Aus der Praxis

Außergewöhnliches Arzneimittelexanthem nach Amoxicillin-Gabe

Ein 54-jähriger Patient wurde von seinem Hauszahnarzt ohne weitere Therapie in unsere Praxis überwiesen, um eine Schwellung im Unterkiefer abzuklären. Der Patient hatte aufgrund der akuten Beschwerden bisher keine Selbstmedikation vorgenommen. Eine Dauermedikation bestand ebenfalls nicht.

Abbildung 1: Interradikuläre und apikale Osteolyse am wurzelgefüllten 47 Foto: Halling

Abbildung 2: Symmetrisches, flächenhaftes Erythem im Bereich der Glutealregion Foto: Kramer
Abbildung 3: Deutliche Pustelbildung bei akutem, hochrotem Exanthem (Detailaufnahme der rechten Leiste) Foto: Kramer
Abbildung 4: Generalisiertes diffuses, teils makulopapulöses Erythem des Körperstamms mit Aussparung der Axillarfalten Foto: privat
Abbildung 5: Exanthem mit Fuß- und Knöchelödemen Foto: Kramer

Kasuistik

Bei der klinischen Untersuchung sahen wir ein prothetisch und konservierend gut versorgtes Gebiss. Im Unterkiefervestibulum regio 46/47 fand sich bei der klinischen Untersuchung eine druckdolente, weiche Schwellung mit deutlicher Schleimhautrötung. Der devitale Zahn 47 war deutlich klopfempfindlich und zeigte Lockerungsgrad I. Im Orthopantomogramm waren beim vollständig wurzelgefüllten Zahn 47 eine deutliche interradikuläre Osteolyse sowie kleinere apikale Aufhellungen erkennbar (Abbildung 1). Die übrigen Zähne im vierten Quadranten reagierten im Kältetest positiv.

Da es sich um eine eher diffuse Schwellung im Sinne eines entzündlichen Infiltrats handelte, wurde zunächst eine systemische Antibiose mit Amoxicillin 3 x 1000 mg/Tag eingeleitet und lokale Kühlung empfohlen. Zur Schmerztherapie wurde Ibuprofen 400 mg verordnet. Eine Penicillinallergie konnte anamnestisch ausgeschlossen werden. Der Patient nahm noch in der Praxis die erste Tablette ein.

Anamnese und Therapie

Ungefähr vier Stunden nach der Behandlung meldete sich der Patient telefonisch in unserer Praxis und berichtete über einen Juckreiz in der Leistenregion mit ausgeprägter Hautrötung. Da der Patient sehr verunsichert war, wurde die Antibiotikatherapie sofort abgebrochen und eine intensive Kühlung des Unterkiefers empfohlen. An den beiden Folgetagen verstärkte sich die Hautsymptomatik weiter, während sich das Infiltrat des Unterkiefers langsam zurückbildete.

Aufgrund der deutlichen Hautsymptomatik wurde ein dermatologisches Konsil vereinbart. Bei der hautärztlichen Untersuchung fanden sich flächenhafte, teils erosive Erytheme mit scharfer Begrenzung im Bereich der Gluteal-, der Inguinal- und der Genitofemoralregion (Abbildungen 2 und 3). Zusätzlich hatten sich bei weiter zunehmendem Juckreiz Erytheme in den Armbeugen sowie in der Axillarregion entwickelt.

Die dermatologische Therapie umfasste eine lokale Behandlung mit einer 0,2-prozentigen Prednisolon-Creme im Bereich der Erosionen sowie einer Betamethason-Salbe für die erythematösen Hautareale. Zusätzlich erfolgte noch eine systemische Therapie mit 20 mg Prednisolon/die. Die Verdachtsdiagnose lautete: Arzneimittelexanthem nach Amoxicillin unter dem Bild eines sogenannten „Baboon-Syndroms“.

Bei der erneuten Vorstellung nach vier Tagen war das Hautbild deutlich verändert. Jetzt zeigte sich ein generalisiertes, diffuses, teils makulo-papulöses Exanthem, das im Bereich der Armbeuger und der Achselfalten rückläufig war (Abbildung 4), während in der Leistenregion eine exfoliative Schuppung vorlag. Weiterhin waren Unterschenkel- und Fußödeme erkennbar (Abbildung 5).

Die Steroiddosis wurde jetzt auf 40 mg Prednisolon/die unter Magenschutz mit Omeprazol erhöht und die Leistenregion mit Lotio alba behandelt. Unter dieser Behandlung kam es in den folgenden zwei Wochen zur vollständigen Remission der Hautbefunde. Der auslösende Zahn wurde zwischenzeitlich entfernt.

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