Lieferengpässe bei Arzneimitteln

„Wir hängen am Tropf Chinas!“

Das Standardantibiotikum Metronidazol, eingesetzt zur Behandlung von schweren Parodontitiserkrankungen, ist aktuell vielfach nicht mehr verfügbar, klagen Apotheker. Der Grund sind Schwierigkeiten bei der Wirkstoffbeschaffung, sagen die Hersteller. Dies ist kein Einzelfall. Und das Problem ist hausgemacht, wie eine Studie jetzt zeigt.

Das Bundesinstitut für Arzneimittel (BfArM) listet aktuell (Stand: 08.02.2017) 22 Wirkstoffe auf, bei denen Lieferengpässe bestehen – darunter mehrere Antibiotika. Seit Weihnachten gibt es zum Beispiel massive Probleme mit Piperacillin, ein verbreitetes Antibiotikum, das gegen Klinikkeime eingesetzt wird. Metronidazol steht nicht – oder noch nicht – auf der Liste. Dennoch scheint es ebenfalls nicht mehr über den Großhandel verfügbar zu sein, wie die Deutsche Apotheker Zeitung berichtet. Als Grund nennen mehrere Hersteller „Probleme bei der Wirkstoffbeschaffung“ des Antibiotikums.

Metronidazol

Metronidazol gehört zur Gruppe der Nitroimidazole und wird zur Behandlung von bakteriellen Infektionen vor allem im Mund- und Kieferbereich sowie im Hals-Nasen-Ohren-Bereich eingesetzt. Im Unterschied zu anderen Antibiotika wird Metronidazol jedoch deutlich seltener verordnet. So wurden etwa 2014 von Amoxicillin rund 84,4 Millionen Tagesdosen verschrieben – von Metronidazol dagegen nur etwa drei Millionen.

„Kein Wunder“, sagt der Hersteller-Verband Pro Generika: Das Problem sei hausgemacht, verantwortlich: der Kostendruck. Im Auftrag von Pro Generika hat die Unternehmensberatung Roland Berger die Ursachen für die Lieferengpässe untersucht. Ergebnis: Laut Studie sind die „sehr hohen Investitions- und Produktionskosten und das sehr niedrige Preisniveau für Antibiotika in Deutschland“ dafür verantwortlich, dass Antibiotika nicht in Deutschland beziehungsweise nicht in der EU produziert werden.

Hersteller drücken Preise

Insgesamt gebe es eine sehr hohe Abhängigkeit der Antibiotikaversorgung vor allem von Herstellern aus China, die bereits „wesentliche Teile der gesamten Weltmarktproduktion auf sich vereinigen“. Im Klartext heißt das: 80 Prozent der für die Antibiotika-Produktion in Deutschland benötigten Wirkstoffe kommen mittlerweile aus dem Nicht-EU-Ausland.

Welche Konsequenzen das haben kann, zeigt sich am Beispiel Piperacillin: So gibt es für dieses Antibiotikum nur noch zwei große Hersteller. Beide sitzen in China und decken nahezu den gesamten globalen Bedarf für diesen Wirkstoff. Als es in einer der dortigen Fabriken vor Weihnachten zu einer Explosion kam, brach ein wesentlicher Teil der Produktionskette zusammen. Seitdem steht der Wirkstoff auf der Liste des BfArM – mit dem Hinweis „Aktuell keine Ware, mögliche Zwischenbelieferung ist in Klärung“.

Auch bei Metronidazol werden die Apotheker vermutlich noch eine Weile mit Lieferengpässen zu kämpfen haben. Hersteller Stada gibt an, die Liefersituation mit dem Rohstofflieferanten werde sich voraussichtlich erst wieder Mitte des Jahres entspannen. Auch bei Hexal wird wegen Produktionsschwierigkeiten für die Packung à 14 Stück und 400 mg kein Nachschub vor Ende April erwartet. Für die größere Packung mit 20 Stück kann die Firma derzeit gar keinen Liefertermin nennen. Ebenfalls nicht lieferfähig ist derzeit Ratiopharm. Der Hersteller geht davon aus, dass vermutlich Ende Februar beziehungsweise Anfang März wieder Ware zur Verfügung stehen wird. Von Aristo liegen keine Informationen zur Lieferfähigkeit vor – ebenso wenig bei Heumann. Pro Generika fordert die Politik zum Handeln auf und dafür zu sorgen, dass in der EU die Produktionskapazitäten für Wirkstoffe von Antibiotika wieder aufgebaut werden. Deutschland dürfe nicht länger am Tropf Chinas hängen.

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