Gastkommentar

Neue Wege

Das geplante Präventionsgesetz setzt zwar richtige Akzente. Doch im Kampf gegen den ungesunden Lebensstil reicht das nicht, meint Dr. Dorothea Siems, Chefkorrespondentin für Wirtschaft der Welt, Berlin.

Dr. Dorothea Siems, Chefkorrespondentin für Wirtschaft der Welt, Berlin. Foto: privat

Das geplante Präventionsgesetz setzt zwar richtige Akzente. Doch im Kampf gegen den ungesunden Lebensstil reicht das nicht, meint Dr. Dorothea Siems, Chefkorrespondentin für Wirtschaft der Welt, Berlin. Dreimal haben Bundesgesundheitsminister in den vergangenen Jahren versucht, ein Präventionsgesetz auf den Weg zu bringen und scheiterten. Der jetzige Ressortchef Hermann Gröhe (CDU) aber hat dank der heutigen Mehrheitsverhältnisse beste Chancen, sein Gesetzespaket unbeschadet über alle parlamentarischen Hürden zu bringen. Das Ziel, der Vorbeugung von Krankheiten einen größeren Stellenwert einzuräumen, ist richtig. Weniger als vier Prozent aller Gesundheitsausgaben werden derzeit für Prävention und Gesundheitsförderung ausgegeben. Das ist viel zu wenig. Denn Zivilisationskrankheiten wie Diabetes, Rückenleiden oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind auf dem Vormarsch. Ein immer größerer Anteil der Gesundheitsausgaben muss für chronische Erkrankungen aufgewandt werden, die oftmals vermeidbar wären. Bewegungsmangel, Stress, Zigaretten, Alkohol sowie zu süßes und zu fettes Essen sind dabei die größten Risiken in unserer Wohlstandsgesellschaft. Weil der Lebensstil schon früh geprägt wird, setzen viele der geplanten Maßnahmen bei Kindern an. So sollen die Gesundheitskurse in Kitas und Schulen ausgeweitet werden. Außerdem sieht das Gesetz mehr Pflichtuntersuchungen für Kinder und Jugendliche vor. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Stärkung der betrieblichen Gesundheitsförderung. Mit diesen „Lebenswelten“- Projekten will man auch solche Bevölkerungsgruppen erreichen, die sonst nur schwer für Vorsorge und Gesundheitsförderung zu begeistern sind, was insbesondere für arme und bildungsferne Menschen gilt.

Alle diese Maßnahmen sind zweifelsohne sinnvoll – ausreichend sind sie jedoch nicht. Gröhes Gesetz sieht vor, dass die Krankenkassen ihre Ausgaben für Prävention auf 500 Millionen Euro etwa verdoppeln; für jeden Versicherten stehen im Durchschnitt dann sieben Euro im Jahr zur Verfügung. Zum Vergleich: Allein der US-Konzern Coca Cola gibt mehr als vier Milliarden Euro pro Jahr für Werbung aus. Lernen die Kinder am Vormittag, welche Lebensmittel gesund sind, halten die Anbieter von Limonaden, Fast Food und Süßigkeiten den Rest des Tages dagegen. Fehlt zudem noch die Unterstützung im Elternhaus, dann droht die Wirkung der Aufklärungsmaßnahmen auch bei einer Verdoppelung der Mittel zu verpuffen. Oft ist es weniger das Wissen, an dem es mangelt, als die Selbstbeherrschung, die fehlt. So dürfte heutzutage jeder Raucher wissen, wie schädlich seine Sucht ist. Schließlich gibt es die dezenten Hinweise auf jeder Packung. Auch Übergewichtigen und Bewegungsmuffeln ist bekannt, was ihnen gut täte. Doch es fällt dem Menschen nun einmal schwer, seinen schlechten Gewohnheiten abzuschwören. Damit Prävention gelingt, muss der Effekt von Aufklärung und Vorsorgeangeboten geschickt verstärkt werden. Wie dies funktionieren kann, zeigt die Erfahrung in der Zahnmedizin. Die Verbreitung von Karies ist stark zurückgegangen, seit flächendeckend für alle Kinder Vorsorgemaßnahmen durchgeführt werden. Ein wichtiger Anreiz, damit die Mundgesundheit auch im Erwachsenenalter nicht vernachlässigt wird, ist das Bonusheft. Wer regelmäßig seine Zähne kontrollieren lässt, wird finanziell belohnt, falls er mal Zahnersatz benötigt. Forscher des Rheinisch-Westfälischen Wirtschaftsinstituts haben mit einem interessanten Projekt nachgewiesen, dass finanzielle Anreize auch bei Übergewichtigen eine Verhaltensänderung bewirken können. In einem Modellversuch bot man fettleibigen Menschen nach einem Reha-Aufenthalt eine Geldprämie von 300 Euro, wenn sie innerhalb von vier Monaten sechs bis acht Prozent ihres Körpergewichts abnehmen. Der Vergleich mit einer Kontrollgruppe, der man keinen solchen finanziellen Anreiz angeboten hatte, ergab einen signifikanten Unterschied: Die Prämien-Gruppe war deutlich erfolgreicher bei der Gewichtsabnahme. Offensichtlich ist es sinnvoll, die Motivation der Betroffenen mit finanziellen Anreizen zu stärken. Solche innovativen Ansätze sind vielversprechend und sollten im Rahmen der Präventionsstrategie unbedingt weiterverfolgt werden.

Gastkommentare entsprechen nicht immer der Ansicht der Herausgeber.

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