Gastkommentar

Hippokratisches Auslaufmodell?

Der Eid des Hippokrates wird zunehmend zum akademischen Ladenhüter.

Plastik „Eid des Hippokrates“ am Krankenhaus von Hoyerswerda Wikipedia-Iclandicviking

Der Hippokratische Eid ist auch 2015 noch aktuell und könnte mit seiner Kraft sogar das Gesundheitssystem Deutschlands heilen, meint Hans-Edmund Glatzl, Fachredakteur von Vincentz-Network, Berlin. privat

Nicht einmal mehr die Hälfte aller Jungmediziner hat noch Lust auf den Schwur, so die Randnotiz einer Erhebung an den bundesdeutschen Universitäten. Ist das der späte Sieg der Alt-68er, die nach jahrzehntelangem Marsch durch die Institutionen jetzt sogar die medizinischen Fakultäten majorisieren und selbst dort den Muff von tausend Jahren aus den Weißkitteln herausklopfen?

In Zeiten harter Verteilungskämpfe im Gesundheitssystems und unter seinen Protagonisten sehen sich Ärzte zunehmend gezwungen, ökonomische Zwänge vor das Patientenwohl zu stellen, wollen sie nicht selbst in die Mühlsteine der Überwachungs- und Kontrollbürokratie geraten. Unter dieser Prämisse hat der Eid lediglich folkloristischen Charakter und ist damit sinnentleert, also überflüssig. Wirklich? Die Folgen wären für alle Beteiligten verheerend.

Klar ist, dass Hippokrates vor 2500 Jahren noch keine Budgetierung und keine Fallpauschalen kannte. Der Mediziner im alten Griechenland brauchte keine Regressforderungen zu fürchten und musste sich nicht in permanenter Diskussion um die Notwendigkeit von IGeLn an den Pranger stellen lassen.

Spürbar ist das Unbehagen über die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit allenthalben. Aber kann allein eine neue, modernisierte Eidesformel wie sie zum Beispiel das Genfer Gelöbnis darstellt, dem jungen Arzt sein ethisches Selbstbild stabilisieren helfen? Ist ein Eid überhaupt notwendig, angesichts strafbewehrter staatlicher Regelungen, wie zur Organspende oder dem Antikorruptionsgesetz? Wo liegt der Unterschied? Die Rechtsnorm eines anonymen Staatsapparats ersetzt nicht die ethische Richtschnur, der sich jedes Mitglied des Arztberufs freiwillig aus einer persönlichen Berufung heraus unterstellt. Und hierher rührt die wachsende Unzufriedenheit und Unruhe der Ärzteschaft, die auch nicht mit ständig neuen Umverteilungsmechanismen zu befriedigen ist.

Es ist deshalb falsch, wie die Politik die Ärzte mit Gesetzen zu kujonieren versucht. Es ist falsch, wenn der Arztberuf an die Gesundheitswirtschaft verscherbelt wird. Es ist falsch, wenn sich Mediziner einer Ökonomisierung unterwerfen, die den freien Beruf mit ihrem schleichenden Gift der Gewinnoptimierung tötet. Genauso falsch ist es auch, wenn die Öffentlichkeit die Veränderungen im Gesundheitswesen immer nur unter Neidaspekten wahrnimmt und dementsprechend fokussiert.

Der Mediziner muss seine Entscheidungen frei und unabhängig vom Willen Dritter nach bestem Wissen und Gewissen im Sinne des anvertrauten Patienten erbringen können. Genau dieser Kern sollte von der Politik nicht ausgehebelt werden. Es ist höchste Zeit, dass der medizinische Nachwuchs diese Freiheit und Verantwortung erfahren und spüren kann. Das läßt sich aber nur realisieren, wenn die Versorgung wieder vom Kopf auf die Füße gestellt, die ärztliche Heilkunst und der persönliche Einsatz zur Honorargrundlage gemacht wird.

Im medizinischen Hamsterradbetrieb wird dieses Ziel aktuell konterkariert, eingedenk der Tatsache, dass dem Behandler in der Grundversorgung pro Patient und Quartal gerade mal ein Zeitfenster von exakt 7,5 Minuten zur Verfügung steht. Technik ist von Robotern leistbar. Big Data ist als Diener wertvoll, aber nie können Computerprogramme und Gesundheits-Apps die Zuwendung und Empathie des Arztes ersetzen.

Gastkommentare entsprechen nicht immer der Ansicht der Herausgeber.


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