Staatsanleihenkäufe der EZB

3000 Euro für jeden

Die Europäische Zentralbank kauft für viele Milliarden Euro Anleihen auf, um die Konjunktur in den Euro-Ländern zu fördern und eine Deflation zu verhindern. Die Schweizer Nationalbank koppelt den Franken vom Euro ab, der Ölpreis sinkt immer weiter. Für Anleger sind das beunruhigende Nachrichten. Um darauf richtig reagieren zu können, sollte man die Wirkung dieser Maßnahmen und Entwicklungen kennen.

Eins zu eins: Durch die Abwertung des Schweizer Franken bekommt man jetzt für einen Euro – statt 1,20 Franken – nur noch einen Franken. Foto: Schlierner – Fotolia.com

Für Importwaren wie Schweizer Schokolade müssen die Deutschen künftig mehr bezahlen. Foto: HappyAlex – Fotolia.com

Am 22. Januar fuhr Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), sein schwerstes Geschütz auf. Geladen ist es mit 1 140 Milliarden Euro. In monatlichen Rationen von 60 Milliarden Euro kauft die EZB beziehungsweise kaufen die einzelnen Notenbanken Staatsanleihen auf. „Quantitative Easing“, abgekürzt QE, heißt die Maßnahme, über die seit Wochen heiß diskutiert wurde. Reichte im Sommer 2012 allein die Ankündigung, die EZB werde zur Not auch in hohem Maß Staatsanleihen aufkaufen, um das erneute Aufleben einer Krise einzudämmen, machte er jetzt ernst.

Gekauft werden Anleihen von Ländern mit sicherem Rating wie Deutschland oder die Niederlande. Die Menge ist jeweils auf ein Drittel der ausgegebenen Papiere beschränkt. Danach würde Griechenland herausfallen, weil die Bonität zu schlecht ist und die Euro-Bank bereits in hohem Maß Anleihen der Griechen besitzt. Das Programm umsetzen sollen in der Hauptsache die landeseigenen Notenbanken. Sie tragen auch die Risiken, wenn die Anleihen nicht zurückgezahlt werden können. Das Ausfallrisiko beschränkt sich anteilig auf die acht Prozent Anleihen, die die EZB selbst kaufen wird. Dazu kommen zwölf Prozent des Gesamtbetrags, die für Anleihen europäischer Institutionen wie die Europäische Investitionsbank ausgegeben werden. Die Zentral- banken haften also für ihre eigenen Aufkäufe und anteilig für die Belastungen der EZB und für die zwölf Prozent. Wird allerdings ein Land komplett zahlungsunfähig, tragen die anderen Euroländer dann doch wieder dessen Schuldenlast. Hätte man die Gesamtsumme direkt an die Einwohner verteilt, wäre jeder um mehr als 3 000 Euro reicher.

Frisches Geld in den Kreislauf pumpen

Die Gründe, die die EZB zu dem umstrittenen Schritt veranlasst haben, sind:

• die schwache Konjunktur

Die Wirtschaft in der Eurozone wächst nur langsam. Für 2015 rechnen Wirtschaftsexperten mit einem Wachstum von 0,7 Prozent. Das ist zu wenig, vor allem für die Krisenländer Griechenland, Italien, Spanien oder Portugal. Generell geben die Verbraucher weniger Geld aus – entsprechend sinkt die Nachfrage nach Gütern. Drahgi will nun den Konsum wieder anregen. Der Gedanke ist: Wenn die EZB den Banken die Staats- anleihen abkauft, gelangt frisches Geld in den Kreislauf. Die Kreditvergabe wird erleichtert, die Zinsen sinken weiter, Unternehmen können mehr investieren, mehr Aktien werden gekauft und die Konjunktur nimmt Fahrt auf. So der Wunsch.

Nach der Verkündung des Programms gingen die Zinsen, zu denen sich die Länder jetzt verschulden können, sofort auf Talfahrt. So kann Frankreich sich jetzt auf zehn Jahre zu 0,6 Prozent verschulden. Spanien muss 1,39 und Italien 1,58 Prozent zahlen. „Warum sollte man sich zusätzliche Sparzwänge auferlegen, wenn Geld so billig zu haben ist?“ – dieser Meinung ist jedenfalls Dr. Andreas Beck, Chef des Münchner Instituts für Vermögensbildung. „Keiner zahlt mehr Kredite zurück, für die er keine Zinsen bezahlen muss.“ Der deutsche Finanzminister konnte Mitte Januar sogar für null Prozent einen fünfjährigen Kredit über fünf Milliarden Euro aufnehmen.

•die Angst vor einer Deflation

Der Hauptantrieb für QE aber ist die Angst vor einer möglichen Deflation. Im Dezember 2014 erreichte die Inflationsrate im Euroraum mit 0,2 Prozent den tiefsten Stand seit 2009. In Deutschland waren es sogar nur 0,1 Prozent. Würden die Preise sogar sinken, spräche man von Deflation. Eine Folge wäre, dass die Verbraucher in der Hoffnung auf weiter sinkende Preise ihren Konsum drosseln würden. Weil dann die Nachfrage sinkt, fahren die Unternehmen ihre Produktion zurück und investieren nicht mehr. Die Gewinne sinken und die Löhne stagnieren oder werden reduziert. Die Konjunktur kommt zum Erliegen. Häuslebauer, die ihr Haus mit einem hohen Kredit zu 80 Prozent des Kaufpreises finanziert haben, geraten bei Deflation ebenfalls in die Bredouille. Sinkt der Wert des Hauses, steigt automatisch die Beleihung.

Kritiker wie der Chef des Münchner Ifo-Instituts Hans-Werner Sinn halten dagegen. Er rechnet vor, dass die niedrige Inflationsrate in erster Linie mit dem extrem gefallenen Ölpreis zu begründen ist. Dieser hat sich von mehr als 100 Dollar pro Barrel auf rund 50 Dollar halbiert. Laut Ifo-Institut trägt das allein 0,4 Prozent zum Sinken der Teuerungsrate bei.

Die Geldflut der EZB soll dabei helfen, die Inflationsrate auf die gewünscht Höhe von knapp zwei Prozent zu bringen. Und dieses Ziel hat für Draghi oberste Priorität. Auf der Pressekonferenz bekundete er: „Wir kaufen so lange, bis die Inflation steigt.“

• der niedrige Eurokurs

Ein weiterer Wunsch der EZB ist es, dass professionelle Investoren wie Banken, Pensionsfonds oder Versicherungen die vielen Euros, die sie ihnen für die Staatsanleihen zahlt, auch in anderen Währungen wie Dollar oder Schweizer Franken anlegen. Das würde dazu beitragen, dass der Kurs des Euro weiter sinkt. Zuletzt stand er bei 1,14 Dollar für einen Euro. Vor einem halben Jahr kostete der Euro noch 1,40 Dollar. Einen weiteren Dämpfer verpasste die Schweizer Notenbank dem Euro. Sie koppelte den Franken vom Euro ab, weil sie befürchtete, dass der Kurs des Euro dank QE an Wert verlieren könnte. Bislang hatten die Eidgenossen den Kurs ihrer Währung bei 1,20 Franken für einen Euro gehalten, in dem sie Euros aufgekauft haben. Sie halten inzwischen riesige Bestände. Ein weiteres Absinken des Euro hätte sie zu noch größeren Aufkäufen gezwungen. Zugleich verlieren ihre Bestände an Wert. Also hat man die Notbremse gezogen – sehr zum Verdruss der eigenen Tourismusindustrie. Inzwischen können sich nicht mehr viele Urlauber die teure Schweiz leisten. Der Wert des Franken schoss in die Höhe, entsprechend verlor der Euro. Draghi findet diese Entwicklung in Ordnung. Hilft sie doch dabei, die Exportindustrie zu unterstützen, die dann ihre Waren günstiger im Ausland verkaufen kann.

Die Altersvorsorge steht auf dem Spiel

Und wie wirken sich diese Maß-nahmen im Alltag der privaten Anleger und Verbraucher aus? Die Deutsche Kreditwirtschaft befürchtet: „Die expansive Geldpolitik der EZB belastet die Sparer und ge-fährdet die private Altersvorsorge. Anhaltende Zinsen nahe null schädigen die Altersvorsorge in Deutschland.“ Tatsache ist, dass die Sparer seit rund sechs Jahren mit sinkenden Zinsen kämpfen. Ein Ende ist ferner denn je.

•Zinsanlagen

Auf Sparbüchern und Tagesgeldkonten herrscht in den nächsten Jahren Ebbe. Besonders Altkunden, die ihrer Bank seit Jahren die Treue halten, werden unter weiter sinkenden Zinsen zu leiden haben. Sie sollten sich überlegen, ob sie nicht am Bankhopping teilnehmen und zumindest für Tages- und Festgeld bessere Angebote als Neukunden bei anderen Instituten nutzen. Interessenten finden sie auf Vergleichsportalen wie www.fmh.de, www.biallo.de oder www.tagesgeldvergleich.de. Für Festgeld bieten Auslandsbanken die höchsten Zinsen. Darum sollten sich Anleger bald kümmern. Denn nach unten passen sich Guthabenzinsen besonders schnell an.

•Lebensversicherungen

Dieses Modell der Altersvorsorge dürfte nun endgültig ausgedient haben. Wer noch Altverträge mit hohen Garantiezinsen besitzt, darf sich freuen. Doch bereits jetzt haben einige Gesellschaften Schwierigkeiten bei den Auszahlungen, weil sie ihre Reserven nur in begrenztem Maß dafür nutzen dürfen. Die Lebensversicherer legen das Geld der Beitragszahler meist in festverzinslichen Wertpapieren an, die bereits seit Jahren nur niedrige Zinsen bringen. Diese Situation wird sich verschärfen. Hermann-Josef Tenhagen, Chef des Verbraucher- portals Finanztip, rechnete im Brennpunkt der ARD vor: „Das Problem ist, dass der Zinseszinseffekt fast wegfällt. So verdoppelt sich ein Anlagebetrag, der mit vier Prozent verzinst wird, innerhalb von 18 Jahren. Gibt es nur ein Prozent Zinsen, dauert es 70 Jahre.“

• Aktien

Die vielen Milliarden werden die Aktien- kurse wahrscheinlich in ungeahnte Höhen treiben. Am Verkündungstag erreichte der Dax mit 10 454 Punkten einen neuen Höchststand. Auch private Anleger können davon profitieren, wenn sie zu Risiken bereit sind. Viele Experten rechnen in diesem Jahr mit stark schwankenden Kursen. Besonnene Investoren konzentrieren sich auf bewährte Substanz-werte, die gute Dividenden zahlen. Doch Beck rät: „Wer bisher Risiken gescheut hat, sollte sich nicht unter Druck setzen lassen und sich nicht auf unbekanntes Terrain begeben.“

• Kredite

Wer jetzt oder in naher Zukunft Schulden macht, gehört zu den Gewinnern. Denn die Kreditzinsen dürften noch weiter sinken, allerdings bestimmt nicht in dem Tempo wie die Guthabenzinsen. Wer über den Kauf eines Hauses nachdenkt, kann sich also viel Zeit lassen und in aller Ruhe nach einem geeigneten Objekt suchen. Die Gefahr überhöhte Preise für Immobilien zu zahlen, dürfte eher zunehmen. Dank der günstigen Konditionen können sich Schuldner höhere Tilgungsraten leisten. Dann ist der Kredit vielleicht schon abgezahlt, wenn die Zinsen irgendwann wieder steigen.

• Konsum

Waren aus den Euroländern dürften billiger werden. Aber für alles, was von jenseits der Eurogrenzen importiert wird, müssen die Deutschen mehr bezahlen. Dazu gehört zum Beispiel die Ananas aus Costa Rica oder die Schweizer Schokolade. Auch für einen Urlaub in den USA oder in England muss man mehr Geld zur Seite legen. Den Ski- urlaub in der Schweiz dürften sich nur noch wenige leisten können. Die Kaufkraft des Euro beträgt dort nur noch 55 Cent. Waren und Dienstleistungen sind fast doppelt so teuer wie in Deutschland. Günstiger wäre ein Urlaub in der Slowakei. Dort zahlt man einen Euro für Leistungen, die hierzulande 1,49 Euro kosten.

Marlene Endruweit
Fachjournalistin für Wirtschaft
m.endruweit@netcologne.de

64998916489121648912764891286475052 6499892 6489130
preload image 1preload image 2preload image 3preload image 4preload image 5preload image 6preload image 7preload image 8preload image 9preload image 10preload image 11preload image 12preload image 13preload image 14preload image 15preload image 16preload image 17preload image 18preload image 19preload image 20preload image 21preload image 22preload image 23preload image 24preload image 25preload image 26preload image 27preload image 28preload image 29preload image 30preload image 31preload image 32preload image 33preload image 34preload image 35preload image 36preload image 37preload image 38preload image 39preload image 40preload image 41preload image 42preload image 43preload image 44preload image 45preload image 46preload image 47preload image 48preload image 49preload image 50preload image 51preload image 52preload image 53preload image 54preload image 55preload image 56preload image 57preload image 58preload image 59preload image 60preload image 61preload image 62preload Themeimage 0preload Themeimage 1preload Themeimage 2preload Themeimage 3preload Themeimage 4preload Themeimage 5preload Themeimage 6preload Themeimage 7preload Themeimage 8preload Themeimage 9preload Themeimage 10preload Themeimage 11preload Themeimage 12preload Themeimage 13preload Themeimage 14preload Themeimage 15preload Themeimage 16preload Themeimage 17preload Themeimage 18preload Themeimage 19preload Themeimage 20preload Themeimage 21preload Themeimage 22preload Themeimage 23preload Themeimage 24preload Themeimage 25preload Themeimage 26preload Themeimage 27preload Themeimage 28
Bitte bestätigen Sie
Nein
Ja
Information
Ok
loginform
Kommentarvorschau
Kommentarvorschau schliessen
Antwort abbrechen
Ihr Kommentar ist eine Antwort auf den folgenden Kommentar

Keine Kommentare




Weitere Bilder
Bilder schließen