Wegbereiter der Zahnheilkunde – Teil 10

Ernst Jessen – Begründer der Schulzahnpflege

Ernst Jessen etablierte gegen den Widerstand der Behörden die zahnärztlichen (Kontroll-)Untersuchungen bei Schülern und Kindergartenkindern. Er verfasste zahlreiche Beiträge zur Schulzahnpflege und engagierte sich standespolitisch –

zwischenzeitlich leitete er die ständige Hygiene-Kommission in der FDI. Eine nach ihm benannte Medaille wird nicht mehr verliehen. Was bleibt, ist der Ernst-Jessen-Weg, der von Windloch nach Twedt führt.

Ernst Jassen der „Vater der Schulzahnpflege“ Einfeldt 1959

Ernst Jessen wurde am 19. April 1859 in Twedt bei Flensburg geboren. Sein Vater Friedrich Wilhelm Jessen war Gutsverwalter, seine Mutter Sophie Dreyer die Tochter eines benachbarten Gutsbesitzers [Parreidt, 1909; Einfeldt, 1959; Holzhauer, 1962]. 

Um 1861/62 zog die Familie ins dänische Brenöre. Später wechselte Jessen nach Hadersleben, um dort das Gymnasium zu besuchen. Nach dem Abitur schrieb er sich 1879 in Kiel für Medizin ein. Doch nach zwei Semestern zog es ihn an die Universität Tübingen. Zunächst setzte er dort seine medizinischen Studien fort, entschloss sich aber um 1883 zu einem Wechsel in die Zahnheilkunde. Da es in diesem noch nicht akademisierten Fach vielerorts kein universitäres Lehrinstitut gab, erlernte er die praktische Zahnheilkunde vornehmlich bei dem niedergelassenen Zahnarzt Dr. med. Carl Wilhelm Fricke [Einfeldt, 1959]. Mit Fricke hatte er zugleich einen angesehenen Mentor gewonnen: Von 1889 bis 1891 war jener Vorsitzender des „Central-Vereins deutscher Zahnärzte“ (CVdZ) und nahm in dieser Funktion maßgeblichen Einfluss auf die Standespolitik [Groß/Schäfer, 2009]. 

1884 erwarb Jessen in Tübingen die zahnärztliche Approbation und promovierte dort im selben Jahr mit der Arbeit „Photometrie des Absorptionsspectrums der Blutkörperchen“ [Jessen, 1884]. 1885 zog er nach Straßburg, wo er sich rasch um Kontakte zur Universität bemühte. In seiner neuen Heimat hielt Jessen von Anfang an in seiner Privatwohnung Privatkurse über Zahnheilkunde ab. Und er gründete mit seiner Ehefrau Berta eine Familie: In der Folgezeit kamen die Söhne Fritz, Ernst und Paul auf die Welt [Einfeldt, 1959]. 

1887/88 habilierte Jessen sich in Straßburg als erster Zahnarzt. Seine Habilitationsschrift beschäftigte sich mit der Anästhesie im Rahmen der Zahnextraktion, sein Habilitationsvortrag mit der „Diagnose und Therapie der Pulpitis“ und seine Probevorlesung mit dem „Ersatz von Gaumendefekten“. Als Privatdozent erteilte er zahnärztlichen Unterricht in der Medizinischen Poliklinik. 1893 wurde dann Jessens Privatpraxis am Broglieplatz vom Staat übernommen und als Lehreinrichtung im Universitätsverzeichnis geführt. Diese „Poliklinik für Zahnkrankheiten“ erhielt 1897 eigene Räume – Straßburg somit ein offizielles zahnärztliches Universitätsinstitut [Einfeldt, 1959].

Schon zwei Jahre zuvor, 1895, hatte sich Jessen erstmals an das Bürgermeisteramt in Straßburg gewandt und in Anbetracht des maroden Zustands vieler kindlicher Gebisse vorgeschlagen, die ortsansässigen Volksschulkinder regelmäßigen zahnärztlichen (Kontroll-)Untersuchungen zu unterziehen. Er erntete zunächst Verständnislosigkeit, ließ sich jedoch nicht entmutigen, sondern intensivierte gar seine Bemühungen. 

Schließlich willigte die Schulbehörde 1898 ein, die rund 16.000 Kinder im Volksschulalter einmal im Jahr zur Untersuchung und gegebenenfalls auch zur Behandlung in die zahnärztliche Poliklinik zu schicken [Einfeldt, 1959; Holzhauer, 1962; Groß, 1994 und 1999]. Schnell war klar, dass Jessen diese Aufgabe nicht allein bewältigen konnte, wollte er nicht auf seine Tätigkeit als Dozent und die Ausübung einer einträglichen Privatpraxis verzichten. Also bemühte er sich bei der Schulbehörde um die Erlaubnis, einen Mitarbeiter anstellen zu dürfen. Am 25. Juli 1900 bewilligte ihm der Straßburger Gemeinderat einen jährlichen Betrag von 600 Mark. Mit dieser Summe konnte man aber keinen approbierten Zahnarzt anstellen. Daher beschäftigte Jessen einen Kandidaten der Zahnheilkunde als Unterassistenten, so dass die Oberaufsicht und die Verantwortung für die Untersuchungen weiterhin bei ihm selbst lagen [Einfeldt, 1959]. Damit schien die Durchführung der Schulzahnpflege möglich. 

Zahnpflege muss planmäßig erfolgen ...

Doch Jessen hatte den Widerstand einiger Lehrer unterschätzt. Sie sahen ihren Unterricht durch die neue Initiative gestört. Jessen reagierte mit dem Vorschlag, den Kindern den aufwendigen Weg in die Behandlungsräume zu ersparen und stattdessen mit einem Untersuchungsset in die Schulen zu kommen. Zudem überließ er den Eltern die Entscheidung, für die eigentliche Behandlung ihrer Kinder einen Zahnarzt ihres Vertrauens vorzuziehen oder seine Klinik aufzusuchen. Hier offenbarte sich allerdings das nächste Problem: Die Poliklinik war auf erwachsene Patienten ausgerichtet und die zunehmende Behandlung von Kindern ließ sich mit einer effektiven Klinikführung kaum vereinbaren [Einfeldt, 1959; Holzhauer, 1962]. Also bemühte sich Jessen in Straßburg um die Etablierung einer Schulzahnklinik – ein Unterfangen, das nur mit Rückendeckung der Stadtverwaltung zu realisieren war. Letztere reagierte zunächst ablehnend, gab jedoch letztlich nach.

 Jessen bat Architekten um entsprechende Baupläne, schmiedete vielfältige Allianzen und fand am Ende eine Mehrheit: Am 15. Oktober 1902 nahm die erste städtische Schulzahnklinik in Deutschland – und eine der ersten Schulzahnpflegestätten der Welt – mit Jessen als Direktor ihren Betrieb auf. Die Räume der in der Elisabethgasse 12 angesiedelten Klinik wurden von der Universität gestellt, für Umbauten und Einrichtungen standen 2.500 Mark zur Verfügung und der Jahresetat der Klinik belief sich auf 2.750 Mark, wovon 2.000 Mark als Gehalt für einen Assistenten verausgabt wurden [Einfeldt, 1959]. 

Jessens Ziele waren ambitioniert: Neben der regelmäßigen Untersuchung und Frühbehandlung aller Volksschulkinder versuchte er auch die Kinder aus den Kindergärten einzubeziehen – damit nahm er die zentralen Ziele der modernen Jugendzahnpflege und Kinderzahnheilkunde vorweg. Tatsache ist, dass Jessen seine schulzahnärztlichen Untersuchungen akribisch dokumentierte und in Form von Jahresberichten veröffentlichte. Bereits im August 1903 gab er seinen ersten statistischen Bericht zum Patientenaufkommen der Schulzahnklinik heraus. Demnach waren 5.343 Kinder in der betreffenden Klinik untersucht und 2.666 nachfolgend behandelt worden [Einfeldt, 1959; Holzhauer, 1962]. 

Rasch entfaltete Jessen umfassende Aktivitäten, um sein System der Schulzahnpflege deutschlandweit zu etablieren. Tatsächlich richtete der CVdZ 1902 eine „Zahnhygienische Kommission“ ein, der auch Jessen angehörte. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs wuchs die Zahl der Schulzahnpflegestätten in Deutschland auf 219 [Groß, 1994 und 1999]. 

Für Jessens universitäre Karrierepläne erwies sich die intensive Beschäftigung mit der Schulzahnpflege allerdings als nachteilig. Er litt zudem unter den unbefriedigenden finanziellen und räumlichen Rahmenbedingungen seiner Lehrtätigkeit, so dass er den Dienst an der Universität 1902 quittierte. 1904 erhielt er in Anerkennung seiner Verdienste eine Titularprofessur. Hierzu hieß es in der „Straßburger Post“ am 21. Dezember 1904: „Der Direktor der städtischen Schulzahnklinik, Dr. med. Ernst Jessen, ist der erste Zahnarzt unseres Landes, der vom kaiserlichen Statthalter durch Verleihung des Professorenprädikates ausgezeichnet worden ist. Er war seiner Zeit auch der erste, der sich als Privatdozent für Zahnheilkunde bei der Kaiser-Wilhelm-Universität in Straßburg habilitierte“ [Einfeldt, 1959].

... für Schul- und Kindergartenkinder 

Ebenfalls 1904 wurde Jessens Schulzahnklinik durch die „Louisiana Purchase Exposition“ – die historische Weltausstellung, die vom 30. April bis zum 1. Dezember 1904 in St. Louis im amerikanischen Bundesstaat Missouri stattfand – weltweit bekannt: Auf Vermittlung der deutschen Reichsregierung waren dort Bilder der Straßburger Schulzahnklinik ausgestellt und um aussagekräftige Fachliteratur ergänzt worden. Der Erfolg war durchschlagend: Sowohl die Schulzahnklinik wie auch die Autoren des dort vorgestellten Fachbuchs „Zahnhygiene in Schule und Heer“ wurden mit der Goldenen beziehungsweise Silbernen Medaille der Weltausstellung geehrt [Jessen/Loos/Schlaeger, 1904]. Im besagten Buchband wurden die Notwendigkeit und die Rahmenbedingungen einer planmäßigen Zahnpflege für die gesamte Bevölkerung erläutert [Einfeldt, 1959]. 

1909 leitete Jessen die „Hygienesektion“ des 5. Internationalen Zahnärztekongresses in Berlin, und im selben Jahr wurde ihm der Vorsitz der ständigen „Hygiene-Kommission“ der „Fédération Dentaire Internationale“ (FDI) übertragen – ein ehrenvolles Amt, das er bis 1929 ausüben sollte. Nach dem Ersten Weltkrieg setzte Jessen seine erfolgreiche Arbeit für die FDI und die internationale Zahnärzteschaft fort. Sie wurde gekrönt durch die Ehrendoktorwürde der Universität Pennsylvania („Dr. jur. h. c.“), die ihm 1926 im Rahmen des 7. Internationalen Zahnärztekongresses in Philadelphia verliehen wurde. Daneben war Jessen Ehrenmitglied des „Deutschen Zentralkomitees für Zahnpflege in den Schulen“ [Einfeldt, 1959]. 

Jessen starb am 18. September 1933 in einem Krankenhaus in Freiburg im Breisgau [Einfeldt, 1959]. Zu diesem Zeitpunkt hatte das Schulzahnpflegesystem seinen Höhepunkt bereits überschritten: Während 1929 mehr als 1.000 Schulzahnpflegeeinrichtungen in 822 Städten bestanden, war bereits 1932 „eine geregelte Schulzahnpflege [...] aus wirtschaftlichen Gründen kaum mehr möglich“ und in den folgenden Jahrzehnten sollte sich dieser Abwärtstrend weiter fortsetzen [Kirchhoff/Heidel, 2016].

Jessen hinterließ zahlreiche Schriften zur Schulzahnpflege, wobei den Arbeiten „Zahnhygiene in Schule und Haus“ und „Zahnhygiene in Schule und Heer“ besondere Bedeutung zukam [Jessen, 1903; Jessen/Loos/Schlaeger, 1904]. Ähnliches gilt für sein „Lehrbuch der praktischen Zahnheilkunde“ und die historisch bedeutsame „Denkschrift für die Errichtung eines zahnärztlichen Instituts an der Kaiser-Wilhelm-Universität Strassburg“ [Jessen, 1890 und 1902]. 

1931 wurde Jessen erster Träger des neu etablierten „Jessen-Preises“ für herausragende Arbeiten auf dem Gebiet der Jugendzahnpflege [Einfeldt, 1959]. Der Preis sollte alle zwei Jahre verliehen werden, hatte jedoch nur kurzzeitig Bestand. Eine andere – posthume – Ehrung erwies sich demgegenüber als nachhaltig: Nach ihm wurde 1959 in Flensburg-Twedt der Ernst-Jessen-Weg benannt, der von Windloch nach Twedt führt.

Univ.-Prof. Dr. mult. Dominik Groß
Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, Medizinische Fakultät
RWTH Aachen University, MTI II

Wendlingweg 2, 52074 Aachen

dgross@ukaachen.de

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