Gastkommentar

Prognose ist nicht gleich Wahrheit

Eine Gesellschaft ist keine Kurve, deren Zukunft man simpel hochrechnen kann, vielmehr ein komplexes Ineinandergreifen unterschiedlicher Faktoren und unerwartbarer Ereignisse, meint Julian Visarius. freshidea - Fotolia

Julian Visarius ist gesundheitspolitischer Fachjournalist im L et V Verlag. privat

Kaum etwas treibt die deutsche Politik seit vielen Jahren so um wie der demografische Wandel! Wissenschaftler haben uns vorgerechnet, dass sich die Deutschen aufgrund der niedrigen Geburtenrate deutlich dezimieren, dass Renten-, GKV- und Pflegeversicherungsbeiträge kaum mehr finanzierbar sind, wenn nicht entscheidende Einschnitte vorgenommen werden.

Im Gesundheitsbereich haben an vorderster Front zum Beispiel Fritz Beske und Bernd Raffelhüschen für veränderte Strukturen, für die Ausgliederung von Leistungen und für ähnliche schmerzhafte Eingriffe in unsere Systeme gekämpft.

Einwände – dies seien Prognosen auf Basis schlichter Hochrechnungen der aktuellen Entwicklung, die Welt sei aber doch viel komplexer, neue Medikamente würden entwickelt, neue Therapien eingeführt, man müsse auch Zuwanderung vor allem aus Krisenländern, aus Ländern mit einer schwächelnden Wirtschaft und durch den Klimawandel bedingt einrechnen – wurden als barer Unsinn und völlig zu vernachlässigen vom Tisch gewischt.

Dies alles passte nicht in das politische Konzept demografischer Wandel, mit dem sich gutes Geld verdienen ließ und mit dem man wirkungsvoll eine nicht zuletzt auch interessengeleitete Stimmung und Ängste schüren konnte.

Die Politiker folgten diesem Konzept wie Lemminge, haben durch Veränderungen im Rentenrecht sogar eine Altersarmut der Generation Babyboomer in Kauf genommen, haben immer wieder versucht, den GKV-Leistungskatalog einzuschränken – vermeintlich alles zum Wohl der kommenden Generationen, die eine Alterslast nicht tragen könnten. Beinahe wäre mit der Begründung demografischer Wandel sogar die beitragsfinanzierte GKV für eine Prämie à la Schweiz geopfert worden, und wiederum andere träumten von einer Einheitsversicherung.

Junge Politiker beklagten bitter und mit einem larmoyanten Unterton die Ungerechtigkeit der Bevorzugung der Alten gegenüber ihrer eigenen Generation. Das Weltgeschehen richtet sich aber nicht nach den Prognosen von Wissenschaftlern, sondern nimmt davon unbeeindruckt seinen Lauf: Wir erleben schon länger eine stetige Zuwanderung, die erst seit der aktuellen Flüchtlingskrise von einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Jedes Jahr – ob Asylberechtigte oder reguläre Einwanderer, werden circa 1 Million Menschen in Deutschland zuwandern, vor allem junge Menschen. Es ist deshalb müßig, darüber zu diskutieren, ob Deutschland ein Einwanderungsland ist oder nicht, die Fakten sprechen für sich. Dass die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen aus humanitären Gründen, aber auch aus unserer Geschichte heraus alternativlos ist, muss nicht ausgeführt werden. Das Engagement der Bundesregierung und die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung haben das Ansehen Deutschlands in der Welt verbessert, aber wir profitieren auch, denn die Zuwanderung könnte das Problem der Überalterung unserer Gesellschaft lösen.

Es ist aber noch viel Engagement, Flexibilität und Kreativität notwendig, damit Zuwanderer und Asylanten aufgrund von festen Arbeitsverhältnissen Steuern und Beiträge in die Sozialversicherungen einzahlen. Dazu müssen vor allem bürokratische Hemmnisse abgebaut werden, dann sind alle diese Aufgaben lösbar und man wird sicherlich viele Erkenntnisse über flexibles, kreatives Verwalten für die Zukunft gewinnen.

Will man eine Lehre aus all dem ziehen, dann die, Prognosen nicht für unveränderbare Wahrheiten zu halten. Es wäre schön, wenn dies auch die Politik verinnerlichen könnte. Nicht jede Prognose ist eine offenbar belegbare Zukunftsvoraussage, wie der Anstieg des Meeresspiegels ausgelöst durch die Erderwärmung.

Gastkommentare entsprechen nicht immer der Ansicht der Herausgeber.

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