Die klinisch-ethische Falldiskussion

Wann darf man sich in die persönlichen Angelegenheiten des Patienten einmischen?

Ein langjähriger Patient verwahrlost zusehends und zeigt demenzielle Erscheinungen. Darf der Zahnarzt eingreifen und die Adressen des Sohns und der Tochter ausfindig machen, um sie auf die bereits erkennbaren Probleme des Vaters hinzuweisen? Der Fall wird nach der Prinzipienethik von Beauchamp und Childress diskutiert.

Zum Thema Ethik in der Zahnmedizin Rawpixel - Fotolia.com

Der Fall:

Der 72-jährige Alfred R. ist seit mehr als zwei Jahrzehnten in zahnärztlicher Betreuung bei Zahnarzt Dr. K. Auch die zwei mittlerweile erwachsenen und nicht mehr am Ort lebenden Kinder, ein Sohn und eine Tochter, und die vor drei Jahren verstorbene Frau des nun alleine lebenden Witwers befanden sich über viele Jahre in der Obhut des Zahnarztes. Hieraus hatte sich ein überaus vertrauensvolles und fürsorgliches Arzt-Patient-Verhältnis entwickelt. Seit einiger Zeit bemerkt Dr. K., dass Patient R. zunehmend verwahrlost und demenzielle Erscheinungen zeigt: Sein Äußeres wirkt immer ungepflegter, die Körper- und auch die Mundhygiene sind unzureichend, Recall-Termine werden teilweise nicht eingehalten, zudem macht R. zuweilen einen etwas desorientierten Eindruck und zeigt immer wieder offensichtliche Konzentrations- und Wortfindungsstörungen. Auf Probleme angesprochen, verneint der Patient dies und weist auch den Fingerzeig auf eine mögliche ärztliche Abklärung weit von sich.

Die Prinzipienethik

Ethische Dilemmata, also Situationen, in denen der Zahnarzt zwischen zwei konkurrierenden, nicht miteinander zu vereinbarenden Handlungsoptionen zu entscheiden oder den Patienten zu beraten hat, lassen sich mit den Instrumenten der Medizinethik lösen. Viele der geläufigen Ethik-Konzeptionen (wie die Tugendethik, die Pflichtenethik, der Konsequentialismus oder die Fürsorge-Ethik) sind jedoch stark theoretisch hinterlegt und aufgrund ihrer Komplexität in der Praxis nur schwer zu handhaben.

Eine methodische Möglichkeit von hoher praktischer Relevanz besteht hingegen in der Anwendung der sogenannten Prinzipienethik nach Tom L. Beauchamp und James F. Childress: Hierbei werden vier Prinzipien „mittlerer Reichweite“, die unabhängig von weltanschaulichen oder religiösen Überzeugungen als allgemein gültige ethisch-moralische Eckpunkte angesehen werden können, bewertet und gegeneinander abgewogen.

Drei dieser Prinzipien – die Patientenautonomie, das Nichtschadensgebot (Non-Malefizienz) und das Wohltunsgebot (Benefizienz) – fokussieren ausschließlich auf den Patienten, während das vierte Prinzip Gerechtigkeit weiter greift und sich auch auf andere betroffene Personen oder Personengruppen, etwa den (Zahn-)Arzt, die Familie oder die Solidargemeinschaft, bezieht.

Für ethische Dilemmata gibt es in den meisten Fällen keine allgemein verbindliche Lösung, sondern vielfach können differierende Bewertungen und Handlungen resultieren. Die Prinzipienethik ermöglicht aufgrund der Gewichtung und Abwägung der einzelnen Faktoren und Argumente subjektive, aber dennoch nachvollziehbare und begründete Gesamtbeurteilungen und Entscheidungen. Deshalb werden bei klinisch-ethischen Falldiskussionen in den zm immer wenigstens zwei Kommentatoren zu Wort kommen.

Oberstarzt Prof. Dr. Ralf Vollmuth

Der Zahnarzt erwägt, die Adressen des Sohnes und der Tochter ausfindig zu machen, um sie auf die bereits erkennbaren und sich für die Zukunft abzeichnenden Probleme des Vaters hinzuweisen; auch ein Konsil mit dem am Ort befindlichen Hausarzt, einem Facharzt für Allgemeinmedizin, bei dem die Familie R. ebenfalls lange in Betreuung war, ist für ihn denkbar. Er fragt sich aber andererseits auch, ob er mit diesen eigeninitiativen Maßnahmen gegen die ärztliche Schweigepflicht verstößt, zumal kein direkter rechtfertigender Notstand und (noch) keine unmittelbare Gefährdung von Leib und Leben gegeben ist. Würde er sich nicht vielleicht vielmehr übergriffig in die persönlichen Angelegenheiten des Patienten und dessen Familie einmischen und auch die Patientenautonomie missachten, da der Patient ja äußert, keine Probleme zu haben und gut klarzukommen? Wann ist die Grenze überschritten, die einen solchen Schritt rechtfertigt?

Oberstarzt Prof. Dr. Ralf Vollmuth
Zentrum für Militärgeschichte und Sozial-wissenschaften der Bundeswehr
Zeppelinstr. 127/128, 14471 Potsdam
vollmuth@ak-ethik.de

 

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