Bericht einer Zahnärztin aus Griechenland

Mein Alltag in Athen

Das griechische Gesundheitswesen ist am Boden: Den Kliniken fehlt es an Geräten, Personal und Materialien, den Kassen und den Patienten fehlt es an Geld, um selbst die dringendsten Behandlungen bezahlen zu können. So erlebt es die Zahnärztin Dr. Maria Papadimitriou in ihrer Athener Praxis – der Ausnahmezustand ist zum Alltag geworden.

Stillleben mit Symbolcharakter: Die Ausstattung der sozialen Praxen (hier in der Gemeinde Nea Smyrni im Regionalbezirk Athen-Süd) besteht aus Materialspenden. Versorgt werden müssen immer mehr unversicherte Patienten. Foto: Stiftunglife

Warten zwischen Hoffen und Bangen: Der Gang zum Geldautomaten ist in Griechenland alles andere als eine unbekümmerte Alltagshandlung. Kommt nur manchmal oder nur wenig Geld aus dem Automaten, verzichten viele Griechen auf kostenpflichtige Arzt- oder Zahnarztbesuche. Foto: dpa
Kontinuierlicher Abstieg: Noch 2008 bescheinigten Studien Griechenland eine Top-Gesundheitsversorgung und eine bessere Volksgesundheit als in Deutschland. Heute ist der Mangel in vielen Kliniken offensichtlich. Es fehlt an Personal, Geräten und Verbrauchsmaterialen. Foto: reuthers
Einmal tief durchatmen: Prävention findet zurzeit in Griechenland nicht mehr statt. Viele Menschen fühlen sich einer Zukunftsperspektive beraubt. Die Krisenbewältigungsstrategie: die Hoffnung auf Reformen und ein starker gesellschaftlicher Zusammenhalt. Foto: reuthers

Es ist Sonntag 15 Uhr. In ein paar Stunden mache ich mich auf den Weg in meine Praxis. Ich habe um 19:30 Uhr eine Schmerzpatientin. Ihr ist gestern ein Stück eines unteren Frontzahns herausgebrochen. Außerdem wackelt ihre Stiftkrone. Sie konnte nur Montagvormittag, aber da bin ich leider schon voll. Also haben wir uns auf heute Abend geeinigt. Im August sind die meisten meiner Kollegen im Urlaub. Athen leert sich. Alle flüchten vor der Hitze. Zurück bleiben die „echten“ Athener, diejenigen, die sich eine Reise nicht leisten können – und die Kranken.

Alle Patienten bekommen die Handynummer

Die Kranken und diejenigen, die im August krank werden, haben aber ein ernst zu nehmendes Problem. Der normale Klinikalltag kommt fast zum Erliegen, nur – oder Gott sei Dank – der Notdienst funktioniert noch. Letzte Woche kam ein Schmerzpatient wegen Zahnfleischbluten zu mir. Dieses Problem war schnell gelöst, aber ich fand in seiner linken Wange eine 1,5 Zentimeter große, kreisförmige Schleimhautveränderung. Vor fünf Jahren wurde bei ihm ein Zungenkarzinom behandelt. Ich schickte ihn zur Abklärung in eine Klinik mit Schwerpunkt Stomatologie. Doch diese Abteilung ist bis zum 1. September geschlossen.

Meine Patienten haben inzwischen alle meine Handynummer. Nachdem ich einmal schlechte Erfahrung mit dem zahnärztlichen Notdienst gemacht habe, komme ich lieber auch am Wochenende in die Praxis, wenn Medikamente nicht helfen.

Klinik ohne Röntgengerät extrahiert falschen Zahn

Ich hatte bei einem Patienten eine WKB angefangen. Wegen einer Nierendysfunktion konnte keine adäquate Antibiotikaeinnahme durchgeführt werden. Eine Rücksprache mit dem zuständigen Arzt war nicht möglich, da es keinen gibt. Die Zahnschmerzen nahmen am Wochenende enorm zu, ich war nicht in Athen, daraufhin entschloss er sich zum Notdienst eines staatlichen Krankenhauses zu gehen, damit der Zahn extrahiert wird. Montag kam er wieder mit Schmerzen zu mir. Der Nachbarzahn war extrahiert worden. Ein Röntgenbild um die Therapieentscheidung zu unterstützen, konnte mangels eines Röntgengeräts nicht erstellt werden. Ich kann ihnen jedoch sagen, dass der Zahn ohne pathologischen Befund war. Die Extraktion des von mir vorbehandelten Zahnes führte zur Schmerzfreiheit.

Es fehlt an allen Ecken und Enden: Die griechischen Kollegen sind zwar gut aus- gebildet und viele gehen vor allem ins englischsprachige Ausland, um sich weiterzubilden, aber es fehlt Geld. Geld in den Krankenkassen, um den Patienten wenigstens qualitative Basisbehandlungen kostenlos oder wenigstens günstig zur Verfügung stellen zu können. Geld seitens der Patienten, um uns Zahnärzte so zahlen zu können, dass wir mit hochwertigen Materialien arbeiten können.

Das Ergebnis ist eine schlechte Mundgesundheit in allen Altersgruppen: Flicken und Kompromissbehandlungen wie Stifte mit einfachen Kompositaufbauten auf Wurzelresten mit apikalem Herd, um Lücken im ästhetischen Bereich zu umgehen, oder einfach unversorgte Lückengebisse und das nicht selten schon im jungen Erwachsenenalter. Wie soll aber ein junger Mensch den Einstieg in den sowieso schwierigen griechischen Berufsmarkt schaffen, wenn er sich schämt, sein Gegenüber anzulächeln?

Wieder fehlt es an Geld. Geld für die Aufklärung zur richtigen Mundhygiene und zur Prävention schon im Kindesalter. Auch hier versuchen junge Zahnärzte, ehrenamtlich Abhilfe zu leisten, indem sie in Schulen und Kindergärten gehen und in Bussen kosten-lose Kontrolluntersuchungen und kleine Therapien durchführen. Es gab 2012 eine Vorankündigung der EOPYY, der staatlichen Krankenkasse, dass wenigstens für Kinder im Schulalter Prophylaxeleistungen zur Krankenkassenleistung werden sollten. Dies konnte jedoch wegen der anhaltend schlechten Situation bis jetzt nicht durch-gesetzt werden.

Jetzt muss es halt mal ohne Prophylaxe gehen

Ich versuche in meiner Praxis wenigstens Kontrolluntersuchungen und Röntgenbilder kostenlos anzubieten, damit der erste Schritt zum Zahnarzt leichter wird. So kann ich den Patienten in einem Vorgespräch wenigstens über die aktuelle Situation in seinem Mund und die dringenden Therapiemaßnahmen samt der auf ihn zukommenden Kosten aufklären.

Wie lange ich das jedoch so fortführen kann, weiß ich nicht. Von dem Wenigen, was nach Material- und Verschleißkosten übrig bleibt, muss ich am Ende des Monats ja auch noch 23 Prozent Steuern zahlen – und das ab dem ersten Euro. Zum Alltag eines griechischen Zahnarztes gehört auch die Flüchtlings- und Einwandererproblematik. Menschen ohne Versicherung, ohne Geld, aber mit Zahnschmerzen. Den ersten Kontakt hatte ich mit einem Inder, der zu Fuß (!) nach Griechenland geflüchtet ist. Eines Tages stand er vor meiner Tür, hatte schon tagelang Zahnschmerzen.

Die Röntgenbilder zeigten nicht viel Hoffnung. Alle Molaren waren betroffen. Eine WKB ist finanziell nicht möglich. Ich hätte sie ihm gern geschenkt, aber dafür war er zu stolz. Wir extrahieren nun nach und nach die akuten Molaren. Der Patient ist Mitte zwanzig. Meine zweite Begegnung war mit einem Bangladesher. Er kam spät abends in meine Praxis mit starken Zahnschmerzen. Er erzählte mir, dass er gute Zähne hatte, bis er nach Griechenland kam. Dann musste er ins Gefängnis. Ich schluckte und mir wurde ziemlich mulmig.

Röntgenbild, Extraktion und Füllung für 20 Euro

Ich bin allein in meiner Praxis, denn normalerweise haben griechische Zahnärzte keine Helferin, das ist finanziell nicht möglich. Er erzählte weiter, jetzt sei er draußen. Viele Zähne seien ihm im Gefängnis herausgefallen, viele kaputtgegangen. Ich mache Röntgenbilder, entschließe mich zur Extraktion des akuten Zahnes und versuche wenigstens, mit einer schnellen provisorischen Füllung den Nachbarzahn zu erhalten. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, überhaupt Geld zu nehmen, war hin- und hergerissen. Wenn man bei einem anfängt, stellt sich die Frage, wo die Grenze ist. Ich entschied mich, etwas zu nehmen, etwas Symbolisches. Er gab mir 20 Euro. Alles, was er hatte. Gut habe ich mich nicht gefühlt.

"Jeder versucht hier einigermaßen klarzukommen."

Jeder versucht hier einigermaßen klarzukommen. Griechenland funktioniert durch die nahezu grenzenlose Solidarität unter den Menschen. Und dabei spielt es keine Rolle, ob Grieche oder nicht. Auch politische Diskussionen stehen in meiner Praxis an der Tagesordnung. Letztens hat mich ein Patient gefragt, was für ein Bild eigentlich die Deutschen von den Griechen haben.

„Stimmt es, dass die Deutschen denken, dass wir alle faul sind? Aber was sollen wir denn machen, wenn es draußen 40 Grad hat? Klar lieben wir unseren Frappé am Mittag, aber wir sind harte Arbeiter nur eben nicht von 14 bis 17 Uhr. Das würden die Deutschen verstehen, wenn sie hier lebten.“ Dem kann ich hinzufügen, dass viele zwei bis drei Jobs haben, um irgendwie über die Runden zu kommen.

Ich habe ihm erzählt, dass es – leider – dieses Bild vom Griechen in Deutschland gibt, aber dass viele anders denken. Ich habe ihm erzählt, dass die deutschen Zahnärzte anfangen, für die griechischen Sozialpraxen Medikamente und Instrumente zu sammeln, um die Menschen zu unterstützen. Ich weiß nicht, wie sich mein Patient gefühlt hat, als ich ihm dies sagte, ich jedoch habe nur innerlich mit dem Kopf geschüttelt: „Wo sind wir gelandet?“ Auch jetzt während ich das schreibe, frage ich mich: „Berichte ich aus Griechenland, einem EU-Staat, oder aus einem Entwicklungsland?“

Die Banken sind nun wieder auf, ein neues Rettungspaket wird geplant und dies scheint den Menschen wieder Mut zu machen. Nach dem schlagartigen Patientenzahleneinbruch mangels Bargelds und mangels Klarheit, wie es wohl weitergehen werde, kehrt wieder Normalität ein. Man merkt, dass das Volk müde geworden ist. Statt in ständiger Angst vor der Zukunft zu leben, versucht man, sich mit der Krise zu arrangieren. Im September wird es spannend, keiner weiß, wie es weitergehen wird.

Die Hoffnung auf die richtigen Reformen bleibt

Zwei Jahre lebe ich nun in Griechenland, anderthalb Jahre führe ich meine eigene Praxis. Der Gewinn, den ich hier erziele, ist lächerlich gegenüber den Möglichkeiten in Deutschland, aber das ist es wert. Das Land und die Menschen sind es wert, nicht wegzurennen, sondern mit anzupacken. Ich hoffe, dass wir in Zukunft nicht nur finanzielle Unterstützung bekommen, sondern auch Unterstützung, um langfristigen Erfolg versprechende Reformen durchführen zu können, nicht nur im Gesundheitswesen.

Auf diesem langen Weg, der noch vor uns liegt, gibt uns die Solidarität aus den anderen europäischen Ländern Hoffnung und das Durchhaltevermögen, damit menschenwürdige Lebensverhältnisse aufrechterhalten werden können.

Dr. Maria Papadimitriou hat in Würzburg Zahnmedizin studiert und ihre Assistenzzeit in Lohr am Main absolviert. Nach zwei beruflichen Stationen in Regensburg und in Ochsenfurt ist sie 2014 mit ihrem griechischen Mann nach Athen gezogen, wo sie seitdem eine eigene Praxis betreibt.


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