German Doctors in Nicaragua

Tortillas als Grundnahrung

Weniger als zwei US-Dollar pro Tag – damit muss in Nicaragua fast die Hälfte der Bevölkerung auskommen. Viele Menschen ernähren sich deshalb ausschließlich von Maisfladen und Salz. Mundhygiene findet kaum statt. Und der Zugang zu ärztlicher und zu zahnärztlicher Behandlung ist erschwert. In Ocotal, der Hauptstadt von Nueva Segovia, dem ärmsten Verwaltungsbezirk des Landes, ist der Verein German Doctors aktiv, um genau dies zu ändern.

links: German-Doctors-Zahnärztin Julia Mansouri (r.) mit Assistentin Alba bei der Zahnbehandlung in einer externen „Consulta“. Foto: privat

unten: Metallteilkronen gelten in Nicaragua als Luxusprodukt. Die Qualität des Zahnersatzes ist aber oft schlecht und es bildet sich häufig Sekundärkaries. Foto: privat
Schick und edel: Die Frontzahnbrücke eines 29-jährigen Patienten dient als Schmuck. Foto: privat
Serienextraktion: Einer 38-jährigen Patientin müssen mehrere Zähne entfernt werden. Foto: privat

Das Land wirbt mit kostenlosen, flächendeckenden Gesundheitszentren, die jedoch häufig nicht mit ärztlichem und noch seltener mit zahnärztlichem Personal besetzt sind und die keine kontinuierliche Medikamentenversorgung aufgrund von mangelndem Budget sicherstellen können. Durch die fehlende oder zu kosten- intensive Anbindung an ärztlich besetzte Gesundheitszentren in größeren Orten und durch die nur schwer zu erhaltenden oder nicht bezahlbaren Medikamente fehlt die medizinische Basisversorgung für große Teile der Landbevölkerung.

Der Verein German Doctors ist die einzige Hilfsorganisation in der nördlichen Region des Landes, die kontinuierlich tätig ist. Ziel des Hilfswerks ist es, für die arme und isoliert lebende Bevölkerung eine medizinische Basisversorgung anzubieten. Jeden Tag startet das Team, bestehend aus einem Zahnarzt, einem Humanmediziner, drei einheimischen Krankenschwestern sowie einem Fahrer, mit einer mobilen Klinik von Ocotal aus, um auf landschaftlich eindrucksvollen, vom Zustand her aber abenteuerlichen Straßen verstreut in den Bergen liegende, kleine Ortschaften zu erreichen. Nach bis zu zweistündiger Fahrt erreicht das Team die indigene und mestizische Landbevölkerung. Die Patienten laufen aus den umliegenden Streusiedlungen oft mehrere Stunden, um die „Consultas“ zu erreichen. In den Sprechstunden werden akute Behandlungen, langfristige Therapien, Medikamentenhilfe sowie der Versuch der Prävention und Prophylaxe betrieben.

Kein Geld für ’ne Zahnbürste

Die Zahnärzte können bei den externen „Consultas“ ausschließlich Extraktionen und Befundaufnahmen vornehmen. In der Regel haben die Patienten einen schlechten Zahnstatus. Mundhygiene ist meistens völlig unbekannt, Zahnbürsten und -pasta sind fremd oder unerschwinglich für die Patienten. Durch den zusätzlichen regen Genuss von gesüßten Getränken (Limonade und selbst angebauter Kaffee), ist es nicht erstaunlich, stark kariöse Gebisse beziehungsweise partielle oder totale Zahnlosigkeit in jeder Altersgruppe vorzufinden. Vor allem die Oberkieferinzisiven und die ersten Molaren sind häufig schon im jugendlichen Alter kariös oder fehlend. Durch den früh-zeitigen Verlust der Milchzähne sind starke Fehlstellungen und retinierte Zähne keine Seltenheit. Trotz des häufig desaströsen Zahnstatus wollen viele Patienten nur den schmerzenden Zahn gezogen bekommen. Wenn etwas nicht weh tut, wird es nicht als ungesund angesehen. Auch wenn die Wurzel schon im Pus steht, hat man trotz Aufklärung des Öfteren keinen Erfolg. Insgesamt sind die Patienten jedoch sehr kooperativ und unkompliziert. Bei Serien-extraktionen beschwert sich keiner; selbstverständlich auch nicht über den Heimweg, der bei hohen Temperaturen und auf schlechten, steilen Wegen angetreten wird. Manchmal wundert man sich, wie die Menschen dies körperlich schaffen.

Zweimal wöchentlich bleibt der Zahnarzt in Ocotal. Eine funktionstüchtige Einheit ist vorhanden, wodurch auch zahnerhaltende Maßnahmen in Form von Füllungstherapien möglich sind sowie chirurgisch notwendige Eingriffe ausgeführt werden können. In ausgewählten Fällen kann man Wurzelfüllungen im Frontzahnbereich machen. Die konservative und prothetische Therapieform ist im staatlich angebotenen Gesundheits- wesen nicht enthalten und bei niedergelassenen Zahnärzten für die durchschnittliche Bevölkerung nicht erschwinglich. Wenn man als Patient Glück hat und ein Zahnarzt in einem Gesundheitsposten anwesend ist, muss man zusätzliches Glück haben, dass ein Anästhetikum vorhanden ist. Sonst kommt der Zahn ohne Betäubung raus.

Nur ein Tropfen auf den heißen Stein

Trotz der Armut haben Patienten im Frontzahnbereich häufig Metallteilkronen oder -brücken. Da dies als Zeichen von Wohlstand betrachtet wird, geben viele ihre ganzen Ersparnisse für diesen „Luxus“ her. Leider ist die Qualität dieses „Zahnersatzes“ schlecht, was das unausweichliche Auftreten von Sekundärkaries zur Folge hat.

Mundgesundheits- und Ernährungsaufklärung werden seitens des German-Doctors-Teams betrieben, wobei sich dies zuweilen wie der berühmte Tropfen auf den heißen Stein anfühlt. Das staatliche Gesundheitswesen betreibt keine Aufklärung oder Prophylaxearbeit. Wie sollen also Eltern, die selber nie eine Zahnbürste gesehen haben, ihren Kindern die tägliche Zahnpflege beibringen?

Immerhin – ein allgemeines Hygiene- bewusstsein besteht in Nicaragua. Der Staat hat auch in den abgelegendsten Gegenden belüftete Standard-Gruben- toilettenhäuschen angebracht und die Menschen betreiben insgesamt eine gute Körperpflege. Wenn dieses Bewusstsein auch auf die Mundhygiene übergehen könnte, wäre viel gewonnen.

Julie Mansouri
Einsatzärztin German Doctors e.V.
mansouri.julie@gmail.com

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