Aktueller Diskussionsstand

Amalgam: Was will die EU?

Die frühere Hysterie um Amalgam ist heute abgelöst durch eine eher sachliche Beurteilung. Was neben weiteren wissenschaftlichen Erkenntnissen vor allem an einer Vielzahl hochwertiger alternativer Füllungsmaterialien liegt. Dennoch befassen sich in der EU Gremien mit der Frage, ob Amalgam in der EU künftig noch verwendet werden darf.

Wird die EU ein Amalgam-Verbot durchsetzen? Vario Images

Wie geht es weiter mit Amalgam als Füllungsmaterial? Noch ist die Entscheidung nicht gefallen. Ein generelles Verbot erscheint derzeit eher unwahrscheinlich. Deposit Photos-Glow Images
Olaf Buhl, Moderator der Sendung „Kennzeichen D“: Mit Beiträgen wie dem Amalgamreport vom 20. Januar 1999 war Ende der 90er-Jahre der Höhepunkt der Amalgamhysterie erreicht. picture alliance
Komposite als Alternative zu Amalgam? Welches Material zum Einsatz kommt, muss der Zahnarzt im Einzelfall entscheiden können. Sandor Kacso-Fotolia.com

Fernsehalltag Ende der 90er-Jahre: Eine Frau schildert in einem Bericht schwerwiegende Gedächtnisprobleme, Konzentrationsstörungen und Augenflimmern, anschließend kommt die Staatsanwaltschaft zu Wort, die bei etlichen Patienten ein ähnliches Krankenbild festgestellt haben will und nun gegen die Hersteller von Amalgam ermittelt.

Eine TV-Talkrunde mit prominenten Vertretern aus dem Gesundheitsbereich diskutiert über die „Zeitplombe Amalgam“. Diese Bühne nutzt ein Medizinprofessor, um zu erzählen, dass seine Patienten nach Quecksilberentgiftung und Entfernung aller Amalgamfüllungen komplett beschwerdefrei seien. Der Höhepunkt der Hysterie ist erreicht.


Interview mit Prof. Dr. Georg Meyer

Für einige EU-Politiker ist Amalgam immer noch gleich Quecksilber. Der Greifswalder Zahnmediziner Prof. Dr. Georg Meyer entlarvt die oftmals irrationale Diskussion und erzählt, was wirklich gefährlich ist.

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Zwar erhitzt das quecksilberhaltige Material die Gemüter nicht mehr in dem Maß wie früher, aber es spaltet noch immer. So auch die unterschiedlichen Interessengruppen, die sich in der Europäischen Union nach wie vor über dessen Verwendung streiten. Während sich einige Mitgliedstaaten wie Schweden und Dänemark, die Amalgam bereits auf nationaler Ebene verboten haben, mit der Unterstützung von Umweltverbänden und anderen Gruppen für ein europaweit geltendes Verbot einsetzen, will die Mehrheit der anderen Länder es aus Gründen der Versorgungssicherheit erhalten.

Auch auf EU-Ebene herrscht Uneinigkeit

Die Europäische Kommission hat bislang noch nicht eindeutig Stellung bezogen. Allerdings hat insbesondere deren Generaldirektion Umwelt laut Informationen des Brüsseler Büros der Bundeszahnärztekammer (BZÄK) eine Präferenz für ein Verbot erkennen lassen. Die Fachbeamten der Generaldirektion Gesundheit neigen hin-gegen eher dazu, Amalgam als Füllungsmaterial erst einmal zu bewahren.

Das ist auch die Richtschnur der Quecksilber- Konvention der Vereinten Nationen, die über 90 Staaten und die Europäische Union im Oktober 2013 in der japanischen Stadt Minamata unterzeichneten. Diese sieht weltweit eine reduzierte Nutzung von Amalgam, ein sogenanntes „Phase down“, vor. Das Übereinkommen tritt in Kraft, wenn mindestens 50 Staaten es ratifiziert haben – das wird voraussichtlich innerhalb der nächsten zwei Jahre der Fall sein.

Das Wissen über Amalgam ist gewachsen

Um die Diskussionsbasis wissenschaftlich zu untermauern, hat die Europäische Kommission in der vergangenen Zeit verschiedene wissenschaftliche Gutachten in Auftrag gegeben. Sowohl das Scientific Committee on Health and Environmental Risks (SCHER) als auch das Scientific Committee on Emerging and Newly Identified Health Risks (SCENIHR) gehen von einer geringen Umwelt- und Gesundheitsgefährdung des im Amalgam enthaltenen Quecksilbers aus. Nur spezielle Sonderfälle seien problematisch.

Erst jüngst veröffentlichte die Europäische Kommission eine neue Fassung der SCENIHR-Stellungnahme, an der unter anderen Prof. Dr. Gottfried Schmalz von der Poliklinik für Zahnerhaltung und Parodontologie des Universitätsklinikums Regensburg mitwirkte.


Unterscheidung von "Phase-out" und "Phase-down"

Anfang Oktober 2013 wurde in der japanischen Stadt Minamata die „Minamata Convention“ unterzeichnet, in der die weltweite Reduktion der Quecksilberemission in die Umwelt geregelt ist. Neben vielen anderen Quellen für die Einleitung von Quecksilber in die Umwelt wurde auch zahnärztliches Amalgam thematisiert. Hier ein Überblick über die weltweite Konvention.

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„Wir kommen zu dem Ergebnis, dass sowohl Amalgam als auch alternative Zahnfüllungsmaterialien verwendet werden dürfen. Welches Material zum Einsatz kommt, sollte der Zahnarzt im Einzelfall entscheiden“, sagt Schmalz. Denn die Lebensumstände der Patienten und die klinische Situation spielten eine erhebliche Rolle: Handelt es sich um Milchzähne oder um bleibende Zähne? Bestehen Allergien gegen Quecksilber oder Kunststoffe? Liegt eine Schwangerschaft vor?

Alternative Materialien wurden entwickelt

Bei Milchzähnen – mit einem per se zeitlich limitierten Verbleiben in der Mundhöhle – sei Amalgam heute nicht mehr die erste Wahl, hier böten sich andere Werkstoffe wie Glasionomerzemente, Kompomere oder Komposite an. Bei Schwangeren sollten Zahnärzte – wenn möglich – mit einer umfangreichen Intervention bis nach der Geburt des Kindes warten. Das gelte für Komposite wie für Amalgam, aber auch für andere Eingriffe. „Wenn eine Behandlung dringend erforderlich ist, sind am ehesten konventionelle Glasionomere zur Überbrückung anzuraten – und ist nach der Schwangerschaft eine umfassende Restauration vorzunehmen“, rät der Experte.

Grundsätzlich fordern die Wissenschaftler, neue Materialien mit einem hohen Grad von Biokompatibilität zu entwickeln. Erheblichen Forschungsbedarf sehen sie außerdem bei alternativen Werkstoffen wie den Kompositen. „Denn über deren Verträglichkeit wissen wir im Gegensatz zu Amalgam vergleichsweise weniger“, gibt Schmalz zu bedenken.

Der Knackpunkt: In Kompositen steckt Bisphenol A – eine Substanz mit östrogenartiger Wirkung. Der politische Druck auf die Europäische Kommission, endokrine Disruptoren zu verbieten, ist laut dem Brüsseler Büro der BZÄK deutlich gewachsen. Daher hatte die Kommission SCENIHR mit einem weiteren Gutachten beauftragt – das Ergebnis veröffentlichte der Beratungsausschuss Anfang dieses Jahres.

Die Wissenschaftler weisen darauf hin, dass das Legen einer Kompositfüllung im Mundraum des Patienten kurzfristig und nachweisbar Bisphenol A freisetze. Längerfristig stellten Bisphenol-A-haltige Dentalmaterialien jedoch „ein zu vernachlässigendes Gesundheitsrisiko“ dar.

Amalgam hat sich seit vielen Jahrzehnten bewährt und ist noch dazu preisgünstig. Doch die – quecksilberhaltige – Legierung hat nicht nur Befürworter.

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