Schlafmedizin

Die innere Uhr hinkt hinterher

Früher war der Tag Tag und die Nacht Nacht. Der Takt der Sonne bestimmte das Leben. Heute sind die Alltagsstrukturen losgelöst vom Lichtrhythmus des Tages. Doch der durch künstliches Licht verlängerte Tag passt nicht recht zur Chronotypologie des Menschen, die innere Uhr tickt anders. Stimmt aber die innere Uhr nicht mit der äußeren Zeit überein, droht ein „sozialer Jetlag“ – unzureichender Schlaf und geminderte Leistungsfähigkeit.

„In a city that doesn’t sleep“ pulsiert das Leben auch nachts. Doch die Schlaflosigkeit der heutigen Welt entspricht nicht der inneren Uhr des Menschen. Foto: picture-alliance

Schulbeginn: Morgens um acht ist für so manchen Schüler in puncto Biorhythmus die Welt keinesfalls in Ordnung. Foto: © imageBROKER kati - vario-images.com

Das Phänomen des sozialen Jetlags beleuchtete Prof. Dr. Till Roenneberg, München, beim Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin e.V. in Köln. Für den Schlafmediziner ist es eine Binsenweisheit, dass vor allem während der Arbeitswoche der Schlaf bei vielen Menschen zu kurz kommt. Problematisch ist aus seiner Sicht außerdem, dass die inneren Uhren der meisten Menschen in den Industrieländern nachgehen, weil ihnen zu wenig Kontrast zwischen Tageslicht und Dunkelheit gegeben wird. „Wir halten uns fast nur noch in Gebäuden auf, wo die Lichtintensität bis zu tausendmal schwächer ist als tagsüber unter freiem Himmel“, mahnte Roenneberg. „Nach Sonnenuntergang setzen wir uns weiter künstlichem Licht aus und leben damit in einer Art Dauer-dämmerung. Unter diesen Umständen hinkt unsere innere Uhr hinterher, so dass wir zwar immer später einschlafen können, aber immer noch zu traditionell frühen Zeiten zur Arbeit gehen müssen.“ Der moderne Mensch ist nach Angaben des Mediziners deshalb an Arbeitstagen zunehmend auf Wecker angewiesen, schläft nachts immer weniger und versucht deshalb, an freien Tagen den Schlafmangel wieder auszugleichen.

Leben in der Dauerdämmerung

Daraus resultiert ein „sozialer Jetlag“, also eine Divergenz zwischen der inneren Uhr und den sozialen Alltagsstrukturen. Schuld daran sei das heutige Lichtverhalten. „Als wir noch vorwiegend draußen gearbeitet haben und nachts kein elektrisches Licht anzünden konnten, war unsere Innenzeit mit der Außenzeit und daher mit den sozialen Zeitstrukturen im Einklang. Wir erwachten morgens früh von alleine und schliefen abends früh genug ein, um unser Schlafsoll zu erfüllen“, erklärte der Wissenschaftler. Heutzutage stimme dagegen die Innenzeit nicht mehr mit der sozialen Zeit überein, die Innenzeit werde immer später eingestellt, während die soziale Zeit relativ konstant bleibe. Entgegenwirken lasse sich der Divergenz zwischen Innen- und Außenzeit mit zwei Maßnahmen: Zum einen sollte die künstliche Beleuchtung laut Roenneberg intelligent dynamisch gestaltet werden. Konkret bedeute dies, dass nach Sonnenuntergang die Blaulichtanteile aus der Beleuchtung entfernt werden sollten, ohne jedoch die Sehleistung zu schwächen.

Zum anderen sollten seiner Meinung nach die Arbeitszeiten auf allen Ebenen und in allen Sparten der Wirtschaft flexibilisiert werden, so dass die Menschen wieder in dem von ihrer inneren Uhr vorgegebenen Zeitfenster schlafen können und keinen Wecker brauchen. „Dann müssen sie auch nicht die Hälfte ihrer arbeitsfreien Tage verschlafen, um das arbeitswöchentliche Defizit auszugleichen“, so Roenneberg.

Zehn Uhr Schulbeginn

Auch die Schulzeiten sollten seiner Meinung nach besser an die biologischen Bedürfnisse von Jugendlichen angepasst werden. Denn die inneren Uhren von 14- bis 21-Jährigen gehören zu den spätesten in der Bevölkerung, was dafür spreche, morgens später mit dem Schulunterricht zu beginnen. Ziel eines späteren Schulbeginns ist dabei laut Roenneberg eine Verbesserung der Lernsituation von Jugendlichen. Besonders gravierend machen sich die chronobiologischen Prozesse bei Schicht- und Nachtarbeitern bemerkbar. Dabei sei diese Situation nach Roenneberg leicht zu entschärfen, wenn bei der Schichtplanung Rücksicht auf den Chronotyp des einzelnen Arbeitnehmers genommen werde. Durch genaue Messungen könnte ermittelt werden, welche Rotationspläne für welchen Menschen (Spät- und Frühtyp, jung und alt) am besten sind. Sonderzuschläge sollten laut Roenneberg nicht mehr nur für die Nachtschichten bezahlt werden, sondern einfach und allein dafür, dass der Arbeitnehmer in Schichten arbeiten muss. Denn nur wenn die finan-ziellen Anreize für die Nachtschichten wegfielen, ließen sich gesundheitsförderliche Schichtpläne durchsetzen.

Christine Vetter
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