Zahnärzte-Befragung

Dentaltourismus bleibt Randphänomen

Deutsche lassen sich sich am häufigsten aus Kostengründen zahnärztlich im Ausland behandeln. Patienten aus dem Ausland gehen in Deutschland dagegen meist in Notfällen zum Zahnarzt. Das ergab eine Zahnarztbefragung zur grenzüberschreitenden Versorgung.

Deutsche Patienten lassen sich am häufigsten aus Kostengründen zahnärztlich im Ausland behandeln - oder weil sie in Grenzregionen wohnen. Das ergab eine neue Studie der TU Berlin. Hingegen ließ sich die Mehrheit der Patienten aus dem Ausland hierzulande wegen Notfallsituationen zahnärztlich behandeln. www.centquatre.de_Fotolia

Überwiegend bewerteten die befragten Zahnärzte die grenzüberschreitende zahnärztliche Versorgung in Deutschland als ein Randphänomen. Ihr häufigster Kritikpunkt: die Qualität der erhaltenen Behandlung im Ausland.


  • Für die Stichprobe wurden praktizierende Zahnärzte im gesamten Bundesgebiet mit Erfahrung in grenzüberschreitender Versorgung ausgewählt. Nach dem Zufallsprinzip wurden daraus 600 Zahnärzte identifiziert. Hinzu kamen weitere Zahnärzte, die durch Fachmedien (Newsletter der zm und des FVDZ) gewonnen wurden.
  • Gewählt wurde ein qualitatives Studiendesign mit semi-strukturierten Interviews. Es erfolgen zehn Telefoninterviews, die 20 bis 50 Minuten dauerten und im Januar und Februar 2013 durchgeführt wurden.
  • In allen Praxen machten GKV-Patienten die Mehrheit aus. Als Herkunftsländer der ausländischen Patienten nannten die Zahnärzte: Italien, Großbritannien, die Niederlande, Ukraine, Tschechische Republik, Frankreich, USA, Belgien, Schweden, Spanien, Österreich, Slowenien, Türkei und Osteuropa allgemein. Über Kommunikationsprobleme mit den Patienten berichteten die Zahnärzte nicht, die Mehrzahl der Patienten sprach deutsch oder englisch.

Die TU Berlin befragte für ihre Studie Zahnärzte aus dem ganzen Bundesgebiet zu ihren Erfahrungen mit Patienten, die aus dem Ausland zur Behandlung nach Deutschland gekommen sind und mit Patienten, die zur Behandlung ins Ausland gegangen sind. Patienten wurden nicht befragt. Die Studie gilt als erste qualitative Untersuchung dieser Art. Bisher gab es zu diesem Thema kaum Informationen aus Perspektive der Zahnärzte. 

Die Wissenschaftler fragten vor allem nach diesen Punkten:

  1. Versorgungsqualität
  2. Beweggründe der Patienten
  3. Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der Inanspruchnahme der Leistungen
  4. Herkunfts- oder Zielländer der Patienten
  5. Finanzierung und Probleme, die aufgrund des Dentaltourismus für das deutsche Gesundheitswesen entstehen können.

Die Ergebnisse im Einzelnen

Patienten aus dem Ausland

Die meisten Patienten aus dem Ausland wurden aufgrund von Notfällen, also ungeplant, behandelt. Typische Behandlungen waren Füllungen, Wurzelbehandlungen, Zahnschmerzbehandlungen und Zahnextraktionen. Präventive Behandlungen wurden selten nachgefragt. Die Patienten lobten die höheren Qualitätsstandards in Deutschland im Vergleich zu ihren Heimatländern, das betraf vor allem Materialien und Behandlung.

Als Hauptgrund für eine geplante Behandlung in Deutschland wurde die qualitativ hochwertige technische Ausstattung und das Preis-Leistungs-Verhältnis genannt. Keiner der Patienten hatte einen Behandlungsplan. Ein Austausch von Patienteninformationen zwischen dem deutschen und ausländischen Zahnarzt fand wegen der Notfallbehandlung nicht statt. Die deutschen Zahnärzte boten fast immer eine Nachuntersuchung an.

Bei der Finanzierung der Behandlung verwiesen die meisten Zahnärzte auf die europäische Krankenversichertenkarte, die Notfälle abdeckt. Manche gaben an, dass Patienten per Rechnung in Vorleistung gehen müssen, um dann die Kosten im Heimatland erstattet zu bekommen. Die Behandlungsqualität in Deutschland wurde besser bewertet. Den Zahnärzten zufolge lagen die von den Patienten wahrgenommenen Unterschiede oft auch in der Verantwortung der Patienten selber, etwa bei mangelnder Zahnhygiene.

Deutsche Patienten im Ausland

Die Patienten bevorzugten osteuropäische Länder, besonders die Ukraine, Ungarn und Polen. Zahnprothetik wurde am meisten nachgefragt. Die Hauptgründe waren meist finanzieller Art, gefolgt von wohnortnaher Versorgung innerhalb einer Grenzregion. Ausnahmen dafür stellten Patienten mit Migrationshintergrund, vor allem türkischstämmige Patienten dar. Neben finanziellen Gründen spielten hierbei vor allem persönliche Gründe eine Rolle: Vertrautheit mit Abläufen in der Heimat, Kopplung mit Familienbesuch.


"Die medizinische Qualität der Behandlung war einfach schlecht!"

  1. "Also, dass wir hier so eine systematische Behandlung für Patienten aus dem Ausland durchführen, ist eher selten der Fall. Bisher hat noch nie ein Patient aus dem Ausland nach einer Prothese hier bei uns gefragt. Das ist zu teuer in Deutschland und ich glaube, in dem meisten Fällen günstiger im jeweiligen Heimatland."
  2. "Es hängt immer davon ab, welche Art der Versicherung vorhanden ist, viele haben ja ein Limit von 80 Euro in Notfällen. Da kann man ja wirklich nichts anbieten, besonders keine Nachuntersuchung".
  3. "Die meisten Patienten sind versichert. In Notfällen aus europäischen Ländern [...] haben wir basierend auf dem Versicherungsstatus verrechnet."
  4. "Bezüglich des Qualitätsaspekts waren Patienten oft unzufrieden. [....] die medizinische Qualität der Behandlung war einfach schlecht. Obwohl, insgesamt nimmt die Qualität aber zu. Früher war es noch sehr viel schlechter."
  5. "Die kommen in eine deutsche Praxis,zum Beispiel in meine, erhalten eine Untersuchung und nach der Diagnose einen dazugehörigen Behandlungsplan, manchmal noch Röntgenbilder. Sobald das dann alles fertig ist, reisen sie für die Behandlung dann in die Türkei, aus finanziellen Gründen natürlich."
  6. "Später bemerken Patienten oftmals, dass sie Probleme haben, etwas schmerzt, etwas geht kaputt, etwas entzündet sich oder sie haben Zahnfleischbluten. Sie merken also [...], dass es billig war, aber trotzdem insgesamt vielleicht nicht so gut."

Die Behandlungsqualität im Ausland wurde von den meisten Zahnärzten als schlechter eingeschätzt. So hätten Patienten Prothesen erhalten, die in Deutschland nicht zugelassen sind. In manchen Fällen musste die Arbeit erneut gemacht werden (Gründe: Schmerzen; mangelhafte Qualität, funktionelle Einschränkungen).

Fazit

Die Befragung zeigt, dass sich der Dentaltourismus in den letzten fünf bis zehn Jahren nicht wesentlich gesteigert hat. Die Zahl der Patienten, die für eine Zahnbehandlung ins Ausland gehen oder nach Deutschland kommen, ist sehr klein. Der Einfluss grenzüberschreitender zahnärztlicher Versorgung auf das deutsche Gesundheitswesen wird als marginal eingeschätzt. Die hochwertige Dienstleistungsqualität in Deutschland wird als "Pull-Faktor" für die grenzüberschreitende Versorgung genannt.

Zahnärzte sehen Patienten, die im Ausland behandelt wurden, häufig erst dann, wenn eine Nachuntersuchung erforderlich ist. Insgesamt sehen die befragten Zahnärzte einen Regulierungsbedarf in Bezug auf die Kontinuität der Behandlung. Das schließt auch rechtliche Aspekte grenzüberschreitender Versorgung mit ein.

Verena Struckmann, Uta Augustin, Dimitra Panteli, Reinhard Busse: "Erfahrungen deutscher Zahnärzte mit grenzüberschreitender zahnärztlicher Versorgung", Deutsche Zahnärztliche Zeitschrift, 2017; 72 (6), Seite 453 bis 460.

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