DAJ-Studie zur Karieserfahrung bei Kindern in Deutschland

Milchzahnkaries ist das Problem

dentimages

Kalibrierung

In der Online-Kalibrierung wurden Methodik und Diagnosekriterien standardisiert. Die Internetseite gliederte sich in verschiedene Abschnitte mit theoretischen und praktischen Lernteilen sowie in die abschließende Kalibrierung, die anhand einer randomisiert präsentierten Folge von Bildern erfolgte. Die Auswertungen wurden gespeichert und an die Landesarbeitsgemeinschaften für Jugendzahnpflege (LAGen) übermittelt. Im primären Kalibrierungszeitraum zwischen Mai und August 2015 nahmen 435 Untersucher (90,2 Prozent) erfolgreich teil. Bei der Nachkalibrierung bis Juli 2016 konnten weitere 47 Untersucher (9,8 Prozent) eingeschlossen werden. Insgesamt wurden 482 Untersucher erreicht und kalibriert – das sind über 20 Prozent mehr als in der Vorgängerstudie.

Die Untersuchungsübereinstimmung kann Kappa-Werte zwischen 1,0 (perfekte Konkordanz) und 0,0 (keine Konkordanz) annehmen [Cohen, 1960]. Bei der vorliegenden Studie lagen die Kappa-Werte zwischen 0,65 und 1, mit einem Peak bei guter Übereinstimmung von 0,85, trotz der erstmals inkludierten und schwieriger zu kalibrierenden Initialläsionen (Abbildung 4).

Ergebnisse

3-Jährige in Kindertagesstätten

Die 3-Jährigen in Kindertagesstätten wiesen eine mittlere Karieserfahrung von 0,5 dmft auf, wobei 86 Prozent auf Defektniveau kariesfrei (dmft = 0) waren. So betrug die mittlere Karieserfahrung der Kinder mit Karieserfahrung (Kinder mit dmft > 0) bereits 3,6 dmft. Zudem waren etwa drei Viertel der kariösen Milchzähne nicht saniert [Team DAJ, 2017].

6- bis 7-Jährige in der 1. Klasse

Die 6- bis 7-Jährigen in der 1. Klasse wiesen eine mittlere Karieserfahrung von 1,7 dmft auf, wobei etwa 56 Prozent auf Defektniveau kariesfrei (dmft = 0) waren. So betrug die mittlere Karieserfahrung des Drittels mit der höchsten Karieserfahrung (SiCdmft) sogar 4,8 dmft. Circa 43 Prozent der kariösen Milchzähne waren nicht saniert [Team DAJ, 2017].

12-Jährige in der 6. Klasse

Die 12-Jährigen in der 6. Klasse wiesen eine mittlere Karieserfahrung von 0,4 DMFT auf, wobei 79 Prozent auf Defektniveau kariesfrei (DMFT = 0) waren. So betrug die mittlere Karieserfahrung der Kinder mit Karieserfahrung (Kinder mit DMFT > 0) bereits 2,1 DMFT. Ungefähr 30 Prozent der kariösen bleibenden Zähne waren nicht saniert [Team DAJ, 2017].

Abbildung 6 | Quelle: Team DAJ, 2017

 

Zusammenfassung der Ergebnisse der Epidemiologischen Begleituntersuchungen zur Gruppenprophylaxe 2016 bei 6- bis 7-Jährigen in 1. Klassen

mittlere Karieserfahrung in Deutschland bei 6- bis 7-Jährigen1,7 dmft
Korridor der mittleren Karieserfahrung in den jeweiligen Bundesländern1,4–2,3 dmft
Kinder mit Karieserfahrung im Milchgebiss auf Defektniveau (dmft > 0)44 %
Anteil der nicht sanierten kariösen Milchzahndefekte43 %
SiC dmft (mittlere Karieserfahrung des Drittels der Kinder mit höchster Karieserfahrung)4,8 dmft
Tabelle 2; Quelle: Team DAJ, 2017


Diskussion

Die in Deutschland klar geregelte gesetzliche Struktur von Gruppen- und Individualprophylaxe (§ 21 und § 22, SGB V) und der explizite Auftrag zu epidemiologischen Begleituntersuchungen zur Gruppenprophylaxe bieten einen sehr guten Rahmen, um den oralen Gesundheitszustand von Kindern und Jugendlichen in Deutschland repräsentativ und vergleichbar zu erfassen. Der Öffentliche Gesundheitsdienst und die gesetzliche Verpflichtung zu zahnärztlichen Untersuchungen bilden das strukturelle Rückgrat der Untersuchungen, sie werden durch die Rekrutierung von Studienzahnärzten in einigen Bundesländern ergänzt. 

Das erstmalig für ganz Deutschland verwendete Instrumentarium entsprechend der Empfehlungen zur standardisierten Gesundheitsberichtserstattung des BZÖG [2013] garantiert sowohl die Vergleichbarkeit mit den Vorgängerstudien als auch mit dem international etablierten WHO-Standard [2013]. Die ebenfalls erstmals eingeführte Online-Kalibrierung erlaubte die Nachkalibrierung von Späteinsteigern. Auch kariöse Initialläsionen konnten gut kalibriert und als Neuerung in den Untersuchungen miterfasst werden. 

Abbildung 7 |  Quelle: Team DAJ, 2017

 

Zusammenfassung der Ergebnisse der epidemiologischen Begleituntersuchungen zur Gruppenprophylaxe 2016 bei 12-Jährigen in 6. Klassen

mittlere Karieserfahrung in Deutschland bei 12-Jährigen0,4 DMFT
Korridor der mittleren Karieserfahrung in den jeweiligen Bundesländern0,2–0,7 DMFT
Kinder mit Karieserfahrung im permanenten Gebiss (DMFT > 0)21 %
Anteil nicht sanierter kariöser permanenter Zähne30 %
mittlere Karieserfahrung der Kinder mit Karieserfahrung (Kinder DMFT > 0)2,1 DMFT
Tabelle 3; Quelle: Team DAJ, 2017

Die professionelle Ziehung der Stichproben und die extrem hohen Untersuchungszahlen bedeuten eine für Deutschland sehr hohe Repräsentativität, was fast identische Karieswerte für 12-Jährige bei der fast parallel erschienen IDZ-Studie [2016] belegen. Aufgrund der Annäherung der Werte in den einzelnen Bundesländern gelten die für Gesamtdeutschland gefundenen Trends auch für die Länder. 

Die DAJ-Studien weisen für 12-Jährige im bleibenden Gebiss einen sehr klaren, kontinuierlichen Kariesrückgang aus, der inzwischen eine internationale Spitzenposition darstellt, so dass die Kariesprävention bei Jugendlichen in Deutschland als Erfolgsgeschichte gelten kann. Dies trifft auch auf die sogenannte Kariesrisikogruppe zu, die proportional gleichwertig am Kariesrückgang teilgenommen hat. 

Im Milchgebiss ist eher eine Stagnation auf zu hohem Niveau zu verzeichnen. Bereits 3-Jährige weisen mit 0,5 dmft einen höheren Karieswert auf als die 12-Jährigen nach sechs Jahren mit bleibenden Zähnen (0,4 DMFT). Auch die 6- bis 7-Jährigen können im internationalen Vergleich nicht mit Dänemark, England oder Frankreich mithalten. Der Sanierungsgrad ist mit 57 Prozent weiterhin unbefriedigend. Sowohl bei der Prävention als auch bei der Therapie von Karies im Milchgebiss ist damit in Deutschland weiterhin ein deutlicher Handlungsbedarf erkennbar. Aufgrund der starken Assoziation von Kariesrückgängen und Fluoridnutzung liegt es nahe, nach einer suboptimalen Fluoridnutzung – zum Beispiel wegen der niedrigen Fluoridkonzentration in Kinderzahnpasten – zu suchen. Außerdem sind die Gruppen- und Individualprophylaxe-Programme für Kinder unter 2,5 Jahren deutlich geringer ausgebaut als diejenigen für Kinder im Schulalter. Die epidemiologischen Begleituntersuchungen zur Gruppenprophylaxe zeigen in Folge eine unterschiedliche Entwicklung für die Kariesprävalenz im Milch- und im bleibenden Gebiss auf. Daher wäre ein Aktionsplan „Prävention im Milchgebiss“ in Deutschland sinnvoll, um durch gemeinsame, intensivierte Anstrengungen in der Kollektiv-, Gruppen- und Individualprophylaxe die Erfolgsgeschichte der Kariesprävention aus dem bleibenden Gebiss in Deutschland auf das Milchgebiss zu übertragen. 

Das DAJ-Team der Universität Greifswald (v.l.n.r. Dr. Julian Schmoeckel, OÄ Dr. Ruth M. Santamaría, Prof. Dr. Christian H. Splieth, Dr. Elisabeth Schüler, ZA Roger Basner) übernahm erstmalig für 2015/2016 im Auftrag der DAJ die wissenschaftliche Leitung der epidemiologischen Begleituntersuchungen zur Gruppenprophylaxe. | Mourad

Roger Basner
Dr. Ruth M. Santamaria
Dr. Julian Schmoeckel
Dr. Elisabeth Schüler
Prof. Dr. Christian Splieth
Abteilung für Präventive Zahnmedizin und Kinderzahnheilkunde, Universität Greifswald
Fleischmannstr. 42, 17487 Greifswald

Danksagung:
Das Gutachten „Epidemiologische Begleituntersuchungen zur Gruppenprophylaxe 2016“ wurde im Auftrag der DAJ, Bonn, erstellt und vom Team DAJ, Greifswald (R. Basner, Dr. R. M. Santamaría, Dr. J. Schmoeckel, Dr. E. Schüler und Prof. Dr. Ch. H. Splieth), unter Mitarbeit von B. Berg, DAJ Bonn, und PD Dr. S. Gabler, GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften, Mannheim, und den 17 Landesarbeitsgemeinschaften für Jugendzahnpflege durchgeführt. Das Team DAJ bedankt sich ganz herzlich bei allen Beteiligten, die diese bemerkenswerte Studie ermöglicht haben.

Auf den Seiten 48–49 erläutert Bettina Berg, Geschäftsführerin der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Jugendzahnpflege (DAJ), die Hintergründe der Studie und die Rolle der DAJ.

Kernergebnisse der Studie

  • Fast 80 Prozent der 12-jährigen Sechstklässler in Deutschland haben kariesfreie bleibende Gebisse. In dieser Altersklasse liegt Deutschland zusammen mit Dänemark international an der Spitze.
  • Karies an Milchzähnen jedoch tritt früh auf und ist noch zu weit verbreitet, zudem ist eine soziale Polarisation der Karies zu verzeichnen. Erstmals wurde die Gruppe der 3-Jährigen erfasst.
16990321690193169016716901681683495 1699033 1690169
preload image 1preload image 2preload image 3preload image 4preload image 5preload image 6preload image 7preload image 8preload image 9preload image 10preload image 11preload image 12preload image 13preload image 14preload image 15preload image 16preload image 17preload image 18preload image 19preload image 20preload image 21preload image 22preload image 23preload image 24preload image 25preload image 26preload image 27preload image 28preload image 29preload image 30preload image 31preload image 32preload image 33preload image 34preload image 35preload image 36preload image 37preload image 38preload image 39preload image 40preload image 41preload image 42preload image 43preload image 44preload image 45preload image 46preload image 47preload image 48preload image 49preload image 50preload image 51preload image 52preload image 53preload image 54preload image 55preload image 56preload image 57preload image 58preload image 59preload image 60preload image 61preload image 62preload Themeimage 0preload Themeimage 1preload Themeimage 2preload Themeimage 3preload Themeimage 4preload Themeimage 5preload Themeimage 6preload Themeimage 7preload Themeimage 8preload Themeimage 9preload Themeimage 10preload Themeimage 11preload Themeimage 12preload Themeimage 13preload Themeimage 14preload Themeimage 15preload Themeimage 16preload Themeimage 17preload Themeimage 18preload Themeimage 19preload Themeimage 20preload Themeimage 21preload Themeimage 22preload Themeimage 23preload Themeimage 24preload Themeimage 25preload Themeimage 26preload Themeimage 27preload Themeimage 28
Bitte bestätigen Sie
Nein
Ja
Information
Ok
loginform
Kommentarvorschau
Kommentarvorschau schliessen
Antwort abbrechen
Ihr Kommentar ist eine Antwort auf den folgenden Kommentar

Keine Kommentare