Gastkommentar

Wenn Kontrolle zu Wahn wird

Dem Mythos nach waren es arglose Wanderer, die Prokrustes martialisch auf Bettgröße kürzte oder streckte, heute stutzen schematische Behandlungsabläufe die Patienten zurecht. akg-images

Edmund Glatzl ist Redakteur beim Vincentz Network. privat

Der kranke Mensch wird als Patient heute so weit genormt, bis er den Leitlinien entspricht. Hans- Edmund Glatzl, Redakteur bei Vincentz Network, zeichnet ein düsteres Bild unserer bürokratischen, weil sicherheitsfanatischen Versorgungskultur. Messen bis der Arzt kommt? Die technisch hochgerüstete bundesdeutsche Gesundheitsbürokratie wähnt sich omnipotent im naiven Glauben an unbegrenzte Messbarkeit und Kontrolle. Kliniken werden zu Werkhallen, Praxen zu ambulanten Reparaturwerkstätten mit exakt vorgeschriebenen Handlungsabläufen und Zeitvorgaben. Alles im Zeichen einer industriell geprägten Sicherheitskultur. Ist alles exakt dokumentiert, kann nichts schiefgehen, zumindest kann man andere dafür verantwortlich machen. Zeit ist Geld und jeder Behandlungsschritt wird in dieses Schema gepresst. Bezahlt aber wird nur, wenn Effizienz und Erfolg messbar sind, also der Output stimmt. Das Arzt-Patienten-Verhältnis bleibt in diesem Prokrustesbett auf der Strecke.

Trotz dieser effizienten Maschinerie werden die Menschen immer unzufriedener mit diesem System. Die Ärzte, weil sie sich permanent unter Druck gesetzt sehen, und die Patienten, weil sie zum Werkstück medizinischer Arbeit degradiert werden. Das böse Wort vom Up-Coding macht in Ärztekreisen längst die Runde. So wird aus einer Magenverstimmung schnell mal eine Depression, dank Diagnosezwang. Nicht umsonst rügt das BVA die Praxis einzelner Krankenkassen, Ärzte im Rahmen von Wirtschaftlichkeitsprüfungen im Nachhinein zur Korrektur von Diagnosedaten zu bewegen.

Um derartigen Ärger zu umgehen, entwickelt sich bei den Betroffenen eine Art Vermeidungshaltung. Gestützt auf Computerprogramme wird optimiert. Der Arzt wird so zum Gesundheitsproduzenten, der auf Knopfdruck gesund „macht“. Abwarten erzeugt Unsicherheit und kratzt am Image einer allmächtigen Apparatemedizin. Kein Arzt, der von seiner Arbeit beseelt ist, wird psychisch unbeschadet dieses Spiel um Apparate, Daten, Zahlen und Geld, dieses Rennen im Hamsterrad überstehen.

Der Zynismus unter derart vorgeschädigten Medizinern ist Legende. Der Patient wird zur Belastung, zum Material einer systemimmanenten Ökonomisierung. Je mehr der Behandler im Ranking vermeintlich objektiv dokumentierter Leistungen aufsteigt, desto anfälliger wird er für dieses Gift des Zahlenfetischismus. Der Tunnelblick führt zu einer Abwertung, macht anfällig in die Menge zu gehen. Am Ende dieser Entwicklung tritt Überversorgung an die Stelle der Sorge. Ermessen wird durch Messen ersetzt. Das Individuum des leidenden Menschen wird genormt, bis es den Leitlinien entspricht. Dabei wird vergessen, dass jeder Mensch einmalig ist. Nur wenn ein Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient besteht, kann der Heilungsprozess gelingen. Diese Fähigkeit der Empathie braucht Zeit, Vertrauen muss und kann nur wachsen im Gespräch. Leider sind dafür keine Zeit und keine Mittel vorhanden. Alles Geld ist längst ausgegeben, verschwunden in Zahlenfriedhöfen und Dokumentationshalden der Kontrollfetischisten.

Und doch scheint es Licht am Ende des Tunnels zu geben. Das Unbehagen aller Beteiligten ist inzwischen so groß, dass sich sogar der Normenkontrollrat (NKR) damit beschäftigt. Erstmals hat das Gremium – in dem der GKV-Spitzenverband Seit an Seit mit der Bundeszahnärztekammer, der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung an einem Tisch sitzt, sich des Themas angenommen, um der Bürokratie wenigstens einige der wuchernden Köpfe abzuschlagen. Das ist auch bitter nötig angesichts der Tatsache, dass sich die Bürokratiekosten aufgrund von Informationspflichten im Gesundheitswesen auf 4,33 Milliarden Euro belaufen. Umgerechnet 14,08 Millionen Arbeitstage verbringen Praxisinhaber und Personal mit dem Ausfüllen von Formularen. Schmerzlich ist allerdings, dass gerade an der Schnittstelle zwischen ambulanter und stationärer Versorgung ein permanenter Grabenkampf herrscht. Die Krankenhausgesellschaft sitzt nicht mit am NKR-Tisch. Schade!

Gastkommentare entsprechen nicht immer der Ansicht der Herausgeber.

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