Die Entwicklung des Zahnarztberufs (2)

Die Lösung der Dentistenfrage

Kaum eine Entscheidung war für die deutsche Zahnärzteschaft so folgenreich wie die 1869 beziehungsweise 1872 erfolgte Freigabe der Heilkunde für nichtapprobierte Behandler („Kurierfreiheit“). Neben den Zahnmedizinern etablierte sich damit der Dentistenstand. So entstand ein Dualismus, der die Standespolitik der Zahnärzteschaft bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts nachhaltig prägen sollte.

Früher war die Zahnheilkunde geprägt durch Fachfremde, wie Zahnreißer und Barbiere. Nur wer großes Glück hatte, geriet an einen ausgebildeten Zahnarzt. AKG, Syda Produktions– Fotolia[M/zm-DÄV]

Früher war die Zahnheilkunde geprägt durch Fachfremde, wie Zahnreißer und Barbiere. Nur wer großes Glück hatte, geriet an einen ausgebildeten Zahnarzt. Dentalmuseum-Kal
Neben der akademischen Ausbildung gab es Ende des 19. Jahrhunderts auch Kurzausbilder (Pressiers), die Lehrlinge in kürzester Zeit bei hohen Gebühren ausgebildet haben. AKG

Schon wenige Jahre nach der Freigabe der Heilkunde überstieg die Zahl der nichtapprobierten Zahnbehandler jene der Zahnärzte. Die Nichtapprobierten, die sich bald mehrheitlich „Zahnkünstler“ nannten, erkannten zudem sehr rasch die Bedeutung schlagkräftiger Interessenorganisationen. Erste Ortsgruppen von Zahnkünstlern lassen sich für das Jahr 1874 nachweisen, und 1880 konstituierte sich mit dem „Verein deutscher Zahnkünstler“ (VdZ) eine nationale Dachorganisation.

1908 benannte sich der VdZ in „Verein der Dentisten im Deutschen Reich“ um. Auch die Behörden gingen mehr und mehr dazu über, die nichtapprobierten Zahnbehandler ungeachtet ihrer höchst heterogenen Qualifikationen einheitlich als „Dentisten“ anzusprechen. Damit mussten die Zahnärzte, die sowohl die Zulässigkeit der Berufsbezeichnung „Dentist“ als auch die grundsätzliche fachliche Eignung der nichtapprobierten Zahnbehandler angezweifelt und scharf kritisiert hatten, eine herbe berufspolitische Niederlage einräumen. Es war offensichtlich geworden, dass die „Nichtapprobiertenfrage“ zu einer zweiten zahnbehandelnden Berufsgruppe geführt hatte, die den Zahnärzten in allen Bereichen Konkurrenz machte [Groß, 2006].

Dominanz der Dentisten

Schon in quantitativer Hinsicht zeigte sich die neue Bedeutung des zweiten zahnbehandelnden Berufsstands: Zwischen 1878 und 1908 war die Zahl der selbst ernannten Dentisten von 735 auf 5.000 gewachsen [Groß,1994; Maretzky, 1959]. Vor allem die ländlichen Regionen waren fest in den Händen der Nichtapprobierten; aber selbst in den Großstädten reichten die Zahnärzte quantitativ nicht an die nichtapprobierte Konkurrenz heran [Bunge, 1935].

Ein Vergleich der zahnärztlichen Versorgung in verschiedenen Staaten um 1919/20 verdeutlicht die besondere Bedeutung der Nichtapprobierten in Deutschland [Dresel, 1921]: Hier versorgte ein Dentist im Durchschnitt 6.327 Einwohner. In den Niederlanden kamen demgegenüber 20.299, in Spanien 73.333 und in der Schweiz 112.500 Einwohner auf einen handwerklich ausgebildeten Zahnbehandler. Dagegen betrug die Dichte der Mechanical Dentists in England 1 zu 5.125. Allerdings erlernten die Mechanical Dentists ihr Handwerk beim Zahnarzt und arbeiteten nach beendeter dreijähriger Lehre in abhängiger Stellung als zahnärztliche Gehilfen. In vielen Industriestaaten wie etwa Frankreich oder den Vereinigten Staaten war die Zahnbehandlung ohnehin Zahnärzten vorbehalten [Dresel, 1921; Groß, 2006].


Info

Im Jahr 1909 stellte sich die Versorgung der Bevölkerung des Deutschen Reiches durch Zahnärzte und Zahnkünstler noch so dar:

Zahnärzte: 2.667

Zahnkünstler: 7.214

Auch die Zahl der nichtapprobierten Zahnbehandler lässt sich quantifizieren:

Jahr 1878: 735

Jahr 1914: 8.500

Jahr 1937: 20.000

Jahr 1952: 14.595


22637542259770225977122597722263755 2263756 2259775
preload image 1preload image 2preload image 3preload image 4preload image 5preload image 6preload image 7preload image 8preload image 9preload image 10preload image 11preload image 12preload image 13preload image 14preload image 15preload image 16preload image 17preload image 18preload image 19preload image 20preload image 21preload image 22preload image 23preload image 24preload image 25preload image 26preload image 27preload image 28preload image 29preload image 30preload image 31preload image 32preload image 33preload image 34preload image 35preload image 36preload image 37preload image 38preload image 39preload image 40preload image 41preload image 42preload image 43preload image 44preload image 45preload image 46preload image 47preload image 48preload image 49preload image 50preload image 51preload image 52preload image 53preload image 54preload image 55preload image 56preload image 57preload image 58preload image 59preload image 60preload image 61preload image 62preload Themeimage 0preload Themeimage 1preload Themeimage 2preload Themeimage 3preload Themeimage 4preload Themeimage 5preload Themeimage 6preload Themeimage 7preload Themeimage 8preload Themeimage 9preload Themeimage 10preload Themeimage 11preload Themeimage 12preload Themeimage 13preload Themeimage 14preload Themeimage 15preload Themeimage 16preload Themeimage 17preload Themeimage 18preload Themeimage 19preload Themeimage 20preload Themeimage 21preload Themeimage 22preload Themeimage 23preload Themeimage 24preload Themeimage 25preload Themeimage 26preload Themeimage 27preload Themeimage 28
Bitte bestätigen Sie
Nein
Ja
Information
Ok
loginform
Kommentarvorschau
Kommentarvorschau schliessen
Antwort abbrechen
Ihr Kommentar ist eine Antwort auf den folgenden Kommentar

Keine Kommentare




Weitere Bilder
Bilder schließen