grenzen dieser Patientengruppe richtig ein“, motivierte Prof. Dr. Peter Martin, Chefarzt der Séguin-Klinik (Kehl-Kork).

Jutta Pagel-Steidel, Chefin vom Landesverband für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung Baden-Württemberg e.V. sagte: „Behinderung ist so vielfältig wie das Leben. Verbinden Sie Behinderung nie nur mit Leid und Qual. Und selbst Schwerst-Mehrfachbehinderte spüren, ob sie als Mensch oder als Kostenfaktor wahrgenommen werden.“ Pagel-Steigel bemerkte, dass die Zahnärzte die einzige medizinische Berufsgruppe seien, die sich derart intensiv mit dieser spezifischen Versorgungsproblematik auseinandersetzt.

Über den Umgang mit Kindern mit geistiger und mehrfacher Behinderung sprachen Prof. Roswitha Heinrich-Weltzien (Uni Jena) und Dr. Katharina Bücher (LMU-München). Es sei wichtig, dass das zahnärztliche Team, auch durch den Einsatz von Humor und Empathie, Berührungsängste abbaut. Die Kommunikation müsse patientengerecht in einfacher Sprache erfolgen. Bei dieser Patientengruppe sei der Aufbau einer von Vertrauen und Respekt getragenen Beziehung wichtig. Identifiziert werden müsse der Zeitpunkt, wo das Kind am belastbarsten ist. Die Behandlung solle dann in kleinen Schritten erfolgen. Bei nicht-kooperationsfähigen Patienten müsse eine ITN erwogen werden. Gegebenenfalls seien interdisziplinäre Absprachen erforderlich. Mitunter könne eine Untersuchung ohne Instrumente (nur mit Fingern und Zahnbürste) geeignet sein. Die „Tell-Show-Do“-Technik solle eingesetzt werden. Unter Berücksichtigung ethischer Gesichtspunkte sei eine Sedierung, respektive eine Narkose, kein adäquates Mittel zur Durchführung von rein präventiven Maßnahmen. Die PZR könne vier- bis sechsmal jährlich im Recall-Intervall stattfinden und beinhalte die Entfernung weicher und harter Beläge sowie eine Fluoridierung. Die hohe Frequenz verbessere nicht zuletzt auch die soziale Akzeptanz der Kinder durch die einhergehende Halitosisreduktion.

Auf den Umgang mit Erwachsenen mit geistiger und mehrfacher Behinderung konzentrierten sich Dr. Guido Elsäßer und DH Silvia Reichmann (Kernen). Begleit-personen dieser Patienten könnten Angehörige, pädagogisches Betreuungspersonal, medizinisches Betreuungspersonal oder Hilfspersonal, etwa BuFDis, sein. Leider seien die rechtlichen Betreuer nicht immer bei den Untersuchungen dabei. Denn gerade deren Aufklärung sei, gemäß dem Patientenrechtegesetz, verpflichtend und müsse persönlich, rechtzeitig, verständlich und nicht nur schriftlich erfolgen. Angehörige beziehungsweise Betreuende sollten einfache, realisierbarre Hinweise zur Mundhygiene erhalten, deren Vorteile betont werden sollten. Begleitpersonen könnten eingebunden werden, indem sie den Kopfstützen oder die Hand halten. Die Patienten sollten zunächst gesiezt werden. Die Zahnpasta solle fluoridhaltig, wenig abrasiv, eventuell geschmacksneutral und gegebenenfalls flüssig sein. Zahnputzrituale zu praktizieren, sei hilfreich. Gewalt, etwa die zugehaltene Nase, solle stets unterlassen werden. Gegebenefalls werde nur vestibulär geputzt. Logistisch hilfreich sei die Sondersprechstunde, etwa an einem geblockten Wochentag. Unbenommen des Inklusionsgedankens biete sich diese an, weil Bewohner aus Wohnguppen geschlossen in die Praxis gebracht werden und sich die Patienten dort lautstark aufhalten könnten, ohne andere Patienten zu stören.

Als Best-practice-Beispiele wurden präsentiert: „mobi-dent – die mobile Zahnklinik in Zürich“, „Gruppenprophylaxe für Kinder mit Behinderung“, die „Sektion Zahnmedizin für Menschen mit Behinderungen an der LMU“ sowie das „Zentrum für zahnärztliche und kieferchirurgische Behandlung am Vivantes Klinikum Berlin Neukölln“.

Info

Special Care Dentistry

Neben Menschen mit Behinderung zählen auch ältere und pflegebedürftige Menschen zur Gruppe der sogenannten Risikopatienten. Diese stellen insbesondere bei chirurgischen Eingriffen Zahnärzte vor Herausforderungen und bedürfen oft besonderer Maßnahmen und der Zusammenarbeit mit anderen Medizinern. Deshalb setzt sich die iADH für die Aus-, Weiter- und Fortbildung auf dem Gebiet „Zahnmedizin für Menschen mit besonderen Bedürfnissen“, Special Care Dentistry, ein.

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