Bericht einer Zahnärztin aus Griechenland

Mein Alltag in Athen

Warten zwischen Hoffen und Bangen: Der Gang zum Geldautomaten ist in Griechenland alles andere als eine unbekümmerte Alltagshandlung. Kommt nur manchmal oder nur wenig Geld aus dem Automaten, verzichten viele Griechen auf kostenpflichtige Arzt- oder Zahnarztbesuche. Foto: dpa
Kontinuierlicher Abstieg: Noch 2008 bescheinigten Studien Griechenland eine Top-Gesundheitsversorgung und eine bessere Volksgesundheit als in Deutschland. Heute ist der Mangel in vielen Kliniken offensichtlich. Es fehlt an Personal, Geräten und Verbrauchsmaterialen. Foto: reuthers
Einmal tief durchatmen: Prävention findet zurzeit in Griechenland nicht mehr statt. Viele Menschen fühlen sich einer Zukunftsperspektive beraubt. Die Krisenbewältigungsstrategie: die Hoffnung auf Reformen und ein starker gesellschaftlicher Zusammenhalt. Foto: reuthers

"Jeder versucht hier einigermaßen klarzukommen."

Jeder versucht hier einigermaßen klarzukommen. Griechenland funktioniert durch die nahezu grenzenlose Solidarität unter den Menschen. Und dabei spielt es keine Rolle, ob Grieche oder nicht. Auch politische Diskussionen stehen in meiner Praxis an der Tagesordnung. Letztens hat mich ein Patient gefragt, was für ein Bild eigentlich die Deutschen von den Griechen haben.

„Stimmt es, dass die Deutschen denken, dass wir alle faul sind? Aber was sollen wir denn machen, wenn es draußen 40 Grad hat? Klar lieben wir unseren Frappé am Mittag, aber wir sind harte Arbeiter nur eben nicht von 14 bis 17 Uhr. Das würden die Deutschen verstehen, wenn sie hier lebten.“ Dem kann ich hinzufügen, dass viele zwei bis drei Jobs haben, um irgendwie über die Runden zu kommen.

Ich habe ihm erzählt, dass es – leider – dieses Bild vom Griechen in Deutschland gibt, aber dass viele anders denken. Ich habe ihm erzählt, dass die deutschen Zahnärzte anfangen, für die griechischen Sozialpraxen Medikamente und Instrumente zu sammeln, um die Menschen zu unterstützen. Ich weiß nicht, wie sich mein Patient gefühlt hat, als ich ihm dies sagte, ich jedoch habe nur innerlich mit dem Kopf geschüttelt: „Wo sind wir gelandet?“ Auch jetzt während ich das schreibe, frage ich mich: „Berichte ich aus Griechenland, einem EU-Staat, oder aus einem Entwicklungsland?“

Die Banken sind nun wieder auf, ein neues Rettungspaket wird geplant und dies scheint den Menschen wieder Mut zu machen. Nach dem schlagartigen Patientenzahleneinbruch mangels Bargelds und mangels Klarheit, wie es wohl weitergehen werde, kehrt wieder Normalität ein. Man merkt, dass das Volk müde geworden ist. Statt in ständiger Angst vor der Zukunft zu leben, versucht man, sich mit der Krise zu arrangieren. Im September wird es spannend, keiner weiß, wie es weitergehen wird.

Die Hoffnung auf die richtigen Reformen bleibt

Zwei Jahre lebe ich nun in Griechenland, anderthalb Jahre führe ich meine eigene Praxis. Der Gewinn, den ich hier erziele, ist lächerlich gegenüber den Möglichkeiten in Deutschland, aber das ist es wert. Das Land und die Menschen sind es wert, nicht wegzurennen, sondern mit anzupacken. Ich hoffe, dass wir in Zukunft nicht nur finanzielle Unterstützung bekommen, sondern auch Unterstützung, um langfristigen Erfolg versprechende Reformen durchführen zu können, nicht nur im Gesundheitswesen.

Auf diesem langen Weg, der noch vor uns liegt, gibt uns die Solidarität aus den anderen europäischen Ländern Hoffnung und das Durchhaltevermögen, damit menschenwürdige Lebensverhältnisse aufrechterhalten werden können.

Dr. Maria Papadimitriou hat in Würzburg Zahnmedizin studiert und ihre Assistenzzeit in Lohr am Main absolviert. Nach zwei beruflichen Stationen in Regensburg und in Ochsenfurt ist sie 2014 mit ihrem griechischen Mann nach Athen gezogen, wo sie seitdem eine eigene Praxis betreibt.


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