Behindertenzahnheilkunde

Ein Sonnenschein, der nicht spricht

Die Behinderung eines Familienangehörigen betrifft die gesamte Familie. Zum Alltag gehören Therapiestunden, Arztbesuche und Klinikaufenthalte. Jutta Pagel-Steidl vom Landesverband für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung Baden-Württemberg beschreibt die Lebenswelt der behinderten Patientin Marie.

Etwa vier bis fünf Prozent eines Jahrgangs kommen mit einer Behinderung zur Welt. Foto: [M]zm-km-stokkete – Fotolia.com

 „Marie kann lachen, weinen, hören. Sie schreit, wenn ihr etwas nicht gefällt. Sie spricht nicht, kann weder alleine essen noch ihren Körper ruhig halten“, berichtet ihre Mutter „Sie spürt, wenn es uns nicht gut geht. Wenn es ihr gut geht, strahlt sie eine innere Ruhe und Fröhlichkeit aus, die sich auf uns über trägt. Sie ist unser Sonnenschein.“ Marie ist 19 Jahre alt und besucht noch die Schule für Körperbehinderte. Morgens wird sie mit dem Sonderfahrdienst zu Hause abgeholt und am späten Nachmittag kommt sie wieder nach Hause. Maries Mutter ist stundenweise berufstätig. Später wird Marie eine Förder- und Betreuungsgruppe in einer Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) besuchen. Das bedeutet, dass Marie nie eigenes Geld verdienen und immer auf Sozialhilfe angewiesen sein wird. Da sie nicht „wenigstens ein Mindestmaß wirtschaftlich verwertbarer Arbeitsleistung erbringen“ kann – so steht es im Gesetz – wird sie auch keinen WfbM-Lohn verdienen, nicht rentenversichert und als erwachsene Frau in der gesetzlichen Krankenversicherung familienversichert sein. Wer Sozialhilfe erhält, darf nicht mehr als 2 600 Euro Vermögen haben. Dieser Gedanke an später macht der Familie manchmal Angst. Wer kümmert sich um Marie, wenn die Eltern nicht mehr können? Der regelmäßige Vorsorgetermin beim Zahnarzt wird vielfach verschoben, denn die Arzt- und Therapietermine aufgrund der Behinderung kosten schon viel Zeit und Kraft. Das „richtige“ Zähneputzen ist aufwendig und muss geübt werden. Maries Mutter legt großen Wert auf die Mund- und Zahngesundheit ihrer Tochter, denn „der erste Blick ins Gesicht fällt auf die Zähne“. Angst vor dem Zahnarzt kennen Mutter und Tochter nicht. „Der Zahnarztbesuch muss Marie gefallen, dann ist alles gut.“ Ganz wichtig sind die barrierefreie Erreichbarkeit und die Zugänglichkeit der Praxis. Ebenso wichtig ist, dass sowohl der Zahnarzt als auch sein Team das Gefühl vermitteln, als Patientin willkommen zu sein. Menschen mit Behinderungen sind Experten auf dem Gebiet der basalen Kommunikation undspüren genau, ob sie willkommen sind oder nicht.

Info

Wenn anders sein normal ist

Noch in den 1960er-Jahren wurden behinderte Menschen als „Sorgenkinder“ oft versteckt. Zu groß war die Angst der Familien nach den Erfahrungen mit der Euthanasie in den 1940er-Jahren. Um die „Sorgenkinder“ zu fördern, entstanden Sondereinrichtungen. In den 1980er- und 1990er-Jahren wurden behinderte Menschen zunehmend in bestehende Systeme integriert. Einen Schritt weiter geht die UN-Behindertenrechtskonvention. Sie gilt seit März 2009 in Deutschland. Ihr Ziel ist, dass Menschen mit und ohne Behinderung überall dabei sein können und dass das Miteinander „normal“ ist. Inklusion ist ein Menschenrecht. „Wir gehören dazu – überall!“


Ein gutes Vertrauensverhältnis ist unerlässlich

Der Landesverband für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung Baden-Württemberg e. V. spricht sich für die direkte Kommunikation mit den Patienten aus: „Reden Sie direkt mit dem Menschen mit Behinderung – und nicht über ihn hinweg. Bemühen Sie sich um gleiche Augenhöhe, gehen Sie im Gespräch mit einem Rollstuhlfahrer ruhig auch mal in die Hocke. Sprechen Sie langsam und deutlich und schauen Sie Ihr Gegenüber direkt an.“ Ein gutes Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Zahnarzt ist für eine erfolgreiche Behandlung unerlässlich. Dazu beitragen kann eine stressfreie Umgebung in der Praxis – äußere Unruhe oder Termindruck übertragen sich auf Menschen mit Behinderungen, die darauf mit innerer Unruhe reagieren oder verkrampfen. Unterschätzen darf man nicht den Faktor Zeit, denn „geschwind geht gar nichts“. Für Patienten im Rollstuhl ist auch die bequeme Lagerung auf dem Behandlungsstuhl oder im Rollstuhl wichtig. Lagerungskissen geben stabilen Halt und Sicherheit. Wichtig ist außerdem, dass der Zahnarzt dem Patienten Schritt für Schritt die einzelnen Behandlungsschritte erklärt – vom Anfang bis zum Schluss. Um es mit den Worten von Maries Mutter zu sagen: „Es ist nicht immer leicht, anders zu sein.“

Jutta Pagel-Steidl
Landesverband für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung
Baden-Württemberg e.V.
info@lv-koerperbehinderte-bw.de

20114531995906199590719959082011454 2011455 1995911
preload image 1preload image 2preload image 3preload image 4preload image 5preload image 6preload image 7preload image 8preload image 9preload image 10preload image 11preload image 12preload image 13preload image 14preload image 15preload image 16preload image 17preload image 18preload image 19preload image 20preload image 21preload image 22preload image 23preload image 24preload image 25preload image 26preload image 27preload image 28preload image 29preload image 30preload image 31preload image 32preload image 33preload image 34preload image 35preload image 36preload image 37preload image 38preload image 39preload image 40preload image 41preload image 42preload image 43preload image 44preload image 45preload image 46preload image 47preload image 48preload image 49preload image 50preload image 51preload image 52preload image 53preload image 54preload image 55preload image 56preload image 57preload image 58preload image 59preload image 60preload image 61preload image 62preload Themeimage 0preload Themeimage 1preload Themeimage 2preload Themeimage 3preload Themeimage 4preload Themeimage 5preload Themeimage 6preload Themeimage 7preload Themeimage 8preload Themeimage 9preload Themeimage 10preload Themeimage 11preload Themeimage 12preload Themeimage 13preload Themeimage 14preload Themeimage 15preload Themeimage 16preload Themeimage 17preload Themeimage 18preload Themeimage 19preload Themeimage 20preload Themeimage 21preload Themeimage 22preload Themeimage 23preload Themeimage 24preload Themeimage 25preload Themeimage 26preload Themeimage 27preload Themeimage 28
Bitte bestätigen Sie
Nein
Ja
Information
Ok
loginform
Kommentarvorschau
Kommentarvorschau schliessen
Antwort abbrechen
Ihr Kommentar ist eine Antwort auf den folgenden Kommentar

Keine Kommentare