Gleichschaltung der Zahnärzteschaft nach 1933

Im Dienste des Volkskörpers

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten kam es zu einer radikalen Umgestaltung des Gesundheitswesens gemäß der NS-Ideologie. Über die Rolle der zahnmedizinischen Standesorganisationen zwischen Rassenhygiene, Führer-Bekenntnis und Pflichtmitgliedschaft in den zwölf Jahren Diktatur – und wie die Zahnärztlichen Mitteilungen zum NS-Kampfblatt wurden.

Voll auf Kurs: Die Zahnärzteschaft war in der NS-Zeit ideologisch an vorderster Front dabei –und stiftete gar ein Flugzeug (Berlin-Tempelhof, 1938). Foto: zm-Archiv

Ziel von Hitler und der NSDAP war es, die vorhandenen gesellschaftlichen und staatlichen Organisationen zu übernehmen und entsprechend ihrer Ideologie auszurichten, also Staat und Gesellschaft in Deckung zu bringen und diese neue Einheit nach dem Prinzip der Parteigliederungen der NSDAP zu gestalten und mit linientreuen Funktionären zu besetzen. Im Zentrum der Ideologie der NSDAP standen rassen- und bevölkerungspolitische Ziele und die neue Definition des nationalsozialistischen Sozialstaats. Bindeglied dieses nach den Prinzipien des „nationalen Sozialismus“ ausgerichteten Sozialstaates sollte die völkisch und rassisch ausgerichtete Solidarität innerhalb der Gemeinschaft aller „erbgesunden Volksgenossen“ sein – mit weitgehender Aufhebung der Klassenschranken, mit einer Ausdehnung der gesetzlichen Sozialversicherungsleistungen und mit einem Ausbau der gesetzlichen Krankenversicherung, was ein Garant für den inneren Frieden sein sollte. Die soziale Verheißung von Hitler als „Heilsbringer“ für das deutsche Volk sollte eine „Volksgemeinschaft aller Stände, Berufe und Klassen“ sein, die soziale Geborgenheit, politische Gerechtigkeit und nationale Erneuerung der deutschen Gesellschaft versprach. Ideologisch wurde von der NSDAP genau definiert, wer aus dieser „Volksgemeinschaft“ ausgegrenzt und vernichtet werden sollte. Nach diesen Prinzipien wurde das gesamte deutsche Gesundheits- und Sozialwesen neu geordnet und umgestaltet.

Volksgesundheit statt individuelles Patientenwohl

Federführend bei dieser Umgestaltung war der „Nationalsozialistische Deutsche Ärztebund“ (NSDÄB), der schon 1929 als „ärztliche Kampforganisation“ innerhalb der NSDAP neben SA und SS gegründet wurde und dem ab 1930 neben Ärzten auch Zahn- und Tierärzte sowie Apotheker beitreten konnten. Der NSDÄB setzte sich zum Ziel, nicht nur die Ärzte- und Zahnärzteschaft, sondern das gesamte Gesundheitswesen dem NS-Führungsanspruch zu unterwerfen und unter der Führung seiner Mitglieder radikal neu auszurichten. Statt dem individuellen Patientenwohl waren nun „Rassenhygiene“ und „Volksgesundheit“ die Ziele medizinischen Handelns. Anfang 1933 formulierte der NSDÄB im „Deutschen Ärzteblatt“ folgende Ziele:

  1. Dem „Volkskörper“ dienen – und nicht einer Fachgruppe,
  2. Vereinfachung der Gebührenordnung,
  3. Umbau des unhaltbaren Kassenarztwesens,
  4. Zusammenfassung des Gesundheitswesens und der Ärzte in einer Reichsärzteordnung,
  5. Reform des Medizinstudiums und des Berufungswesens an den Universitäten und
  6. Abbau der Riesengehälter einzelner Ärzte.

Diese Aufgabe übertrug Adolf Hitler 1933 dem Vorsitzenden des NSDÄB, dem Arzt Dr. Gerhard Wagner, der zum „Beauftragten des Führers für Volksgesundheit“ und Leiter des „Hauptamtes für Volksgesundheit der NSDAP“ und später zum „Reichsärzteführer“ ernannt wurde. Die gesetzliche Grundlage für diese Entwicklung war das am 24. März 1933 erlassene „Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich“, das als „Ermächtigungsgesetz“ bezeichnet wurde und durch das der Reichskanzler Adolf Hitler ohne Zustimmung von Reichstag und Reichsrat und ohne Gegenzeichnung des Reichspräsidenten Gesetze erlassen konnte.
Schon an diesem 24. März 1933 stellten sich die beiden wichtigsten ärztlichen Standesorganisationen, der „Verband der Ärzte Deutschlands“ („Hartmannbund“) und der „Deutsche Ärztevereinsbund“, freiwillig unter die kommissarische Führung des Vorsitzenden des NSDÄB, um danach die Strukturen dieser Verbände umzugestalten und nach den Inhalten und Zielen der NS-Ideologie auszurichten. Die „Gleichschaltung“ des „Reichsverbandes der Zahnärzte Deutschlands e. V.“ (RV), in dem 90 Prozent der deutschen Zahnärzte organisiert waren, und dessen freiwillige Unterordnung unter den Führer des NSDÄB erfolgten nur einen Tag später am 25. März auf der Hauptversammlung des RV. Der Parteigenosse der NSDAP und des NSDÄB, Zahnarzt Dr. Ernst Stuck, wurde auf dieser Hauptversammlung zum   Vorsitzenden  des   RV  bestimmt  und

Freiwillige Unterordnung der Standesorganisationen

später zum „Reichszahnärzteführer“ ernannt. Am 7. Mai 1933 veröffentlichte der neue Vorstand des RV in den „Zahnärztlichen Mitteilungen“ (ZM), dem Presseorgan des RV, eine bedingungslose und die Bestimmungen des BGB aushebelnde „Vollmacht für den 1. Vorsitzenden des Reichsverbandes“. Darauf basierend und zum Zweck der „Gleichschaltung“ ordnete Stuck am 23. Mai an, dass jedem Landesverband und jeder Bezirksgruppe des RV ein politischer Beauftragter zuzuordnen sei, der dem NSDÄB oder wenigstens der NSDAP angehören müsste. Auch innerhalb des RV kam es wie in den ärztlichen Verbänden zum Ausschluss jüdischer, marxistischer und auch sonst missliebiger Zahnärzte aus Vorständen, Ausschüssen und dergleichen. Parallel dazu wurden auf der Grundlage des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 jüdische und regimekritische Beamte und Angestellte aus Gesundheitsverwaltungen, Kliniken, Universitäten und Instituten in allen Ländern entlassen sowie durch andere gesetzliche Verordnungen jüdischen und regimekritischen Ärzten, Zahnärzten und Zahntechnikern die Kassenzulassung entzogen und eine Neuzulassung verboten. Bei dieser Gelegenheit entzog man auch verheirateten „arischen“ Ärztinnen, Zahnärztinnen und Zahntechnikerinnen die Kassenzulassung, wenn deren Ehemänner für die wirtschaftliche Sicherstellung der Familie sorgen konnten. Die NS-Ideologie sah die „Ausschaltung“ der Frauen aus den meisten Berufen vor, da sie für die „Vermehrung und Erhaltung der Art und Rasse des deutschen Volkskörpers“ vorgesehen waren.

Impressionen von den Zahnärztetagen 1935 in Berlin (l.), 1937 in Düsseldorf (M.) und 1938 in Berlin, wo Reichszahnärzteführer Ernst Stuck gerade die Eröffnungsrede hält. | Alle Fotos: zm-Archiv

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