Der besondere Fall

Implantat im Sinus

Zwei Patientenfälle, aber eine ähnliche „Symptomatik“: Einige Jahre nach einer Implantation mit Sinuslift verschwinden beim Essen Implantat und Zahn ...

Alle Abbildungen: Josephine Tietje

Im Mai 2017 wurden zwei Patientinnen verschiedener Überweiser in unserer Ambulanz vorstellig. Obwohl sich die vorausgegangenen Behandlungen unterschieden, zeigten sich Parallelen im Verlauf und in den eindrucksvollen klinischen Bildern:

Fall 1: Die erste Patientin, 46 Jahre alt, zeigte keine allgemeinen Auffälligkeiten. Sie hatte im Jahr 2014 einen externen Sinuslift Regio 16 mit Knochenersatzmaterial und autologem Knochen erhalten. Im Februar 2015 folgte die Implantation Regio 14 und 16. 

Nach Freilegung und prothetischer Versorgung im August 2015 waren die Titanimplantate und der dazwischen befindliche Zahn 15 zwei Jahre lang beschwerdefrei in situ – bis Ende April 2017 der Zahn 15 beim Kauen eines Fleischstücks spontan in die Kieferhöhle luxierte (Abbildungen 1 und 2). 

Abbildung 1: Fall 1: Befund bei Erstuntersuchung | Alle Abbildungen: Josephine Tietje 

Abbildung 2: Fall 1: Zahnfilm Regio 13 bis 17 | Alle Abbildungen: Josephine Tietje

Eine Sinusitis maxillaris bestand nicht und die Patientin litt unter keinerlei Schmerzen. Allein die unterbrochene Zahnreihe störte.

Fall 2: Die zweite Patientin, 75 Jahre alt, zeigte eine medikamentös eingestellte arterielle Hypertonie in der allgemeinen Anamnese. Sie hatte 2011 beidseits eine externe Sinusbodenelevation erhalten. Auch hier wurden Knochenersatzmaterial und autologer Knochen verwendet. Im Jahr 2012 folgte die Implantation von Titanimplantaten Regio 17, 14, 13, 23, 25, 27 für eine festsitzende Oberkieferversorgung. 

Eine röntgenologische Routineuntersuchung ihres Zahnarztes ergab im April 2017 die vollständige Luxation des Implantats 17 in die Kieferhöhle direkt aus der prothetischen Versorgung heraus (Abbildung 3). Die Patientin hatte ebenfalls keine klinischen Beschwerden.

Abbildung 3: Fall 2: Präoperatives OPG (nach Abtrennen des Brückenglieds 16 mit der Krone 17 durch den Vorbehandler) | Alle Abbildungen: Josephine Tietje

Therapie

In beiden Fällen erfolgte die Entfernung des Zahnes/Implantats aus der Kieferhöhle (Abbildungen 4 und 5). 

Abbildung 4: Fall 1: Die Wurzeloberfläche 15  lässt keinen parodontalen Abbau erkennen. | Alle Abbildungen: Josephine Tietje

Abbildung 5: Fall 2: Implantat 17 nach Entfernung | Alle Abbildungen: Josephine Tietje

Der luxierte Zahn konnte mittels Extraktionszange gefasst werden. Es bestand eine Mund-Antrum-Verbindung, die plastisch verschlossen wurde (Abbildungen 6 und 7). Postoperativ war die Patientin weiterhin beschwerdefrei.

Im Fall des luxierten Implantats wurde in Intubationsnarkose ein Knochendeckel angelegt (Abbildung 8) und das Implantat über diesen Zugang extrahiert (Abbildungen 9 und 10).  

Abbildung 6: Fall 1: Zustand nach Extraktion von Zahn 15 vor plastischem Kieferhöhlen -verschluss |  Alle Abbildungen: Josephine Tietje

Abbildung 7: Fall 1: Zustand nach plastischem Kieferhöhlenverschluss | Alle Abbildungen: Josephine Tietje

Klinisch zeigten sich ausgeprägte poly-pöse Schleimhautveränderungen. Die ehemalige Insertionsstelle des Implantats war vollständig verschlossen. Nach Entfernung des Implantats, Reposition und Fixation des Knochendeckels wurde der Mukoperiostlappen in Ursprungsposition ver-näht.

Abbildung 8: Fall 2: Anlegen des Knochenfensters | Alle Abbildungen: Josephine Tietje

Abbildung 9: Fall 2: Blick in die polypösverän derte Kieferhöhle | Alle Abbildungen: Josephine Tietje

Abbildung 10: Fall 2: Auffinden des Implantats 17 | Alle Abbildungen: Josephine Tietje

Diskussion

Fremdkörper im oralen und orofazialen Bereich haben in der Regel traumatologische oder iatrogene Ursachen [Krause et al., 2002]. Beschrieben werden beispielsweise Holz, Abdruck- und Füllungsmaterialien oder Implantate, die in die Kieferhöhle luxiert wurden [Mohanavalli et al., 2011; Buttchereit und Kämmerer, 2016; Deniz et al., 2016; de Jong et al., 2016; Paulßen von Beck et al., 2016; Dundar et al., 2017]. 

Die Fremdkörper rufen häufig Entzündungsreaktionen hervor und können Ursache einer Sinusitis maxillaris sein [Zirk et al., 2017]. Zur Diagnosesicherung, Lokalisation und Therapieplanung stehen neben der klinischen Untersuchung das konventionelles Röntgen, die digitale Volumentomografie (DVT), die Computertomografie (CT), die Magnetresonanztomografie (MRT) und die Sonografie zur Verfügung [Shokri et al., 2017]. 

Die frühzeitige Entfernung ist notwendig, um Entzündungen zu therapieren oder ein Neuauftreten zu vermeiden [de Jong et al., 2016; Dundar et al., 2017], da es bei längerer Irritation der Kieferhöhlenschleimhaut zur Mukositis, Mukostase, Polyposis bis hin zum Verschluss des Ostiums naturale mit Entwicklung dramatischer Krankheitsbilder kommen kann [Buttchereit und Kämmerer, 2016]. Für die Kieferhöhlenrevision stehen offene Zugänge via fazialer Kieferhöhlenfensterung [Abello, 1958; Lindorf, 1974; Feldmann, 1978] und endoskopische, transnasale Verfahren [Dundar et al., 2017] zur Verfügung. 

Die Wahl der Therapie sollte nach Abschätzung der perioperativen Risiken und Beurteilung der Größe des Fremdkörpers erfolgen.

Ursachenforschung: Anhaltspunkte für vorbestehende chronische Entzündungen, eine fehlende Osseointegration nach Implantation, Traumata oder andere denkbare Ursachen für einen Misserfolg der Implantatbehandlung gibt es bei beiden Fallbeispielen nicht. 

Die Fälle stammen aus den Händen implantologisch erfahrener Behandler. Ob eine eventuelle Minderperfusion der ossären Strukturen nach Sinusbodenelevation ursächlich für eine Schwächung des umgebenden Knochens gewesen sein könnte oder ob andere resorptive und destabilisierende Prozesse die beschriebenen Befunde seltener Spätkomplikationen nach Sinusbodenelevation erklären können, bleibt im Rahmen zukünftiger Studien zu beurteilen.

Dr. Josephine Tietje

Dr. Alexander Busch

Prof. Dr. Dr.Jan Rustemeyer

Fachbereich Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie und Plastische Operationen

MVZ Ambulanz Bremen GmbH

Klinik für Mund-, Kiefer-,Gesichtschirurgie und Plastische Operationen, Klinikum Bremen-Mitte

josephine.tietje@gmail.com

Fazit für die Praxis

Die hier dargestellten Komplikationen nach Sinusbodenelevation traten erst mit erheblicher zeitlicher Verzögerung nach dem Primäreingriff auf. Klinisch hatten die Patienten keine Beschwerden, im zweiten Patientenfall handelte es sich sogar um einen Zufallsbefund. 

Daher sind nach implantologischen Maßnahmen mit vorherigem Sinuslift halbjährliche Recall-Untersuchungen über mehrere Jahre sinnvoll. Darüber hinaus empfiehlt es sich, die Patienten auch über das mögliche Auftreten von derartigen Spätkomplikationen aufzuklären, da diese einen weiteren Eingriff nach sich ziehen könnten.n

16997201690193169016716901681687694 1687695 1690169
preload image 1preload image 2preload image 3preload image 4preload image 5preload image 6preload image 7preload image 8preload image 9preload image 10preload image 11preload image 12preload image 13preload image 14preload image 15preload image 16preload image 17preload image 18preload image 19preload image 20preload image 21preload image 22preload image 23preload image 24preload image 25preload image 26preload image 27preload image 28preload image 29preload image 30preload image 31preload image 32preload image 33preload image 34preload image 35preload image 36preload image 37preload image 38preload image 39preload image 40preload image 41preload image 42preload image 43preload image 44preload image 45preload image 46preload image 47preload image 48preload image 49preload image 50preload image 51preload image 52preload image 53preload image 54preload image 55preload image 56preload image 57preload image 58preload image 59preload image 60preload image 61preload image 62preload Themeimage 0preload Themeimage 1preload Themeimage 2preload Themeimage 3preload Themeimage 4preload Themeimage 5preload Themeimage 6preload Themeimage 7preload Themeimage 8preload Themeimage 9preload Themeimage 10preload Themeimage 11preload Themeimage 12preload Themeimage 13preload Themeimage 14preload Themeimage 15preload Themeimage 16preload Themeimage 17preload Themeimage 18preload Themeimage 19preload Themeimage 20preload Themeimage 21preload Themeimage 22preload Themeimage 23preload Themeimage 24preload Themeimage 25preload Themeimage 26preload Themeimage 27preload Themeimage 28
Bitte bestätigen Sie
Nein
Ja
Information
Ok
loginform
Kommentarvorschau
Kommentarvorschau schliessen
Antwort abbrechen
Ihr Kommentar ist eine Antwort auf den folgenden Kommentar

Keine Kommentare