Leserforum

Die Debatte: Zahnärzte als Heilpraktiker

„Wir wollten den gegenwärtigen Irrsinn nicht nicht länger hinnehmen!“, beginnt der Artikel, der anschließend für einen gut gefüllten Redaktions-Briefkasten sorgte. Der Beitrag, erschienen in den zm 17/2017, befasst sich mit den Forderungen des „Münsteraner Memorandum Heilpraktiker“ – einem Expertenkreis um die Münsteraner Professorin für Medizinethik, Bettina Schöne-Seifert, der dem „bestehenden Wildwuchs im Heilpraktikerwesen“ ein Ende setzen will. Hier eine Zusammenfassung.

Ein Artikel – viele Reaktionen. Die Zuschriften unserer Leser finden Sie auf den folgenden Seiten.

Laut Memorandum gibt es im deutschen Gesundheitswesen zwei Parallelwelten: die Welt der akademischen Medizin und die Welt der Heilpraktiker. Während die akademische Medizin nach Evidenzbasierung und begründetem Fortschritt strebe, seien Heilpraktiker in der bis heute wissenschaftlich unterlegten Gedankenwelt der Samuel Hahnemanns verankert.
Dabei geht es nicht nur um Heilpraktiker, sondern auch um Ärzte und Zahnärzte, die Komplementäre und Alternative Medizin-Verfahren anbieten. Während Ärzte nicht als Heilpraktiker firmieren dürfen, ist dies für Zahnärzte, Psychologen oder Physiotherapeuten möglich. Diese können ihre Befugnisse durch eine Zusatzzulassung als Heilpraktiker ausweiten. Den Münsteraner Experten ist es ein Dorn im Auge, dass Heilpraktiker-Zahnärzte – ebenso wie praktiker-Physiotherapeuten – grundsätzlich auch Nieren- und Herzprobleme behandeln dürfen. 

Sie schlagen daher vier Optionen vor, um „das Missverhältnis von Qualität und Befugnis der Heilpraktiker“ zu korrigieren – diese reichen von der Einschränkung ärztlicher Tätigkeiten über die Unterwerfung an ärztliche Weisungen und die Abschaffung des staatlichen geschützten Berufs des Heilpraktikers bis hin zu einem staatlich geprüften Fach-Heilpraktiker. Anschließend folgte ein Interview mit Dr. Hans-Werner Bertelsen, Mitglied der Expertengruppe „Münsteraner Kreis“. Darin äußerte er sich zu den Gefahren, die seiner Meinung nach bestehen, wenn Zahnärzte als Heilpraktiker arbeiten: „Aus eigener – auch leidvoller – Erfahrung weiß ich, dass Heilpraktiker-Zahnärzte esoterische Erklärungsmodelle für banale odontogene Entzündungen angeben, um mithilfe von induzierten irrationalen Ängsten ‘Leistungen‘ zu verkaufen.“ Für Bertelsen ist die Sache klar: „In Anbetracht der aktuellen Erkenntnislage kann es nach meinem Dafürhalten nur eine Konsequenz für Add-on-Zahnärzte geben: Entweder sie bleiben auf dem esoterischen Acker [...] oder sie kehren zurück in den von ihnen studierten und examinierten Bereich logischer Plausibilität.“

Anmerkung der Redaktion

Als wir den Artikel zum Münsteraner Memorandum in den zm 17/2017 veröffentlichten, war uns bewusst, dass wir damit unterschiedliche und in Teilen auch emotionale Reaktionen auslösen werden. Allerdings haben uns die teils heftigen Leserreaktionen samt drastischer Formulierungen überrascht. Und es gehen nach wie vor noch Leserbriefe zu diesem Thema ein. Bereits die bloße Anzahl an Zuschriften zeigt, dass Sie das Thema bewegt, hier und da sogar getroffen hat. Dennoch möchte ich mich für eine sachlich geführte Debatte aussprechen. Wie die folgenden Leserbriefe zeigen, fühlt sich manch ein Leser von Herrn Dr. Hans-Werner Bertelsen persönlich angegangen. Und auch die zm musste sich den Vorwurf der Polemik gefallen lassen. Dazu sei gesagt: Dass die zm über das Münsteraner Memorandum und die darin formulierten Forderungen angemessen und sachlich berichtet, ist eine Notwendigkeit. Dass Herr Dr. Bertelsen, als Mitglied des Münsteraner Kreises, in einem Interview dazu sehr deutliche – auch emotionale – Worte findet, um die Forderungen aus seiner Sicht zu unterstreichen, negiert das nicht. Aus meiner Sicht darf in dieser Debatte deshalb nicht aus den Augen verloren werden, dass das Münsteraner Memorandum nicht die Einzelmeinung von Herrn Dr. Bertelsen – der als einziger Zahnarzt in diesem Kreis natürlich als erster im Interview zu Worte kam – darstellt, sondern eine von 15 Wissenschaftlern getragene und konsentierte Forderung eines Expertenkreises ist. Ri

Wer bestimmt, was Irrsinn ist?

Leserbrief von Dr. Rudolf Völker, Hamburg

So sehe ich es – das Münsteraner Memorandum in der Exegese durch Herrn Kollegen Bertelsen: Als meine Kommilitonen mit mir 1984 das Zahnmedizinstudium begannen, wetterte der Universitätsprofessor über die „Eisenstangen“, die man neuerdings in die Münder einpflanze und meinte, das sei Prothetik! Niemals werde sich dieser Unfug durchsetzen! Wir merken uns: Implantologie wurde in der Praxis entwickelt, verächtlich gemacht und erst später von der Schulmedizin übernommen.

Wissenschaft ist Wandel

Man lehrte uns, Fluoride in den mütterlichen Organismus zu rezeptieren, damit die fötalen Adamantoblasten widerstandsfähigeren Zahnschmelz produzieren könnten. Wer als Zahnarzt oder gar als Student dagegen kritische Worte einlegte, durfte damals lernen, sich zu ducken! Heute beharren nur noch einige wenige hartgesottene Professoren der Pädiatrie auf den wissenschaftlich völlig überholten systemischen Fluoridierungen im Säuglingsalter. Wer sich einmal die Mühe gemacht hat, sich eingehend und objektiv mit der zunächst vorwiegend amerikanischen Fluoriddiskussion ab 1940 zu beschäftigen (und sei es einfach nur, um zu wissen, wer denn nun Recht hat), der wird feststellen, wie wandelbar wissenschaftliche Argumente in einer von politischen und wirtschaftlichen Interessen, aber auch von subjektiven Überzeugungen geprägten Welt genutzt wurden (Nein, ich bin kein „Fluor-Gegner“!). Ich darf nur rückwirkend befriedigt feststellen, dass meine aufgrund kritischer Gedanken zum Staatsexamen 1990 gebildete Meinung sehr nahe an dem war, was die aktuelle „Schulmedizin“ heute vertritt.

Wissenschaft ist ergebnisoffener, ewiger Dialog. Oder subjektive Meinung.

Wissenschaft ist in Entwicklung. Glaube ist es auch. Die katholische Kirche hat es aufgegeben, inquisitorisch „abweichende Meinungen“ zu verfolgen und auszumerzen. Dennoch hat es zu allen Zeiten und in allen Weltbildern Bestrebungen gegeben, die eigene Auffassung festzuschreiben und als verbindlich für alle anderen zu diktieren. Dabei ist es erleuchtend, wie schwer sich „die Wissenschaft“ (Biologie, Quantenphysik, Theologie, Psy- chologie, Medizin ...) in der Beantwortung einer so fundamentalen Frage tut, wie sie beispielsweise im März 2013 in dem interdisziplinären Kolloquium an der Universität Witten/Herdecke mit dem Thema „Was ist Geist?“ auf- geworfen wurde. Eine befriedigende Konsens-Lösung gab es damals nicht. Wer aber rational nicht beantworten kann, was „Geist“ denn überhaupt ist, tut sich natürlich auch schwer mit einer sachgemäßen Stellungnahme zu einem so umstrittenen Thema wie „Geistheilung“.

Das hindert aber natürlich bestimmte Geister nicht daran, eine feste Meinung zu vertreten. Herr Bertelsen macht hier keine Ausnahme. Von Hause aus als niedergelassener Kollege mit einer Approbation ausgestattet wie wir alle, erhebt er sich in seinem Anspruch auf Wahrheit und verurteilt in einem großen, polemischen und polarisierenden Rundumschlag alles, was irgendwie vom derzeitigen(!) Mainstream der Wissenschaft abweicht: Was er aussagt, ist viel subjektive Meinung, wenig belastbare objektive Wissenschaftlichkeit, für die er ja vorgibt, einzustehen. Geht es auch rationaler, nüchterner? Nein, denn so sind die Fundamentalisten. Sie möchten nicht diskutieren. Sie möchten verbieten. Was „Irrsinn“ ist, bestimmen sie.
Anstatt beispielsweise darüber zu diskutieren, wie wir mit der zunehmenden Zahl von Allergikern, Atopikern und multimorbiden Patienten in unserem Fachgebiet umgehen (der Epicutantest ist da nun wirklich keine Lösung!), wird lieber in einem Rundumschlag gegen „esoterischen Mumpitz“, gegen die „viel zu hohe Zahl der Impfgegner und der Sekten in unserem Land“ gewettert. Man könnte sich achselzuckend von dieser Niveaulosigkeit abwenden und sich nicht angesprochen fühlen, wenn man nicht wissen würde, dass hinter dieser bewusst verächtlich machenden Polemik die Ausschaltung von allem und jedem steht, was derzeit Meinung der derzeitigen Hochschul-Vertreter und ihres Drittmittel lastigen Hintergrundes ist."

„Patientenschutz“ ist kein belastbares Argument

Wie eingangs gezeigt wurde, kann sich die Sichtweise der Wissenschaft verändern. In einer in Denkschablonen zementierten Wissenschaftswelt allerdings weniger schnell. In der Natur gibt es keine endgültigen Wahrheiten: Mutationen können sich als Irrtum erweisen – oder als Vorläufer des Mainstreams und des Erfolgs von morgen. Daher ist die Therapiefreiheit und die Pluralität in der Medizin eine Conditio sine qua non. Auch ist ärztlicher „Hokuspokus“ keinesfalls auf Heilpraktiker und sektiererische Esoteriker beschränkt: Bertelsen selbst hat in den Zahnärztlichen Mitteilungen (Heft 5/2016) einen spektakulären, auch im SPIEGEL veröffentlichten Fall dargestellt, wie ein Patient mit einem simplen odontogenen Abszess zwei Jahre lang eine wahre Odyssee durch Fehldiagnosen und -behandlungen seiner behandelnden Ärzte erlitten hat. Auch die Mainstream-Medizin wird von Menschen vertreten, sie ist daher weder in der Theorie noch in der Praxis der Hort der „reinen Lehre“ und der ewige Garant für eine menschenwürdige, rationale und rationelle Behandlung. Einig sind wir uns, dass man mit Homöopathie weder anorganisches noch methyliertes Quecksilber ausleiten kann und dass es unethisch ist, verzweifelten Tumor-Patienten für viel Geld falsche Hoffnungen zu machen. Tumorpatienten sind aber auch nicht die Klientel der Zahnärzte. Auch dann nicht, wenn sie zugleich Heilpraktiker sind. Ebenso wenig haben wir als Zahnärzte etwas auszusagen zum Für und Wider einzelner Impfungen oder gar des „Impfens“ an und für sich. Daher kann man die entsprechenden Aussagen Bertelsens nur als Stimmungsmache werten. Billig, weil es (derzeit, auch das kann sich wieder ändern!) gerade Konjunktur hat, jedwede kritische Stimme zur Impfproblematik als Brunnenvergifter und Volksschädling zu denunzieren. Rational geführte Diskussionen sehen anders aus.

Wenn es gute Argumente gegen Homöopathie und die Jahrtausende alte Medizinsystematik der Meridiane gibt, dann reicht es doch, diese vorzubringen, anstatt sie mit einem trotzigen „Dem Irrsinn muss ein Ende gesetzt werden!“ erst polemisch mit Hütchenspielern und Horoskopen in einen Topf zu werfen und dann verbal zu verbrennen. Wer als Patient nicht richtig behandelt wird, hat das Recht, zu klagen. Die Ungeduld und Polemik ist daher kein Beitrag zum Patientenschutz. Allerdings einer zur Zerstörung des Burgfriedens.Ich werde niemals Menschen verstehen, die mit dem Finger auf andere zeigen, anstatt sich täglich darum zu bemühen, selbst besser zu werden und ihren Patienten bestmöglich zu helfen.

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