Auftakt für die Nationale Kohorte

Blutproben, Datenschutz und Erkenntnis

Fast eine Viertelmillion Bundesbürger sollen in den nächsten zwanzig Jahren medizinisch untersucht und befragt werden, um die Entstehung chronischer Erkrankungen besser verstehen und behandeln zu können. Deutschlands bislang größte Gesundheitsstudie geht an den Start.

Bundesforschungs- ministerin Johanna Wanka appelliert an alle Bürger an der Nationalen Kohorte teilzunehmen, wenn sie schriftlich dazu eingeladen werden. Die Aussagekraft der Studie sei umso höher, je mehr Bürger sich aktiv beteiligten. Foto: Nationale Kohorte e.V.

Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) hat den Startschuss für eine bundesweite Langzeitstudie zu chronischen Krankheiten gegeben. Nach Angaben ihres Ministeriums sollen für die Nationale Kohorte (NAKO) in den nächsten zwanzig Jahren rund 200 000 Menschen zwischen 20 und 69 Jahren regelmäßig untersucht werden. Die Wissenschaftler wollen vor allem neue Erkenntnisse über Volkskrankheiten wie Krebs, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Demenz gewinnen. Die NAKO soll zeigen, wie stark genetische Faktoren, Umweltbedingungen oder der Lebensstil die Entstehung von Krankheiten beeinflussen. Aus den Studienergebnissen sollen Strategien abgeleitet werden, um den häufigsten Krankheiten besser vorbeugen oder sie behandeln zu können.

In Deutschland werden derzeit bereits mehrere mittelgroße Kohortenstudien durchgeführt. Dennoch sehen die Verantwortlichen die Notwendigkeit für eine weitere Studie, noch dazu in dieser Größenordnung. Dadurch ergebe sich in den nächsten Jahren die große Chance, einen enormen Wissensschub im Kampf gegen Volkskrankheiten zu erzielen, sagte Wanka. Die bisherigen Kohortenstudien seien in der Regel thematisch fokussiert. Außerdem seien Probandenzahlen von einigen Tausend Personen deutlich zu niedrig, um die komplexen Zusammenhänge zwischen genetischen und sonstigen Risikofaktoren und deren Wirkung auf die Entwicklung der Volkskrankheiten zu erforschen, erläuterte die Bundesforschungsministerin weiter. Prof. Dr. Karl-Heinz Jöckel, Vorstandsvorsitzender des Vereins Nationale Kohorte, unterstreicht die wissenschaftliche Herausforderung: „Das genaue Zusammenspiel der Faktoren, die bei der Entstehung einer Erkrankung wie Krebs eine Rolle spielen, kennen wir zum großen Teil noch nicht“.

Prävention gegen Volkskrankheiten

In Deutschland sind über zwei Drittel aller Todesfälle auf Krebs, koronare Herzerkrankungen, Schlaganfall oder Diabetes-Erkrankungen zurückzuführen. Studien zeigen, dass Lebensstilfaktoren wie Rauchen, Alkoholkonsum, Ernährung und körperliche Aktivität bei der Entwicklung dieser chronischen Erkrankungen eine wichtige Rolle spielen. Andere mögliche Risikofaktoren sind laut NAKO e.V. virale und bakterielle Infektionen, chronische Entzündungsprozesse, psychosozialer Stress, berufliche und Umwelt-Expositionen sowie Beeinträchtigungen des Immunsystems. Es bleibe jedoch eine ganze Reihe offener Fragen hinsichtlich der genauen Wirkung und Bedeutung dieser Risikofaktoren, ihrer möglichen ursächlichen Zusammenhänge sowie Wechselwirkungen mit genetischer Variabilität, erläuterte Jöckel.

Die Beantwortung dieser Fragen sei eine Voraussetzung dafür, die Risiken besser zu verstehen und sich dann zukünftig besser vor ihnen schützen zu können.

Gemeinsam forschen

Per Zufallsstichprobe werden Männer und Frauen im Alter zwischen 20 und 69 Jahren ausgewählt. Nehmen sie an der Studie teil, werden sie in einem der insgesamt achtzehn bundesweiten Studienzentren untersucht. Die Mediziner nehmen etwa Blut- und DNS-Proben, befragen sie zu ihren Lebensumständen und testen ihre Lungen- und Herz-Kreislauf-Funktionen. In fünf Jahren sollen die Probanden dann erneut untersucht werden.

Besonderes Augenmerk legen die Verantwortlichen auf den Datenschutz. Das Studienprotokoll wurde laut NAKO e.V. gemäß den gesetzlichen Bestimmungen unter ethischen und datenschutzrechtlichen Aspekten einer strengen Prüfung unterzogen. „Nur durch die freiwillige Teilnahme aus Überzeugung und Begeisterung für das Projekt wird die NAKO Erfolg haben“, stellte Jöckel klar. Finanziert wird die 210 Millionen Euro teure Studie durch das Bundesfinanzministerium, vierzehn Bundesländer und die Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren.