Interview mit BZÄK-Präsident Dr. Peter Engel

„Deutschland muss in der FDI eine aktive Rolle spielen!“

Übermäßiger Zuckerkonsum, zunehmende Antibiotikaresistenzen, die steigende Migration nach Europa – Dr. Peter Engel, Präsident der Bundeszahnärztekammer, erläutert die aktuellen Themen der FDI – und warum das internationale Agieren für die deutsche Zahnärzteschaft immer wichtiger wird.

Dr. Peter Engel, Präsident der Bundeszahnärztekammer Axentis.de

Herr Dr. Engel, die Bundeszahnärztekammer beteiligt sich engagiert an den internationalen (berufs)politischen Diskussionen der FDI. In den Gremien ist Deutschland gefragt und vergleichsweise zahlreich vertreten. Welche Rolle spielt die FDI international und hierzulande?

Dr. Peter Engel: Im Mittelpunkt einer jeden weltweit agierenden berufsständischen Institution steht der fachliche, wissenschaftliche und natürlich auch politische Austausch über die nationalen Grenzen hinweg, auch bei der FDI. Bereits zu Zeiten ihrer Gründung im Jahr 1900 stand die länderübergreifende Kommunikation zu wissenschaftlichen Themen der Zahnheilkunde, zu Standards und Inhalten der zahnmedizinischen Ausbildung, aber auch zu gesundheitspolitischen Themen (wie die Förderung der Mundhygiene) im Fokus der FDI. Lange vor der Gründung der Weltgesundheitsorganisation WHO 1948 entwickelte die FDI bereits Curricula für die zahnmedizinische Ausbildung und weltweite Programme zur Förderung der Mundgesundheit.

Weltzahnärzteverband FDI in Buenos Aires

Es geht um den globalen Ansatz, wenn der Weltzahnärzteverband Fédération Dentaire Internationale (FDI) zum jährlichen Weltkongress einlädt.

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Heute ist die FDI ein wichtiger Partner der WHO und eingebunden in die internationale Politik. Das wird für uns Zahnärzte in Deutschland immer bedeutsamer, werden doch heute viele Entwicklungen, wie beispielsweise das Herunterfahren der Amalgamverwendung, international angestoßen und dann in europäische oder nationale Vorschriften implementiert. Insofern ist es wichtig, dass wir im Rahmen der FDI eine aktive Rolle spielen.

Der diesjährige Weltkongress hat wieder zahlreiche Beschlüsse verabschiedet. Welche sind aus Ihrer Sicht hervorzuheben?

Da sehe ich im Wesentlichen drei Themenkomplexe, die in den Diskussionen eine große Rolle gespielt haben. Zum einen möchten wir weltweit verstärkt auf die Folgen von Fehlernährung und Übergewicht für die Mundgesundheit aufmerksam machen. Die FDI spricht sich angesichts des international viel zu hohen Zuckerkonsums nachdrücklich für eine Reduktion des Zuckeranteils in Lebensmitteln aus. 

Ein zweites wichtiges Thema waren die bedrohlichen Entwicklungen, die von den weltweit zunehmenden Antibiotikaresistenzen ausgehen. Hier fordert die FDI eine verantwortungsvolle und zielgerichtete Verwendung der Antibiotika. 

Und zum Dritten haben uns die weltweiten Flucht- und Migrationsbewegungen beschäftigt, die ja auch zahnmedizinische Aspekte beinhalten. Mangelnde zahnmedizinische Versorgung ist zwar keine primäre Fluchtursache, trägt jedoch als ein Baustein zur Migrationsmotivation bei. Wenn es gelingt, die (zahn)medizinische Versorgung in den Entwicklungs- beziehungsweise Krisenländern und die dortigen Gesundheitssysteme zu stärken, können wir einen Beitrag zur Bekämpfung der Fluchtursachen leisten.

Die Beschlüsse der FDI dürften damit auch für die G20-Gesundheitsminister interessant sein, die sich Anfang Oktober ebenfalls in Buenos Aires treffen. Themen wie die „Bekämpfung der Fluchtursachen“ und die „Stärkung der Gesundheitssysteme in Entwicklungsländern“ stehen dort ganz oben auf der Agenda.

Ja, und genau das ist auch unser Ziel und Anspruch! Wir haben die G20-Gesundheitsministerkonferenz in einer eigenen FDI-Erklärung, die die Bundeszahnärztekammer dort vorbereitet und angestoßen hat, aufgefordert, unsere Bemühungen unterstützen. Das verstehe ich unter aktiver Politik auf internationaler Ebene.

Das Thema „Migration und Flucht“ stand bereits vergangenes Jahr beim FDI-Kongress in Madrid im Fokus. Da ging es um die Frage, wie man praktische zahnmedizinische Hilfe für Geflüchtete organisieren kann, in Buenos Aires dagegen um die Unterstützung in den Ausgangsländern der Migration. Was kann man dort konkret tun?

Mit unseren begrenzten Ressourcen können wir nur punktuell helfen. Machen wir uns nichts vor: Auch eine funktionierende zahnärztliche Versorgung wird die Menschen nicht final von der Flucht abhalten. Aber im Sinne der Sicherstellung der gesamten medizinischen Versorgung können wir einen unverzichtbaren Teil beisteuern. Die migrationspolitischen Probleme unserer Zeit sind zu dramatisch, als dass sich irgendein gesellschaftsrelevanter Akteur aus der Verantwortung stehlen kann.

Die Frage ist aber, was wir hier in der FDI beziehungsweise Deutschland tun können, und da liegt mir besonders ein Gedanke am Herzen: Im Rahmen einer FDI-Sitzung sprach mich ein Kollege aus dem Tschad an. Er berichtete, er könne jetzt leider nur noch eingeschränkt Patienten behandeln – seine Helferin hätte sich in der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Europa und konkret nach Deutschland auf den Weg gemacht. Qualifizierte Helferinnen seien aber rar in Zentralafrika und es sei jetzt schwierig, jemanden für seine Praxis zu finden – zumal Europa eine Magnetwirkung ausstrahle. 

Hier sehen wir ein großes Problem, insbesondere wenn es um das viel diskutierte Zuwanderungsgesetz geht. Ein solches Gesetz würde zweifellos zusätzliche Anreize für die Migration von Fachkräften aus Entwicklungsländern setzen. Damit nehmen wir diesen Ländern aber die Fachkräfte weg, die sie dort haben. Wir dürfen unseren Fachkräftemangel nicht mit den Ressourcen aus den Entwicklungsländern und damit auf deren Kosten bekämpfen. Dabei muss uns aber klar sein, dass wir dann völlig neue Strategien für die Bekämpfung des Fachkräftemangels auch im Gesundheitssektor in Deutschland brauchen.

Eine Alternative wäre mehr Ausbildung im eigenen Land. Ich denke da beispielsweise an die schleppende Verabschiedung der zahnärztlichen Approbationsordnung …

Bildung ist der Schlüssel zu einer guten zahnmedizinischen Versorgung und hat darüber hinaus auch eine stabilisierende soziale Wirkung. Geld, das hier investiert wird, ist gut angelegt und wir sollten die Anstrengungen darauf richten, die hier benötigten Fachkräfte auch hier auszubilden. Ich befürchte, dass ein „Braindrain“ aus den Entwicklungsländern unsere strukturellen Probleme nicht lösen und die Probleme dort nur vergrößern wird.

Ein anderes Thema: Die Mitgliederversammlung der FDI hat sich dafür ausgesprochen, dass Antibiotika weltweit nur noch von „regulierten“ Berufsgruppen verordnet werden dürfen. Der freie Verkauf über das Internet und rezeptfreier Produkte sollen demnach nicht mehr möglich sein. Ist das nicht ein Plädoyer für die Regulierung im „Gesundheitsmarkt“, wie wir sie in Deutschland bereits haben, und gegen immer wieder diskutierte Deregulierungsbestrebungen?

Viele Länder in der Welt haben einen weit deregulierteren Markt in der gesundheitlichen Versorgung als Deutschland – mit allen damit verbundenen Problemen. Die leichte Verfügbarkeit von Antibiotika gehört dazu. Wer unsere Europaberichterstattung kennt, weiß, dass die Deregulierung auch ein Thema auf europäischer Ebene ist. Am Beispiel der Antibiotikaresistenzen werden uns die Konsequenzen unregulierter Märkte eindrucksvoll vor Augen geführt. Zugleich unterstreicht dieser Vorgang die Bedeutung und die besondere Stellung der Arztberufe für die Erreichung gesundheitspolitischer Ziele. 

Ich glaube, in der Hitze gesundheitspolitischer Debatten unterschätzen wir heute den Wert der sinnvollen regulatorischen Rahmenbedingungen, wie wir sie in Deutschland haben und für die es außerhalb unserer Grenzen viel Respekt gibt. In der Welt wird unser Gesundheitssystem mitunter mehr geschätzt als bei uns. Das spürt man sehr gut beim Blick über den eigenen Tellerrand, diesen Eindruck habe ich mit nach Hause nehmen können.

Neben gesundheitspolitischen Themen befasste sich die FDI auch mit den zahnmedizinischen Volkskrankheiten Karies und Parodontitis. Welche Entwicklungen sind hier zu sehen?

Die parodontale Gesundheit war bereits im vergangenen Jahr ein großes Thema. Hier sehen wir insbesondere die sich immer deutlicher zeigenden Zusammenhänge zwischen Parodontitis und Allgemeinerkrankungen. Die zahnmedizinische Versorgung muss enger mit den anderen medizinischen Disziplinen zusammengeführt werden und umgekehrt. Es wird darauf ankommen, die entsprechenden Schnittstellen zu schaffen und auszubauen. Die FDI hat hier mit ihrem 2015 gestarteten „Globalen Projekt zur parodontalen Gesundheit“ ein ambitioniertes Programm, um Parodontitis weltweit zurückzudrängen.

In Bezug auf die Zurückdrängung der Karies hat die FDI – neben der Forderung nach Reduzierung des Zuckeranteils in Lebensmitteln – die überragende Bedeutung fluoridhaltiger Zahnpasten für die Kariesprävention betont. Insbesondere in den Entwicklungsländern muss die Verfügbarkeit dieser Zahnpasten erhöht werden. Auch im Hinblick auf die hin und wieder in den Industrieländern aufflammenden Fluoriddebatten ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass wir einen überwältigend großen weltweiten Konsens zur Unbedenklichkeit und Wirksamkeit der Kariesprävention mit fluoridhaltigen Zahnpasten haben.

Section of Defence Forces Dental Services

Dr. Bieber übernimmt Vorsitz

Im Rahmen des Weltzahnärztetages kamen in Buenos Aires mehr als 60 Mitglieder der Section of Defence Forces Dental Services (SDFDS), einer Sektion der FDI, zu ihrem jährlichen Meeting zusammen. Die Vorträge zeigten das breite Spektrum der Zahnheilkunde in Streitkräften und die besonderen Aufgaben von Militärzahnärzten.

Dr. Bieber | military-medicine.com / BETA-Verlag

Die Themen reichten von der Zahnheilkunde vor und in Einsätzen, Katastrophenmanagement, zahnärztlicher Identifizierung zur Parodontologie, dem Einsatz von Robotern in der Implantatologie und MKG-Chirurgie. 

Zum Abschluss der Tagung übernahm Flottenarzt Dr. Helfried Bieber, Leitender Zahnarzt der Bundeswehr, als erster deutscher Sanitätsoffizier für die kommenden drei Jahre den Vorsitz der SDFDS. In seiner kurzen Antrittsrede unterstrich er die besondere Bedeutung der SDFDS als unverzichtbaren Teil der FDI.

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