Der besondere Fall

Endo-Revision und Apexifikation mit MTA

Wenn der Kanal überstopft und die Osteolyse bereits in Gang ist, steht die Prognose für den Zahn schlecht. Aber heute gibt es Therapiewege, die auch in solch ungünstigen Situationen einen Zahnerhalt möglich werden lassen. Ein apikaler MTA Plug stellt bei diesem Fall eine Alternative zur klassischen Apexifikation mit Kalziumhydroxid dar.

Abbildung 1: Klinische Ausgangssituation von Zahn 11 nach erfolgter Einzelkronenabnahme. © Lukas

Abbildung 2: Ausgangsaufnahme © Lukas
Aufnahme zur Kontrolle des MTA-Plugs © Lukas
Kontrollaufnahme nach erfolgter thermoplastischer Kanalobstruktion © Lukas

Ein 28 Jahre alter männlicher Patient stellte sich Ende Juli 2015 in der Poliklinik mit herausgefallener Krone an 11 vor (Abbildung 1). Der Patient äußerte den Wunsch der Kronenneuversorgung an 11 sowie 12 bei weitestgehend freiliegender Präparationsgrenze mit starker ästhetischer Beeinträchtigung.

Nach klinischer Befundung und Röntgen- diagnostik konnte in der Einzelzahnauf- nahme eine insuffiziente über das Foramen apicale hinaus gebrachte Wurzelkanal- füllung an 11 festgestellt werden. Zusätzlich bestand eine periapikale Osteolyse. Zahn 12 war ebenfalls endodontisch versorgt, wobei in der Bildgebung kein Nachweis einer radioopaken Füllung des apikalen Kanaldrittels gelang. Es bestand an 12 keine apikale Osteolyse. Beide Zähne imponierten radiologisch mit weiten apikalen Foramina sowie verkürzten Wurzeln. Auf Nachfrage gab der Patient ein vor circa 20 Jahren stattgefundenes Frontzahntrauma an. Beide Zähne waren klinisch asymptomatisch. Dem Patienten wurde der klinische und röntgenologische Befund erörtert sowie die Behandlungsoptionen aufgezeigt.

Im Verlauf der weiteren Behandlung wurde die prothetische Suprakonstruktion an 11 abgenommen und der Zahn retrepaniert. Es wurde eine Revision der weitestgehend insuffizienten und überfüllten Wurzelkanalfüllung sowie eine zwei-wöchige Kanaldesinfektion mit Kalziumhydroxid durchgeführt. Im apikalen Bereich wurde anschließend nach ausreichender manueller Aufbereitung in Circumferential Filing Technik sowie chemischer Desinfektion ein apikaler MTA-Plug (Mineral Trioxid Aggregat) eingebracht und kondensiert. Es erfolgte eine röntgenologische Kontrolle des apikalen Verschlusses. Der Kanal wurde dann erneut provisorisch mit einer Kalziumhydroxidpaste versorgt und der Zahn mit Cavit verschlossen. Die Krone wurde mit Temp Bond rezementiert.

Am Folgetag erschien der Patient erneut zum Einbringen der definitiven Wurzel- kanalfüllung. Die Krone wurde erneut abgenommen, die provisorische Füllung entfernt und der apikale Verschluss mikroskopisch kontrolliert. Nach wiederholter chemischer Desinfektion und abschließender Kanaltrocknung erfolgte die guttaperchabasierte thermoplastische Wurzelkanalfüllung. Die Versorgung des Zahnes mit Stiftaufbau und Krone wurde geplant. Der Patient ist zur weiteren Therapie nicht mehr vorstellig geworden.

Diskussion

2,2 Prozent aller Kinder im Alter von acht bis zehn Jahren erfahren mindestens ein Frontzahntrauma [Lexomboon, Carlson et al., 2015]. In Folge eines solchen Traumas kann es zum Sistieren des Wurzelwachstums mit fehlender Bildung einer apikalen Hartgewebsformation kommen.

Hieraus erwächst die Notwendigkeit der Apexifikationsbehandlung zur Erzeugung einer apikalen Hartsubstanzbarriere [Beslot-Neveu, Bonte et al., 2011].

Primäres Ziel der Wurzelkanalbehandlung ist die vollständige Obstruktion des Kanallumens. Bei Zähnen mit unvollständigem Wurzellängenwachstum scheitern die herkömmlichen Methoden der Wurzelkanalfüllung.

Das Fehlen einer apikalen Konstriktion machen sowohl die Obstruktion als auch die Kanalaufbereitung zu einer endodontischen Herausforderung. Hier ist das Setzen einer apikalen Barriere essenziell, so dass erst danach die herkömmliche Wurzelkanalfüllung möglich wird [Vijayran, Chaudhary et al., 2013]. Das Erzeugen eines apikalen MTA Plugs stellt hierbei eine Alternative zur klassischen Apexifikation mit Kalziumhydroxid dar [Tabrizizade, Asadi et al., 2014].

Die Verwendung des bakteriziden Kalziumhydroxids wurde bereits recht früh inauguriert. Durch seinen alkalischen pH Wert soll es der Bildung einer apikalen Hartsubstanzbarriere dienlich sein [Binnie and Mitchell, 1973]. Mineral Trioxid Aggregat (MTA) ist hier eine neue Möglichkeit, devitale Zähne mit nicht abgeschlossenem Wurzellängenwachstum zu versorgen, wobei die Patientencompliance nachrangig wird. Eine Versorgung in zwei Terminen innerhalb von zwei Wochen wird hierdurch möglich [Giuliani, Baccetti et al., 2002; Kumar, Zameer et al., 2014]. Der Zeitvorteil unter Verwendung des MTA erscheint weiterhin dadurch Bedeutung zu gewinnen, dass eine zeitnahe koronoapikale Füllung möglich wird. Das Frakturrisiko wird dadurch im Unterschied zur langdauernden Erzeugung einer Hartsubstanzbarriere mit Kalziumhydroxid evident reduziert [Bonte, Beslot et al., 2015], wobei die Verschlussfähigkeit von MTA als positiv zu bewerten ist [Tabrizizade, Asadi et al., 2014].

Neben Calciumhydroxid und MTA wurde in der Literatur die Verwendung von allogenem Knochen und Schmelzmatrixproteinen vorgeschlagen, konnte aber bisher keine breitenwirksame Anwendung finden [Razavian, Haerian et al. 2014]. Allgemein anerkannte Materialien in der Durchführung einer Apexifikation bleiben allerdings weiterhin Kalziumhydroxid und MTA [Tate, 2012].

Im Unterschied zur herkömmlichen Wurzelkanalbehandlung stellt die Behandlung des Zahnes mit nicht abgeschlossenem Wurzelwachstum und offenem Foramen apicale eine endodontische Therapieherausforderung dar. Eine kontrollierte Wurzelkanalfüllung mit Kondensation gegen eine bestehende apikale Hartsubstanzbarriere ist nicht möglich [Vijayran, Chaudhary et al., 2013]. Im hiesigen Fall bestand die Besonderheit aber zusätzlich darin, dass bereits eine zu revidierende Wurzelkanalfüllung vorlag und eine substanzopfernde Präparation des Zahnes zur Aufnahme einer Vollkrone durchgeführt wurde.

Behandlungsablauf und Prognose ließen sich nur schwierig einstufen. Sicherlich wäre im kassenzahnärztlichen Ablauf eine Extraktion des Zahnes Therapie der Wahl gewesen.

Neuere Materialien auf Mineraltrioxidbasis sowie neue Erkenntnisse in der Endodontie lassen den Zahnerhalt auch in solch ungünstigen Situationen möglich werden. Die Apexifikation und die Endorevision bleiben allerdings Behandlungen mit unsicherer Prognose, gerade wenn eine Kombination aus beiden Behandlungen notwendig wird. Das geringe Ausmaß an klinischer Restzahnhartsubstanz ist prothetisch beherrschbar, das geringe Ausmaß an Wurzeldentin um den breiten Wurzelkanal endodontisch bewältigbar. Es birgt allerdings die ständige Gefahr einer Wurzelfraktur. Wenngleich die Prognose des Zahnes fraglich erscheinen mag, so stellt der Zahn im Sinne einer präimplantologischen Alveolarfortsatzprophylaxe einen planungstechnischen Zeitvorteil dar und so erscheint seine Erhaltung also nicht nur deswegen gerechtfertigt.

Alternative therapeutische Vorgehen wären die Extraktion mit prothetischem Ersatz, entweder implantat- oder zahngetragen, die Apexifikation mit alternativen vorwiegend Kalziumhydroxid basierten Materialien sowie die Revaskularisationstherapie gewesen. Das schlichte Belassen der asymptomatischen Situation mit ständiger Infektionsgefahr stellt eine weitere, wenn auch nicht sinnvolle therapeutische Alternative dar.

Max Lukas, Univ.-Prof. Dr. Brita Willershausen
Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg Universität Mainz
Poliklinik für Zahnerhaltungskunde und Parodontologie
Augustusplatz 2, 55131 Mainz, max-lukas@hotmail.de

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