Birgit Wolff verlässt Dentista

"Frauen sind nicht Männer in kleiner und rosa!"

Vor zehn Jahren gründete Birgit Wolff das Zahnärztinnenforum Dentista e.V. Nun zieht sie sich aus der aktiven Arbeit zurück. Uns erzählte sie, gegen welche Vorurteile der Verband damals kämpfen musste ("Emanzenkram") und wofür er heute einsteht (etwa eine Angestelltenkultur).

Bei der IDS 2013 lud die Bundeszahnärztekammer erstmals ihre Kooperationspartner mit an ihren Stand ein. Im Bild: Dentista-Gründerin Birgit Wolff (links) mit der Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der BZÄK, Jette Krämer. Jardai

zm-online: Frau Wolff, was hat Sie damals veranlasst, einen Verband nur für Zahnärztinnen zu gründen?

Birgit Wolff: Eigentlich war das nur ein einziger Satz, genauer eine kurze Formulierung – aber diese wiederholte sich damals, 2007, beim Arbeitstreffen der Länderpressereferenten aus Kammern und KZVen einige Male in den Statements der Repräsentanten der Bundesorganisationen, als sie auf künftige Entwicklungen und Problemthemen aufmerksam machten.

Die Formulierung lautete: „die drohende Feminisierung des Berufsstandes“. Das fand ich ungeheuerlich. Die Zahnärztinnen absolvieren die gleiche Ausbildung wie die Zahnärzte, was bitte sehr sollte da „drohen“? Offenbar fehlte eine Interessenvertretung der Zahnärztinnen, um hier eine Gegenstimme zu erheben. So etwas sollte es aber geben, gerade wenn solche Formulierungen sich festzusetzen drohen.

Birgit Wolff |Dental Relations

Zeitgleich erlebte ich einige heftige Reaktionen im männlichen Vorstand eines Berufsverbandes auf die Idee, einen Chirurgie/Implantologie-Kurs allein für Zahnärztinnen auszurichten, nachdem mangelnder weiblicher fachlicher Nachwuchs beklagt wurde: Für eine solche „mono-edukative“ Fortbildungsstruktur gab und gibt es motivierende Studien. Das Konzept wurde als „Emanzenkram“ vom Tisch gewischt.

 

Sie haben aber nicht gleich aufgegeben.

Nein. Bei der bald darauf folgenden IDS 2007 sah ich an einem Stand ein kleines Info-Café für Frauen im Gesundheitswesen. Ich war schon erfreut, dass es offenbar ein Angebot gibt – erkannte dann aber, dass es ein Inkassounternehmen war, das die Damen einlud. Das war natürlich keine Lösung. Eine Interessenvertretung sollte aus dem eigenen Kreis stammen und unabhängig sein.

Abends nach der Messe habe ich dann ein Konzept entwickelt – wenn man so viele Jahre als Selbstständige Presse- und Öffentlichkeitsarbeit macht, ist so etwas nicht sooo ein großer Aufwand – und am Folgetag mit der Realisierung begonnen. Es sollte ein Berufsverband werden. Ich traf bei den geplanten Sponsoren, die den Start absichern sollten, auf große Unterstützung, einige sind noch heute dabei.

Und so kam es, dass wir schon wenige Monate später - im Herbst beim Deutschen Zahnärztetag 2007 - einen eigenen Stand hatten, eine aktive Website, eine erste Ausgabe eines Journals, Flyer und was man halt alles so braucht. Dazwischen lag die amtliche Gründung, alles engagierte und renommierte Zahnärztinnen, und die Gruppe stand von Anfang an (und steht bis heute) wie eine Eins hinter dem Verband und seinen Zielen.

Welcher Gedanke verband die Gründerinnen?

Sinn der Gründung war ja: Wir drehen die Münze „drohende Feminisierung“ einfach um und zeigen, was für ein Gewinn es für den Berufsstand und die Weiterentwicklung der Zahnmedizin ist, wenn sich weibliche Expertise spürbar mit einbringt.

Als Meilenstein in der Verbandsgeschichte gilt der Kooperationskongress mit der Internationalen Gesellschaft für ganzheitliche Zahnmedizin (GZM) zum Thema "Parodontologie ohne Grenzen" in Lindau - auch Gastredner Prof. Dr. Dietmar Osterreich, Vizepräsident der BZÄK (hier mit Dentista-Präsidentin Dr. Susanne Fath und Dr. Christine Albinger-Voigt von der GZM, war laut Wolff von dem vielschichtigen Programm angetan. |Dental Relations

 

Da die zahnmedizinischen Organisationen – von Kammern über Berufsverbände bis zu Fachgesellschaften – damals (und nach wie vor) fast ausschließlich von Zahnärzten/männlich geführt wurden, sollte es hier eine weibliche Stimme geben, die sich bei Bedarf einmischt.

Eine solche Stimme kam ja sonst in den Gremien, die den Berufsstand steuern, nicht vor, wenn man von dem häufigen Satz mal absieht, man denke als männlicher Präsident oder Vorsitzender „für die Kolleginnen doch mit“. Das mögen die Herren so auch gefühlt haben, und bei vielen Themen mag das auch passen, aber nicht ganz ohne Grund gibt es mancherlei Witz, der die Ratlosigkeit von Männern hinsichtlich des Verstehens ihrer Frau thematisiert. Frauen sind nicht Männer – nur kleiner und rosa. Da gibt es doch einiges, was die beiden Geschlechter über die Biologie hinaus unterscheidet ...

Zwischenzeitlich haben Sie mit dem Dentista e.V. ein wissenschaftliches Symposium, Kongressformate, ein vierteljährliches Periodikum, Stammtische, diverse Ratgeber und eine Kooperation mit der Bundeszahnärztekammer auf den Weg gebracht – worauf sind Sie besonders stolz?

Dass Dentista jetzt seit zehn Jahren besteht, jedes Jahr größer wird, engagiert in der zahnmedizinischen Szene seine Stimme erhebt und einigen Input liefert, der für den Berufsstand Sinn macht. Und den Berufsstand bewegt. Und das alles, nachdem die anfängliche Begeisterung in der zahnmedizinischen Politik, sagen wir, sehr schaumgebremst war ... Heute sind wir ein selbstverständlicher und auch viel gefragter Teil des Berufsstandes.

Wurden Ihnen denn Steine in den Weg geworfen?

Es gab damals durchaus eine Menge Gegenwind – auch von manchen Zahnärztinnen. Mein „Lieblingsspruch“: „Jetzt habe ich es endlich geschafft, von den Männern anerkannt zu werden – und dann kommt ihr mit sowas!“ Eine sehr traurige Nummer; es war der Zahnärztin damals nicht einmal bewusst, was sie da sagte und was das unterm Strich bedeutete.

Ältere Zahnärzte kritisierten vor ein paar Jahren das Ansinnen der Kammer Niedersachsen, einen Zahnärztinnenkongress mit spezifischen Themen für die Kolleginnen auszurichten, als „faschistoid“, und noch gar nicht so lange her ist eine Klage eines Zahnarztes gegen einen „Chirurgiekurs für Zahnärztinnen“. Genau an diesem Wochenende hätte er Zeit für eine solche Fortbildung und jetzt werde er da diskriminiert.

Dentista vergibt jährlich einen dotierten "Wissenschaftspreis" für eine herausragende Arbeit, die sich den Rahmenbedingungen der Zahnärztinnen widmet. Preisträgerin 2014 war Dr. Anja Seltmann, Hamburg (Mitte) - hier mit Dr. Susanne Fath (links) und Prof. Dr. Ingrid Peroz. |Dental Relations

Ein Hochschulprofessor forderte Studiengebühren für Zahnmedizinstudentinnen, da diese später ja nur in Teilzeit arbeiteten und mit den niedrigen Steuerzahlungen dem Staat nicht zurückgäben, was er an Geldern in die Ausbildung investiert habe.

Mit solchen und ähnlichen Kommentaren auch zu Unfähigkeiten von Zahnärztinnen („können keine Drähte biegen“, „machen Wischiwaschi-Zahnmedizin und für die harten Fälle müssen wir Männer dann wieder reparieren“, „für die ist Zahnmedizin doch nur Hobby, die leben doch vom Einkommen ihres Mannes“ etc.) könnte man Bücher füllen.

Das alles hat Dentista nur weiter motiviert. Dass uns das nur stärker gemacht hat, darauf bin ich schon ein bisschen stolz. Nicht auf mich, sondern auf uns alle im Team. Auch der Vorwurf, der Zahnärztinnenverband spalte den Berufsstand, so damals die Bundeszahnärztekammer, hat sich längst gelegt – die geänderte Einstellung wurde in einer Kooperationsvereinbarung offiziell besiegelt.

Wenn Sie aber fragen würden, was mich glücklich macht …

Was macht Sie denn glücklich, Frau Wolff?

… dann ist das die Verbundenheit miteinander, die sich im Kreis der Dentista-Zahnärztinnen und darüber hinaus zeigt. Wir haben seit einigen Jahren eine geschlossene Gruppe bei Facebook, mit derzeit rund 2.200 Zahnärztinnen, die miteinander fachliche Fälle ebenso diskutieren wie Aspekte rund um das Praxismanagement und den Umgang mit Schwangerschaft und Berufsverbot. Alles vorbildlichst kollegial. Es gibt auch mal heiße Dispute, aber alle halten sich an die Regel der gegenseitigen Wertschätzung. Das ist ein unglaublich inspirierender Pool an Alltagsthemen, die die Zahnärztinnen beschäftigen. Es gibt inzwischen verschiedene Untergruppen für Einzelthemen.

Das 1. Hirschfeld-Tiburtius-Symposium moderierte Dr. Cornelia Gins, Dentista-Gründungspräsidentin. Seit 2008 findet das Symposium, das der ersten niedergelassenen Zahnärztin Deutschlands gewidmet ist, jedes Jahr statt. |Dental Relations

Manche Zahnärztinnen haben mit anderen, die sie hier kennengelernt haben, WhatsApp-Gruppen gebildet. Der Austausch ist inzwischen länderübergreifend im deutschsprachigen Raum. Es ist eine Art digitaler Qualitätszirkel, hier wird unterschiedlichste Expertise nachgefragt und angeboten. Die Kontakte setzen sich zudem analog fort. Es gibt eine große Verbundenheit untereinander, ein sehr kraftvolles „Wir Dentistas“... Und das wärmt meine Seele.

Wer inspiriert den Dentista Verband inhaltlich - nur die Mitglieder?

Ja, aber nicht nur. Wir beobachten die Entwicklungen im Berufsstand natürlich vor allem grundsätzlich. Mein Kernsatz: So wie andere zu Schokolade greifen, so greifen wir zu den Daten ... Dentista ist, wenn man so will, erst in zweiter Linie Interessenvertretung der Zahnärztinnen – das ergibt sich oft als direkte Konsequenz aus den Daten.

Der Zahnärztinnenverband hat von Anfang an seine primäre Aufgabe so definiert, dass er die Entwicklungen im Berufsstand beobachtet, die sich aus dem steigenden Anteil an Zahnärztinnen ergeben. Diese Entwicklungen werden hinterfragt, diskutiert, oft durch externe Expertise erweitert. Wir haben beispielsweise in den Startjahren viele wichtige Daten und Fakten aus den Arbeiten des IDZ nutzen können. Dafür waren und sind wir sehr dankbar.

Und es gab und gibt viele Gespräche mit der BZÄK, auf unterschiedlichsten Ebenen – ein wichtiger Austausch über die Entwicklungen und wie sie wahrgenommen werden. Die Frage war und ist immer: Regelt sich das allein, oder macht es Sinn, dem Berufsstand etwas an die Hand zu geben, an Argumenten oder Maßnahmen? So entstand damals, noch vor der Kooperationsvereinbarung mit der Bundeszahnärztekammer, auch der erste „Ratgeber Schwangerschaft“. Vor allem die zweite Auflage, da schon in Zusammenarbeit mit der BZÄK, ist ein Klassiker geworden, auf den immer wieder zurückgegriffen wird – von Zahnärzten ebenso wie von Zahnärztinnen.

Regionalstammtische und Kolleginnen-Kurse gehören zum Dentista-Programm. |Dental Relations

Ohnehin sprechen unsere Publikationen immer den gesamten Berufsstand an – abgesehen von unserem Flyer, der explizit „für den Mann“ entwickelt wurde. Zahnmedizin aus Sicht der Kolleginnen – für den ganzen Berufsstand. Manches Thema, aus dem Kreis der Zahnärztinnen oder aus der Gesamtentwicklung, schwelt auch längere Zeit, weil viele Aspekte mitbedacht werden und divergierende Interessen unter einen Hut gebracht werden müssen – die Arbeit von Dentista ist eben klassische Standespolitik, nur eben aus dem Blickwinkel der Zahnärztinnen. Und genau das macht den Unterschied aus. Und insofern ist Dentista auch Interessenvertretung. Ganz klar – und mit vollem Herzen.

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