Fitness-Apps und Co.

Was wollen die Kassen mit den Daten?

Ja, warum nicht? versus Nein, bloß nicht! Zwei Experten benennen Pro's und Contra's.

Beim Thema Fitness-Apps gehen die Meinungen oft auseinander. Foto: wowomnom-Fotolia.com

Assessor Ragnar Hoenig, Leiter Abteilung Sozialpolitik, Sozialverband Deutschland SoVD, Berlin (links) und Andreas Mihm, Wirtschaftskorrespondent FAZ, Berlin (rechts) zeigen Vor-und Nachteile von Gesundheits-Apps auf. Fotos: privat

Ja, warum nicht? Gesetzliche Krankenkassen sollten ihren Zuschuss zu Fitness-Apps und Wearables geben und persönliche Gesundheitsdaten auswerten dürfen – vorausgesetzt, ihre Versicherten stimmen dem zu. Denn die Kassen werden von demokratisch gewählten Gremien kontrolliert, von der Aufsicht überwacht und von der Öffentlichkeit kritisch beäugt. Das meint Andreas Mihm, FAZ Berlin.

Die Reaktionen aus der Politik kamen reflexartig. „Marketingmaßnahme auf Kosten der Beitragszahler“, sagte der Vize-Vorsitzende der Unionsfraktion, Georg Nüßlein (CSU). Sein SPD-Kollege Karl Lauterbach nannte die Ankündigungen „fragwürdig“. Was war geschehen? Die AOK Nordwest hatte angekündigt, von ihrem „Gesundheitskonto“ Versicherten einen Zuschuss für elektronische Datenmesser zu zahlen, sei es ein Armbändchen oder eine Apple Watch. Auch bei der Techniker Krankenkasse bekommen Versicherte demnächst wohl einen Zuschuss zu solchen „Wearables“, vorausgesetzt, sie haben genügend Vorsorge-stempel von Arzt und Zahnarzt im Bonusheft. Damit wollten die Kassen gut gebildete, junge und gesunde Mitglieder anwerben, monierte Lauterbach im „Spiegel“. „Die Kassen könnten dann demnächst auch Laufschuhe bezuschussen.“

Ja, warum eigentlich nicht? Wenn jemand nachgewiesen hat, dass er sich gesundheitsbewusst verhalten hat, sind Laufschuhe immer noch besser als eine Geldprämie, die in einen Kasten Bier umgesetzt wird. Wo ist der Skandal, wenn junge Menschen zur Prävention verleitet werden, indem man ihnen einen Zuschuss zu „hippen“ Geräten zahlt?
Das Problem liegt anderswo. Die Leute kaufen sich ihre Apple Watch, ihr Datenarmband auch ganz ohne den Zuschuss der Kasse. Kasse machen andere mit Geräten und Daten. Der Springer-Verlag („Welt“, „Bild“) zum Beispiel war Ende 2013 bei der unter Ausdauersportlern beliebten App „Runtastic“ eingestiegen. Im August kaufte der Sportartikelausrüster Adidas „Runtastic“ für 220 Millionen Euro. In knapp zwei Jahren hatte „Runtastic“ seinen Wert verzehnfacht.

Es gibt viele solcher Beispiele. Die Zahl der Apps, die mit Fitness und Gesundheit zu tun haben, soll die Marke von 400 000 überschritten haben. Was für Blüten das treibt, zeigte unlängst eine Umfrage: Jeder Sechste meint, Gesundheits-Apps könnten den Arztbesuch ersetzen. Das ist zum Entsetzen.
Auch Krankenkassen bieten Apps an – für Läufer und Diabetiker, für Allergiker und für Ernährungsbewusste. Allein, mit den Vitaldaten dürfen sie nichts anfangen. Die werden bei privaten Anbietern extern gespeichert und dort genutzt. Nur wer privat krankenversichert ist, darf der Versicherung seines Vertrauens den Zugriff auf und die Nutzung seiner Gesundheitsdaten erlauben.

Zugleich erfassen und sammeln immer mehr Menschen ihre Vitaldaten, teilen sie und lassen sie von Leuten analysieren, die damit Geld machen. Das ist im Zweifel ungeschützt, unsicher und von zweifelhafter Qualität. Aber es ist erlaubt. Verboten ist hingegen, dass Krankenkassen ihren Versicherten (und sei es aus Effizienzgründen) solche Angebote machen – obwohl sie von demokratisch gewählten Gremien kontrolliert, von Landes- und Bundesaufsichten überwacht und von der Politik und einer kritischen Öffentlichkeit wachsam beäugt werden. Das ist absurd. Einerseits werden den Kassen die Hände gebunden, anderseits werden sie ständig aufgefordert, mehr für die Gesundheit ihrer Kunden zu tun. Wer soll das verstehen?

Die Politiker sollten nicht den Kassen-Zuschuss zu Apps und Messgeräten infrage stellen. Sie sollte den Kassen vielmehr helfen, smart zu werden und die Vitaldaten ihrer Versicherten – deren Zustimmung vorausgesetzt und gerne im Doppelpass mit Ärzten – auszuwerten. Das wäre im wohlverstandenen Interesse des Daten- und Gesundheitsschutzes ihrer Wähler.

Andreas Mihm

Wirtschaftskorrespondent

Frankfurter Allgemeine Zeitung, Berlin

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