Versorgungsforschung

Kein Königsweg in Sicht

Die Qualitätsdebatte in der Versorgungsforschung ist nicht neu. Seit Jahren streiten sich Wissenschaftler, Politiker und Ärzte über die richtige Methodik. Der Königsweg wurde bislang nicht gefunden. Auf dem Monitor Versorgungsforschung Fachkongress in Berlin wurden verschiedene aktuelle Ansätze zusammengetragen.

Konzentration auf dem MVF-Kongress: Darüber, wie sich die Qualität in der Versorgung am besten nachweisen lässt, gibt es durchaus verschiedene Meinungen. Foto: zm-jt

„Wenn Qualitätsindikatoren optimiert werden, dann geschieht das oft im Sinne der Partikularinteressen“, schilderte Prof. Reinhold Roski, Kongresspräsident und Herausgeber des Monitors Versorgungsforschung, in seinem Grußwort das Dilemma. Und warf darüber hinaus die Frage auf: „Wie groß ist der Patienteneinfluss und wie kann man ihn stärken?“

Die Forschungsgemeinde muss mehr meckern

Der Gesundheitspolitiker Prof. Karl Lauterbach (SPD) trug die Forderungen der Politik vor. Sein grundsätzlicher Appell an Wissenschaft und Forschung: „Meckern Sie mehr!“ Er sei zutiefst überrascht, dass nicht bessere Förderungen verlangt werden. Beispielsweise für die Finanzierung von Fortsetzungsstudien. „Um Fördermittel zu erhalten, müssen Studien in Deutschland immer noch möglichst neue Fragestellungen aufgreifen.“

Dabei könne die Arbeit an bereits laufenden Forschungsprojekten wesentlich mehr relevante Daten für die Versorgungsforschung liefern. Als einen politischen Fehler bezeichnete er die Vorgabe des Finanzministeriums, dass die Mittel des Innovationsfonds (insgesamt 75 Millionen Euro) nicht auf andere Forschungsprojekte übertragbar sein sollen. Eine Verbesserung in der Datenlage erhoffe er sich von der Neugründung des Instituts für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTiG). Dies solle Versorgungsdaten künftig auch für die Forschung bereitstellen. Als positives Beispiel für die Erfassung und Bereitstellung von Gesundheitsdaten nannte Lauterbach die Health-Service-Research-Programme in den USA und in Großbritannien.

Neben den Bedingungen, für Fördermittelfreigaben, kritisierte Lauterbach auch die Methodik vieler Studien. Der Havard-Gastdozent sagte: „Wenn ich noch mal an die Hochschule ginge, würde ich den Studenten drei Dinge empfehlen: Methodik, Methodik und Methodik.“ Viele Studien blieben unter ihrem Wert, da zu viel Energie in ein „aufregendes Statistikdesign“ gesteckt werde, anstatt mit klassischer Statistik valide Ergebnisse zu produzieren. Der Politiker schätzt: „In der Versorgungsforschung bringen maximal zehn Prozent der publizierten Studien einen Mehrwert.“ Dabei gebe es viele gute Ideen, die aber leider schlecht umgesetzt würden.

Die Frage, was die richtige Grundlage für eine valide Datenbasis ist und - vor allem - welche Daten denn die richtigen sind, bewegte auch die Gemüter der nachfolgenden Referenten. Namentlich waren das Prof. Matthias Schrappe von der Universität Köln und PD Dr. Lutz Fritsche, medizinischer Vorstand der Paul Gerhardt Diakonie, die verschiedene Auffassungen über die zu erfassenden Daten vertraten und dies engagiert vortrugen.

Schrappe machte die derzeitige Fehlentwicklung in der deutschen Versorgungsforschung an der Fixierung auf Routinedaten fest. Die seien zwar leicht zu erheben, aber eher für Abrechnungszwecke zu gebrauchen. Die meisten Indikatoren seien seiner Meinung nach zudem nicht dazu geeignet, Qualitätskriterien genau zu unterscheiden. Er sehe daher keinen Sinn darin, immer mehr Daten zu erfassen: „Mit den Routinedaten messen wir nur die Vergütungseffekte, nicht die Qualität.“ Fritsche sprach sich - entgegen der Darstellung von Schrappe - für die Auswertung von Routinedaten aus. Er zitierte internationale Studien, nach denen sich selbst die Mortalitätsrate allein als Qualitätsindikator eigne.

Zudem kritisierte er die Kultur des Datenschutzes in Deutschland, die oftmals „einen Riegel vorschieben“ würde. Auch dass das Deutsche Institut für medizinische Dokumentation keine Negativtabellen veröffentlicht, könne er nicht nachvollziehen. Das Pauschalsystem diagnosebezogener Fallgruppen sorge außerdem nach wie vor dafür, dass schlechte medizinische Leistungen vergütet werden.

KBV verwendet bereits „scharfe Instrumente“

Dr. Franziska Diel, KBV-Qualitätsmanagement-Expertin wies darauf hin, dass niedergelassene Ärzte bei nachgewiesenen Qualitätsmängeln bereits Vergütungsabschläge hinnehmen müssen. Ärzte und einzelne Behandlungen dieser Ärzte würden per zufälliger Stichproben ausgewählt und in Peer-Reviews unter die Lupe genommen. „Das geht über die reine Datenerhebung hinaus. Die Fälle werden real begutachtet“, sagte Diel. Auf Auffälligkeiten reagierten die Prüfer mit Beratungsangeboten, mit Auflagen und auch mit Honorarrückforderungen.

Die ambulante Versorgung kenne auch die externe Qualitätssicherung anhand von Indikatoren, sagte Diel. Diese gebe es zum Beispiel in der Dialyse-Richtlinie. Diel räumte aber ein, dass es nach wie vor Qualitätsmängel bei der Arthroskopie gebe.

„In der ganzen Debatte über die Indikatoren darf der Patient nicht aus dem Blick geraten“, forderte Dr. Willibert Strunz, LAG Selbsthilfe NRW. Denn die fühlten sich oft instrumentalisiert und außen vor gelassen. In einem zumindest waren sich alle Referenten einig: Die Versorgungsforschung befindet sich im Umbruch. Lauterbach sagte hierzu: „Durch Migration und Zuzug werden wir es künftig mit sehr unterschiedlichen Gesundheitsverhalten zu tun haben, über die wir noch sehr wenig wissen.“

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