Thüringer Zahnärztetag

Einheit statt Konkurrenz

Zahnerhalt und Implantattherapie werden von den Patienten oft als gegensätzliche Behandlungsmöglichkeiten wahrgenommen. Dass beides jedoch als Einheit verstanden werden muss, stand im Mittelpunkt des diesjährigen Fortbildungskongresses in Erfurt.

Eröffnung durch den Präsidenten der Landeszahnärztekammer Thüringen, Dr. Andreas Wagner. Mehr als 1 600 Zahnärzte, Helferinnen und Zahntechniker versammelten sich in Erfurt zum alle zwei Jahre stattfindenden Fortbildungskongress. Foto: zm-nh

„Ein Implantat ist keine Konkurrenz oder Alternative zum Zahnerhalt, sondern eine Lösung für den Ersatz fehlender oder nicht zu erhaltender Zähne“, sagte Dr. Andreas Wagner, Präsident der Landeszahnärztekammer Thüringen (LZKTH), zur Eröffnung des zwölften Thüringer Zahnärztetages. Er spielte damit auf das sich scheinbar widersprechende Kongressthema „Zahnerhalt und Implantat“ an. Prof. Thomas Hoffmann, Direktor der Poliklinik für Parodontologie am Universitätsklinikum Dresden und wissenschaftlicher Leiter des Kongresses, verwies angesichts des demografischen Wandels auf die hohe Bedeutung des Themas. Aus den Daten der Vierten Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS IV) aus dem Jahr 2005 geht hervor, dass Patienten zwischen 35 und 44 Jahren durchschnittlich bereits ein Zahn fehlt.

Patienten zwischen 65 und 74 Jahren fehlen durchschnittlich sogar 22,6 Zähne. Gründe für den Zahnverlust: Karies und parodontale Erkrankungen. Allerdings sei ein spontaner Zahnverlust in Industrieländern mit gut entwickelter zahnärztlicher Versorgung eher selten, bemerkte Referent Prof. Ulrich Schlagenhauf: „Zähne verliert man vor allem durch den Zahnarzt.“ Vorgeschädigte Zähne würden in der Regel extrahiert und neben der rein medizinischen Indikation werde diese Entscheidung häufig von wirtschaftlichen Überlegungen beeinflusst, bemerkte der Leiter der Abteilung für Parodontologie der Universität Würzburg. Statt Extraktion plädiert Schlagenhauf für den Erhalt scheinbar hoffnungsloser Zähne mittels einer parodontalen Therapie nach dem Würzburger Konzept. Ziel sei ein maximal möglicher Zahnerhalt ohne chirurgischen Eingriff. Allerdings benötige die Therapie Zeit, räumte Schlagenhauf ein. Zudem müsse die antiinfektiöse Strategie konsequent beibehalten werden. Eine gute Compliance des Patienten sei für den Behandlungserfolg unerlässlich.

Tipps wie der Zahnarzt den Patienten zur Mitarbeit animieren kann, erläuterte Prof. Christof Dörfer, Direktor der Klinik für Zahnerhaltungskunde und Parodontologie des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein: „Machen Sie mit dem Patienten keine Generalabrechnung, äußern Sie keine Schuldzuweisungen und treffen Sie keine Pauschalaussagen, indem sie ganz allgemein seine Bürsttechnik kritisieren“, erläuterte Dörfer. „Geben Sie ihm stattdessen leicht zu handhabende Hilfsmittel, handeln Sie immer professionell, erzeugen Sie keine Ängste, stärken Sie das Selbstvertrauen der Patienten.“

Erst Parodontitistherapie, dann Implantate

Der Implantologe Prof. Michael Christgau plädierte in seinem Vortrag ebenfalls dafür, dass vor der prothetischen Versorgung immer konsequent die parodontologische Therapie stehen sollte: „Gehen Sie Schritt für Schritt vor. Und nehmen Sie sich Zeit.“ Nach der Anamnese folge der Befund, dann die systemische Vorbereitungsphase, in der es wichtig sei, dem Patienten klarzumachen, dass er mitarbeiten muss. Daraufhin erfolge die nicht-chirurgische Parodontitistherapie. Nach seiner Erfahrung zeige sich, dass die meisten hoffnungs- losen Zähne danach gesunden. Sein Fazit: „Geben sie jedem Zahn erst einmal eine Chance.“

Prof. Roland Frankenberger plädierte für die minimalinvasive Kariestherapie: „Reparaturen am Zahn sind kein Pfusch“, betonte der Direktor der Abteilung für Zahnerhaltungskunde der Philipps-Universität Marburg. „Entfernen Sie zu viel Karies, zerstören Sie den Zahn. Belassen Sie also ruhig ein wenig Restkaries.“ Statt Füllungen immer wieder zu erneuern, seien aktuelle Reparaturstrategien ein enorm schadensreduzierender Weg zur effektiven Vermeidung endodontologischer Komplikationen in der Füllungstherapie, sagte Frankenberger. „Der eigene Zahn wird so möglichst lange erhalten. Wenn sie nicht reparieren, schleifen sie immer was weg.“

Insgesamt zehn wissenschaftliche Vorträge, von Planungsstrategien bis hin zu Präventionsmaßnahmen führten die Teilnehmer durch die zwei Tage. Zusätzlich zum traditionellen Zahnärztetag wurde zum vierten Mal zeitgleich der Studenten-Tag für den zahnärztlichen Nachwuchs ausgerichtet. In diesem Jahr war erstmals auch ein besonderes Vortragsprogramm für Auszubildende im Angebot.nh