Wurzelkanalsysteme - Teil 1

Die Anatomie von Oberkiefer-Molaren

Die Suche nach Wurzelkanälen ist in der Praxis oft schwierig und zeitaufwendig. Studien weisen bei mehr als 90 Prozent der oberen ersten Molaren teilweise vier und mehr Wurzelkanäle nach. Einblicke in die komplexe Anatomie des Wurzelkanalsystems oberer Molaren.

Abbildung 1: Darstellung eines Wurzelkanalsystems an Zahn 26 mit Transparenzmethode, modifiziert nach Reuver Holm Reuver

In der Vergangenheit halfen histologische Untersuchungen an Zahnhartgewebeschliffen, die Anfertigung von transparenten Zahnpräparaten mit injizierter Tusche [Vertucci, 1984; Reuver, 2018iD] und vergrößerte Rekonstruktionen aus Wachs, die Vielfalt und Variabilität des Wurzelkanalsystems darzustellen und Ursachen für Misserfolge endodontischer Therapien zu ermitteln [Carabelli, 1844; Black, 1902]. Noch heute findet die Anwendung der Transparenzmethode große Aufmerksamkeit, da sie die anatomische Variabilität von Wurzelkanalsystemen dreidimensional abbilden kann (Abbildung 1). 

Alle klassischen destruktiven Verfahren zur Darstellung der Anatomie können aber aus verfahrenstechnischen Gründen erst in vitro Anwendung finden, so dass umfassende Erkenntnisse über die tatsächliche Anatomie des Wurzelkanalsystems erst nach der Extraktion verfügbar werden [Baumann, 1995]. Die ermittelten Daten geben Hinweise auf Häufigkeitsverteilungen zum Vorkommen von Wurzelkanalsystemen und deren Möglichkeiten auf Verzweigungen [Hess, 1917; Vertucci, 1984; Sert & Bayirli, 2004]. Ausgehend von den Daten an extrahierten Zähnen erfolgt am Patienten die Suche nach Wurzelkanälen zumeist heute noch nach dem Wahrscheinlichkeitsprinzip. 

Einer In-vitro-Studie von Vertucci [1984] zufolge waren bei 100 untersuchten Oberkiefer-Molaren in lediglich 55 Prozent der Fälle vier Wurzelkanäle nachweisbar. Demgegenüber fand Stropko [1999] unter klinischen Bedingungen und unter Verwendung eines Dentalmikroskops in über 90 Prozent der oberen ersten Molaren vier Wurzelkanäle. Hintergrund sind methodische Mängel in den Studien an extrahierten Zähnen. Obwohl schon lange bekannt ist, dass sich die Form des Wurzelkanalsystems und die Anzahl der Wurzelkanäle im Laufe des Lebens verändern [Schroeder, 1997], findet dies in den meisten anatomischen Studien keine Berücksichtigung. Da in die Studien häufig keine Daten zum Alter der Patienten und zu den Gründen der Extraktion einbezogen wurden, lassen die Angaben zur Häufigkeitsverteilung nach heutigen Erkenntnissen keine Verallgemeinerung mehr zu und erfordern eine Neubeurteilung.

Die aktuelle Forschung kann auf hochauflösende Verfahren zur Ermittlung von Wurzelkanalsystemen zurückgreifen. Die destruktiven Verfahren werden dabei mehr und mehr von nondestruktiven Verfahren (MikroCT, NanoCT, MRT) abgelöst [Parkinson & Sasov, 2008; Paqué et al., 2010] (Abbildungen 2 und 3). Mit der dentalen Digitalen Volumentomografie (DVT) gelingt es erstmals am Patienten, die tatsächliche Form und den Verlauf von Wurzeln in Beziehung zu pathologischen Prozessen darzustellen (Abbildung 4) und aus der Form der Wurzel Rückschlüsse auf die Anzahl und die genaue Lage der Wurzelkanäle zu ziehen [DVT-Leitlinie DGZMK S2, 2009; Patel, 2009; Michetti et al., 2010].

Abbildung 2: Auswahl von Variationen oberer erster Molaren: a) Zahn 16 mit vier Wurzelkanaleingängen, mesiobukkal x-förmig, b) Zahn 26 mit drei Wurzelkanaleingängen, mesiobukkal tiefe Aufteilung in drei Wurzelkanäle, c) Zahn 26 mit vier Wurzelkanaleingängen, mesiobukkale Wurzelkanäle scheinbar konfluierend | Dr. Frank Paqué

Abbildung 3: Auswahl von Variationen oberer zweiter Molaren: a) Zahn 17 mit drei Wurzelkanaleingängen, mesiobukkal tiefe Aufteilung in zwei Wurzelkanäle, b) Zahn 17 mit drei Wurzelkanaleingängen, MB2-Wurzelkanal separiert sich im koronalen Wurzel drittel des palatinalen Wurzelkanals, c) Zahn 27 mit zwei Wurzelkanaleingängen: Die Aufteilung der bukkalen Wurzelkanäle in MB1, MB2 und DB erfolgt erst 3 mm unterhalb des Wurzelkanaleingangs. | Michael Arnold

 

 

Abbildung 4: DVT-Aufnahme Zahn 16, Darstellung in drei Ebenen a) sagittale Ebene: scharf begrenzte periapikale Aufhellung bei verdickter Kieferhöhlenschleimhaut, b) frontale Ebene: Darstellung der distobukkalen und palatinalen Wurzel: An der bukkalen Wurzelspitze ist ein resorptiver Zahnhartsubstanzverlust erkennbar, am F. apicale des palatinalen Wurzelkanals ist ein weit offener Wurzelkanal ohne anatomische Konstriktion zu erkennen. c) axiale Ebene: In der mesiobukkalen Wurzel sind deutlich zwei Wurzelkanäle sichtbar. Der MB2 und der distobukkale Wurzelkanal haben einen bandförmigen Verlauf. | Michael Arnold

 

Wurzelkanalbehandlung

Der Erfolg einer Wurzelkanalbehandlung ist von vielen Faktoren abhängig. Die Voraussetzung für eine suffiziente mechanische und chemische Aufbereitung des Wurzelkanalsystems ist die Präparation einer adäquaten endodontischen Zugangskavität unter aseptischen Bedingungen (Abbildungen 5 und 6).

Abbildung 5: Die Gestaltung der primären Zugangskavität erlaubt eine gute Übersicht. Tertiärdentin und Reste eines Dentikels verdecken die Wurzelkanaleingänge. | Michael Arnold

Abbildung 5: Die Gestaltung der primären Zugangskavität erlaubt eine gute Übersicht. Tertiärdentin und Reste eines Dentikels verdecken die Wurzelkanaleingänge. | Michael Arnold

Mit der chemomechanischen Aufbereitung von Wurzelkanalsystemen wird das Ziel verfolgt, Pulpagewebe als mögliches Substrat für pathologische Mikroorganismen vollständig zu entfernen und die Grundlagen für eine wirkungsvolle Desinfektion und Reinigung zu schaffen.

Abbildung 7: Kontrollaufnahme nach Abschluss der thermoplastischen Wurzelkanalfüllung der aufbereiteten Wurzelkanäle | Michael Arnold

Schließlich werden mit der mechanischen Erweiterung und konischen Ausformung der Wurzelkanäle die Voraussetzungen für einen dichten Verschluss des Wurzelkanalsystems geschaffen, damit eine Rekolonisierung von endodontischen Hohlräumen vermieden werden kann (Abbildung 7) [Klimm, 2003; Hülsmann & Schäfer, 2005]. Im Ergebnis einer vollständigen antimikrobiellen Therapie bilden sich ausgedehnte periapikale Aufhellungen und pathologische Prozesse der Kieferhöhle vollständig zurück und erfordern keinen weiteren chirurgischen Eingriff (Abbildung 8).

 

Abbildung 8: Vier Jahre nach Abschluss der Wurzelkanalbehandlung haben sich die scheinbar „zystenförmigen“ apikalen Aufhellungen vollständig zurückgebildet, bei gleichzeitiger Normalisierung der Kieferhöhlenschleimhaut| Michael Arnold

 

Die Suche nach Wurzelkanälen ist in der Praxis oft schwierig und zeitaufwendig. In unserer Serie zu Wurzelkanalsystemen permanenter Zähne erhalten Sie einen Einblicke in die komplexe Anatomie.

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