Zahnmedizinische Flüchtlingsversorgung

Candystorm in der Praxis

An mehreren Freitagnachmittagen nach der eigentlichen Arbeitszeit behandelte Dr. Siuosh Rassaf mit seinem Team Flüchtlinge. “Wir machen das, solange es geht und nötig ist.“ www.chrischristes.de

Nicht ohne das Team

Rassaf überlegte sich, freitags nach den bestellten Patienten ein Behandlungszeitfenster für Flüchtlinge zu öffnen. Dies ging aber nur mit der Unterstützung seiner Mitarbeiterinnen. Sie einigten sich darauf, dass er die Hälfte der Zeit bezahlt und sie die andere Hälfte ohne Honorar bleiben. Auch der Samstag sollte bei entsprechender Nachfrage ins Auge gefasst werden. So kam es, dass im Oktober dreimal und im November einmal Flüchtlinge in der Praxis behandelt wurden.

Mit dem Großraumtaxi wurden die Patienten samt Übersetzer von der Unterkunft zur Praxis gebracht: hauptsächlich Syrer, aber auch Afghanen und Äthiopier. Mithilfe der Übersetzer konnte genau abgeklärt werden, welche Medikamente im Einzelfall genommen werden. Rassaf erinnert sich: „Wir haben den ersten Abend von 15.30 bis 22.30 Uhr gearbeitet. Wir wussten ja nicht, was auf uns zukommt. Dass da jemand kommt, dem ich acht Zähne ziehen würde! Die waren so marode.“

Ein ethisches Dilemma

Der Zahnarzt fand sich plötzlich in einem ethischen Dilemma wieder. „Es heißt ja, ich darf nur Schmerzbehandlung machen, aber ich kann keinem Zwanzigjährigen einen Zahn ziehen in der Front, wo eigentlich eine Füllungstherapie gemacht wird. Ich habe dann eine Füllung gemacht“, schildert er.

In der Flüchtlingsunterkunft hat sich die zahnmedizinische Hilfe schnell herumgesprochen – und bei manchem völlig falsche Erwartungen geweckt. „Kannst du mir mal die Zähne weiß machen?“, fragte ihn ein Mann. Rassaf sagt: „Ich wurde gewarnt, dass dies passieren könnte, und das hat sich leider bewahrheitet. Die Menschen mussten dann aber wieder gehen.“

Andererseits kamen auch Patienten, die auf der Flucht heftige Gewalt erfahren haben: Ein Mann wurde in Ungarn von Polizisten geschlagen, woraufhin ihm die Brücke in der Unterkieferfront abgebrochen ist. Rassaf hat die Brücke notdürftig geklebt – in der Hoffnung, dass sie hält. Dahinter verbirgt sich die Problematik, dass die Flüchtlinge anfangs nicht wissen, wohin sie verteilt werden, und somit meist nicht ein zweites Mal zum selben Zahnarzt gehen können.

Kurz vor Redaktionsschluss hat Rassaf noch einmal 16 Flüchtlinge an einem Freitag behandelt. „In meinem Stadtteil in Frankfurt-Niederrad haben wir jetzt auch drei Unterkünfte, die haben schon angefragt“, berichtet er weiter. Wie lange er seine Praxis noch für Flüchtlinge außerhalb der festgelegten Arbeitszeit öffnen kann, hänge auch von seinen Mitarbeiterinnen ab: „Die haben auch Privatleben und wir haben feste Termine. Wir machen das, solange es geht und nötig ist“, sagt er.

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