Gesellschaft

Sisis schöne Zähne

Im Märchen haben Prinzessinnen gewöhnlich wunderschöne Zähne. Doch wie sieht es in der Realität aus? Böse Zungen behaupten, dass die Zähne der berühmten Kaiserin Elisabeth von Österreich nicht einwandfrei waren. Ein Blick in die Originalrechnungen klärt auf.

<h2>Die Kaiserin: Elisabeth von Österreich</h2>

„Nebenbei bemerkt, habe ich die Kaiserin Elisabeth einmal im Leben in der Nähe des Hotels Europa in Salzburg gesehen, beiläufig dort, wo später eine Zeit lang ihr schönes Denkmal stand. Es war knapp vor ihrem Tode. Sie war unerhört mager – auch durch künstliche Abmagerungskuren – und hielt ständig ihr Taschentuch vor dem Munde, da ihre Zähne sehr schlecht waren, sie aber keinem Zahnarzt einen Eingriff gestattete …“

Die obenstehende Schilderung von General Edmund Glaises von Horstenau [Ein General im Zwielicht, Die Erinnerungen von Edmund Glaises von Horstenau. Graz, 1980. S. 167] täuscht. Denn die Kaiserin von Österreich und Königin von Ungarn (1837–1898) hat zeitlebens, anders als von Horstenau vermutete, regelmäßig ihre Zähne gepflegt und stets Zahnärzte aufgesucht oder hat sich von diesen aufsuchen lassen.

<h2>Der Edelmann: Zahnarzt Raimund Günther</h2>

Raimund Günther wurde 1833 im nord-böhmischen Leitmeritz geboren, war seit 1863 approbierter Zahnarzt im Kaiserreich Österreich, ab 1867 Hofzahnarzt, kaiserlicher und königlicher Regierungsrat und wurde 1890 zum Edlen von Kronmyrth geadelt. Seine Praxis befand sich im I. Wiener Bezirk in der Freisingergasse 6. Die Praxis lag nicht weit von der Hofburg entfernt [vgl. Zahnärztlicher Almanach 1881, Hrsg. Adolf Petermann, Frankfurt am Main, 1881. S. 26].

Einige Rechnungen des Wiener Zahnarztes Günther sind im Österreichischen Staatsarchiv erhalten geblieben. Sie befinden sich in den Beständen des Obersthofmeisteramts der Kaiserin. Exemplarisch sind die Rechnungen für die Jahre 1886, 1891, 1894, 1895, 1896 (Kopien der Originale lagen dem Autor vor). Die Rechnung für das Jahr 1891 beinhaltet auch Behandlungen der jüngsten Tochter der Kaiserin, Erzherzogin Marie Valerie (1868–1924). Diese Liquidierung (siehe Abbildung S. 54) belief sich auf circa 3.500 Euro nach heutigem Wert. Die Jahresrechnung für 1895 führt auch die Lieferung von diversen Produkten zur Zahnreinigung und Pflege, wie Zahnbürsten, gebogene Zahnbürsten und Zahnpulver, auf.

Die Rechnung und das Zahnbesteck legen die Vermutung nah, dass Günther bei seinen Visiten auch eine intensive Zahnreinigung bei der Kaiserin vorgenommen hat, wie wir sie aus unseren Tagen kennen. Die Visiten fanden unter anderem in der Hofburg, in Schloss Schönbrunn und in der Hermesvilla in Lainz bei Wien statt, die Kaiser Franz Joseph I. (1830–1916) zu Anfang der 1880er-Jahre für die Kaiserin vom Architekten Carl Freiherr von Hasenauer (1833–1894) erbauen ließ.

<h2>Ein Gerücht macht die Runde</h2>

Weil die Geschichte so schön ist, hier noch einmal zur Erinnerung: Das Gerücht von den schlechten Zähnen kam auf, weil die Schauspielerin Rosa Albach-Retty (1874–1980), die Großmutter von Romy Schneider, behauptet hatte, sie habe die Kaiserin in der Konditorei Zauner im Kurort Bad Ischl beobachtet, wie diese ihre Zahnprothese gereinigt habe. In dem Buch „Kaiserin wider Willen“ der Historikerin Brigitte Hamann wird aus der Konditorei ein „Landgasthaus“. Beides gehört sicher ins Reich der Legenden. Die Kaiserin von Österreich, die stets auf eine tadellose Erscheinung geachtet hat, säuberte in der Öffentlichkeit sicher keine „dritten Zähne“.

Anhand des aktuellen Kenntnisstands lässt sich folgende Schlussfolgerung über den Zahngesundheitszustand der Kaiserin mutmaßen: Hätte die Kaiserin eine Voll- oder Teilprothese getragen, so wäre dies sicher im Obduktionsbericht von 1898 vermerkt worden. Aus den erhaltenen Rechnungen von Raimund Günther geht aber hervor, dass neben einer regelmäßigen Zahnreinigung und der Lieferung aller notwendigen Utensilien zur Pflege der Zähne auch Operationen vorgenommen wurden. Leider wird nicht genannt, um welche zahnmedizinischen Behandlungen es genau ging.

Bei einer Frau, die zwar regelmäßig die Zähne reinigte, könnten im Laufe des Lebens natürlich Zahnfüllungen notwendig geworden sein. Im fortgeschrittenen Alter könnte die Kaiserin auch in den Genuss von Jacket-Kronen gekommen sein. Seit den 1880er-Jahren waren die sogenannten Richmondkronen – eine Ringstiftkrone – in Gebrauch. In die Zahnwurzel wurde ein Porzellanstift eingesetzt, auf dem dann die Krone befestigt war. Manchmal wurde der Übergang zwischen ursprünglichem Zahn und Krone mit einem Goldring verstärkt. Möglich ist natürlich, dass die Kaiserin von Natur aus keine optimale Zahnstellung und keine strahlend-weiße Zahnfarbe besaß.

Aber dies hätte noch keine zahnmedizinische Behandlung erfordert, hätte aber eine Frau und Kaiserin stören können. Vielleicht ist das ein Grund für die Gerüchte um ihre „schlechten“ Zähne? Wie der Zahnstatus der Kaiserin von Österreich ganz sicher war – dies zu wissen, wird späteren Generationen vorbehalten bleiben.

Seit einigen Jahren werden die Särge der Erzherzöge und Kaiser und ihrer Frauen und Kinder in der Kapuzinergruft in Wien, der Grablege des Hauses Habsburg, restauriert und zu diesem Zweck auch geöffnet. Allerdings sind die Särge des Kaisers Franz Joseph I. und der Kaiserin Elisabeth noch so gut erhalten, dass erst in ferner Zukunft vielleicht ein interessierter Wissenschaftler nach der Öffnung des Sarges auf das Gebiss Elisabeths schaut und letzte Wahrheiten verkünden kann.

<em>Kay Lutze, M.A.<br />Lievenstr. 13<br />40724 Hilden<br />kaylutze@ish.de</em>

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