Studie zum mittigen Einzelimplantat im zahnlosen Unterkiefer

Das konventionelle Belastungsprotokoll ist erfolgreicher

Die Insertion des ersten mittigen Einzelimplantats im zahnlosen Unterkiefer (UK) zur Fixierung einer UK-Versorgung wurde im Jahr 1990 durchgeführt. Seit dieser Zeit sind zu diesem Versorgungskonzept verschiedene Untersuchungen mit heterogenen Studiendesigns und oft geringen Probandenzahlen durchgeführt worden. In einer weltweit ersten multizentrischen randomisierten klinischen Studie wurde jetzt über zwei Jahre der Einfluss des Belastungszeitpunkts auf das Versorgungskonzept des mittigen Einzelimplantats in zahnlosen UK untersucht.

Abbildung 1: Zustand nach Insertion eines mittigen Unterkieferimplantats mit offener Einheilung (Camlog, lange Heilkappe). Kern et al.

Trotz großer Erfolge der zahnärztlichen Prophylaxe, der Methoden zur Karieskontrolle und der steten Weiterentwicklung im Bereich der Parodontologie ist nach wie vor in Deutschland ein hoher Anteil der Senioren (65+) in einem oder in beiden Kiefern zahnlos. Zwar sinkt – prozentual betrachtet – der Anteil Zahnloser in der Altersgruppe der jüngeren Senioren (65 bis 74 Jahre) seit der dritten Mundgesundheitsstudie von 1997 und die totale Zahnlosigkeit verschiebt sich in ein höheres Lebensalter [Micheelis W, Schiffner U, 2006]. Dennoch wird durch die steigende Lebenserwartung und den demografischen Wandel die Versorgung zahnloser Senioren auch in Zukunft nicht nur in Deutschland, sondern weltweit ein essenzieller Bestandteil der prothetischen Zahnmedizin bleiben [Douglass CW et al., 2002]. Die von den gesetzlichen Krankenkassen als Regelversorgung bezuschusste Therapieform für den zahnlosen Kiefer ist die Totalprothese. 

Viele Patienten sind insbesondere mit ihrer Unterkiefertotalprothese sehr unzufrieden [Critchlow SB, Ellis JS, 2010], sie bemängeln einen insuffizienten Halt, eine deutlich reduzierte Kaueffektivität [Hyland R et al., 2009] und eine hiermit verbundene stark reduzierte mundgesundheitsbezogene Lebensqualität [Emami E et al.,2009]. 

Abbildung 3: Zustand nach Einsetzen des Kugelkopfankers drei Monate nach der Implantation| Kern et al.

Bisherige Standardtherapie: Als international anerkannte Standardtherapie für den zahnlosen Unterkiefer gilt heute eine auf zwei Implantaten verankerte, abnehmbare Versorgung [Feine JS et al., 2002]. Da Implantate für den zahnlosen Kiefer aber nicht im Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen enthalten sind, schließt der finanzielle Aufwand viele Patienten von dieser Therapieform aus. 

Walton et al. versorgten Totalprothesenträger mit entweder einem oder zwei Implantaten im zahnlosen Unterkiefer [Walton JN et al., 2009]. Sie fanden keine statistisch signifikanten Unterschiede hinsichtlich Patientenzufriedenheit und Nachsorgeaufwand zwischen den beiden Gruppen. Materialkosten und Behandlungszeit waren in der Gruppe, die ein Implantat erhielt, geringer. 

Abbildung 4: Die schraubaktivierbare Kugelkopfmatrize (Dalbo Plus, Cendres+Métaux) wurde mit autopolymerisierendem Provisorienkunststoff (Luxatemp, DMG) in die Prothese einpolymerisiert. | Kern et al.

Konzept Einzelzahnimplantat: Das Konzept des mittigen Einzelimplantats im zahnlosen Unterkiefer wurde erstmals in den 1990er-Jahren von Cordioli et al. beschrieben [Cordioli G et al., 1997] (Abbildungen 1 bis 6). 

Seit dieser Zeit sind zu diesem Versorgungskonzept verschiedene Untersuchungen mit heterogenen Studiendesigns durchgeführt worden, überwiegend mit einer kleinen Probandenanzahl über einen kurzen bis mittelfristigen Nachuntersuchungszeitraum von maximal fünf Jahren [Passia N, Kern M, 2014]. Diese Studien zeigten, dass das Konzept des mittigen Einzelimplantats sehr gut funktionierte, wenn die Implantate eine gestrahlte und geätzte Oberfläche aufwiesen, konventionell einheilten und das Retentionselement intraoral einpolymerisiert wurde. 

Die Studie: In einer weltweit ersten multizentrischen randomisierten klinischen Studie wurde jetzt über einen Nachuntersuchungszeitraum von zwei Jahren der Einfluss des Belastungszeitpunkts auf das Versorgungskonzept des mittigen Einzelimplantats im zahnlosen Unterkiefer untersucht [Kern M et al., 2017]. 

Studiendesign: Hierzu wurden an neun Universitätszahnkliniken in Deutschland 158 zahnlose Patienten mit einem Implantat im Unterkiefer versorgt und entweder in die Sofortbelastungsgruppe (n = 81) oder in die Spätbelastungsgruppe (n = 77) randomisiert. In der Sofortbelastungsgruppe wurden die Implantate unmittelbar nach der Implantation mit einem Kugelkopfattachment versorgt. Die Implantate der Spätbelastungsgruppe heilten für drei Monate geschlossen ein und wurden am Tag der Freilegung ebenfalls mit einem Kugelkopfattachment versorgt (Abbildung 1). 

Ergebnisse: Innerhalb der ersten drei Monate gingen neun Implantate (12,2 Prozent) der Sofortbelastungsgruppe und ein Implantat (1,5 Prozent) der Spätbelastungsgruppe verloren [Kern M et al., 2017]. Über einen Nachuntersuchungszeitraum von zwei Jahren ging kein weiteres Implantat verloren. Unabhängig vom Belastungszeitpunkt konnten bereits vier Monate nach Belastung der Implantate die Patientenzufriedenheit und die Kaueffektivität signifikant gesteigert werden [Passia N et al., 2017; Passia N et al., 2017/2] im Vergleich zur Ausgangssituation ohne Implantate mit konventioneller Totalprothese.

Abbildung 5: Die an dem mittigen Einzelimplantat ver- ankerte Unterkiefer- prothese sitzt nun sicher auf ihrem Prothesenlager.| Kern et al.

Diese multizentrische Studie zeigt also ein weiteres Mal, dass das Konzept des mittigen Einzelimplantats im zahnlosen Unterkiefer bei einem konventionellen Belastungsprotokoll eine ebenso einfache und zweckmäßige wie erfolgreiche implantatprothetische Therapieoption für den zahnlosen Unterkiefer ist, die einen relativ geringen operativen und auch finanziellen Aufwand beinhaltet.

Bewertung und Ausblick: Unserer Meinung nach würde die Verankerung einer unteren Totalprothese an einem einzelnen Implantat gut den Anforderungen des Sozialgesetzbuches V (SGB V) § 12 zum Wirtschaftlichkeitsgebot entsprechen, wonach Leistungen, die von den gesetzlichen Krankenkassen getragen oder bezuschusst werden, „ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich“ sein müssen. 

Allerdings ist die Gewährung von Leistungen für den Einsatz von dentalen Implantaten in SGB V § 28 zum heutigen Zeitpunkt explizit auf seltene, vom gemeinsamen Bundesausschuss festzulegende Ausnahmeindikationen für besonders schwere Fälle beschränkt worden. Da man davon ausgehen kann, dass aktuell rund 3,4 Millionen Menschen in Deutschland im Unterkiefer zahnlos sind, liegt damit bei Zahnlosen natürlich keine „seltene Ausnahmeindikation“, sondern eher eine recht häufige Indikation vor. 

Abbildung 6: Die Panoramaschichtaufnahme zeigt die mittige Position des 11 mm langen Implantats.| Kern et al.

 

 

 

Die weltweit größte Studie zu Einzelzahnimplantaten zur Fixierung einer Vollprothese im zahnlosen Unterkiefer wurde 2012 an der Universitätszahnklinik Kiel begonnen. Aktuell hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) die Förderung der Studie um drei weitere Jahre verlängert. Das gesamte Forschungsvolumen beläuft sich auf eine Summe von rund 1,275 Millionen Euro.

 

Prof. Dr. Matthias Kern
mkern@proth.uni-kiel.de

mkern@proth.uni-kiel.de

OA Dr. Nicole Passia
Klinik für Zahnärztliche Prothetik,

Propädeutik und Werkstoffkunde
Uniklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Arnold-Heller-Str. 16, 24105 Kiel

 

Literaturverzeichnis

Cordioli G, Majzoub Z, Castagna S (1997) Mandibular overdentures anchored to single implants: A five-year prospective study. J Prosthet Dent 78:159–165.

Critchlow SB, Ellis JS (2010) Prognostic indicators for conventional complete denture therapy: A review of the literature. J Dent 38:2–9.

Douglass CW, Shih A, Ostry L (2002) Will there be a need for complete dentures in the united states in 2020? J Prosthet Dent 87:5–8.

Emami E, Heydecke G, Rompré PH, de Grandmont P, Feine JS (2009) Impact of implant support for mandibular dentures on satisfaction, oral and general health-related quality of life: A meta-analysis of randomized-controlled trials. Clin Oral Implants Res 20:533–544.

Feine JS, Carlsson GE, Awad MA, Chehade A, Duncan WJ, Gizani S, Head T, Lund JP, MacEntee M, Mericske-Stern R, Mojon P, Morais J, Naert I, Payne AG, Penrod J, Stoker GT, Jr., Tawse-Smith A, Taylor TD, Thomason JM, Thomson WM, Wismeijer D (2002) The mcgill consensus statement on overdentures. Montreal, quebec, canada. May 24–25, 2002. Int J Prosthodont 15:413–414.

Hyland R, Ellis J, Thomason M, El-Feky A, Moynihan P (2009) A qualitative study on patient perspectives of how conventional and implant-supported dentures affect eating. J Dent 37:718–723.

Kern M, Att W, Fritzer E, Kappel S, Luthardt RG, Mundt T, Reissmann DR, Radel M, Stiesch M, Wolfart S, Passia N (2017) Survival and complications of single dental implants in the edentulous mandible following immediate or delayed loading: A randomized controlled clinical trial. J Dent Res: epub 19. Oktober 2017.

Micheelis W, Schiffner, U. (2006) Vierte Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS IV). Ergebnisse zu oralen Erkrankungsprävalenzen, Risikogruppen und zum zahnärztlichen Versorgungsgrad in Deutschland 2005.

in: (idz), ed. Vol. Materialienreihe band 31. Institut der Deutschen Zahnärzte Deutscher Zahnärzte Verlag DÄV, Köln:1–502.

Passia N, Abou-Ayash S, Reissmann DR, Fritzer E, Kappel S, Konstantinidis I, v. Koenigsmarck V, Mundt T, Stiesch M, Wolfart S, Ali S, Kern M (2017) Single mandibular implant study (smis) – masticatory performance – results from a randomized clinical trial using two different loading protocols. J Dent.

Passia N, Att W, Freitag-Wolf S, Heydecke G, von Koenigsmarck V, Freifrau von Maltzahn N, Mundt T, Rädel M, Schwindling FS, Wolfart S, Kern M (2017) Single mandibular implant study – denture satisfaction in the elderly. J Oral Rehabil 44:213–219.

Passia N, Kern M (2014) The single midline implant in the edentulous mandible: A systematic review. Clin Oral Investig 18:1719–1724.

Walton JN, Glick N, MacEntee MI (2009) A randomized clinical trial comparing patient satisfaction and prosthetic outcomes with mandibular overdentures retained by one or two implants. Int J Prosthodont 22:331–339.

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