Neuigkeiten auf der IDS 2019

Praxisrelevantes entdecken im digitalen Rauschen

Über Gestensteuerung soll es bald möglich sein, intraorale Scans und andere Befunde zu visualisieren. eCc

Subgingival scannen?

Technisches Symbol für die mögliche „interdisziplinäre Revolution“ sind Intraoralscanner. Hier verspricht wiederum Dentsply Sirona mit ihrem ersten Scanner eine „schnelle und genaue Abformung, die […] verlässlich einwandfreie Ergebnisse liefert und beim Einsatz einfach Spaß macht“. Laut Presse-Information werden Bereiche bis zu 20 mm Tiefe (gemeint ist vermutlich der Abstand vom Kamerakopf) und subgingivale Oberflächen scharf aufgenommen, auch aus spitzem Winkel. 

Abbildung 7: Mit AR-Datenbrillen lässt sich ein intraoraler Scanvorgang ohne Blickwechsel zum Monitor jederzeit kontrollieren. | eCc

Abbildung 8: Ein anatomisch optimiertes Abutment wird auf Implantatschulterniveau verschraubt. | Cendres + Métaux

Die intraoralen Scanner von 3Shape, Carestream, Dentsply Sirona, medit und Planmeca können mit einer neuen Augmented-Reality-Brille und zugehöriger Software kombiniert werden (eCc gemeinsam mit Epson, Vertrieb über Merz Dental, ab 2.490,- Euro). Durch die Visualisierung des Scan-Vorgangs lässt sich der Aufnahmeprozess offenbar vereinfachen und beschleunigen (Abbildung 7). Mit Gesten navigieren Anwender zudem durch digitale Patientenakten („Mixed Reality“, voraussichtlich ab Herbst 2019). Einen ersten Eindruck vermittelt dieses Video: www.youtube.com/watch.

Vor einer restaurativen Planung ist immer ein kraniomandibuläres Screening angezeigt [Ahlers, 2007]. Weitergehend wurde in jüngster Zeit eine Vielzahl teilweise komplexer diagnostischer Systeme eingeführt. Ohne spezielle Hard- oder Software lässt sich mit einer Methode von Dr. Roland Althoff die Bisshöhe prüfen (www.verify-occlusion.de). Für Kieferrelationsbestimmungen und die Herstellung von Prothesenbasen gibt es eine neue, laut Entwicklern bedienerfreundliche Software (Messekontakt: go@r2deiexmachina.com) [Volkmer, 2019].

In der instrumentellen Diagnostik – zumindest für festsitzende Restaurationen begrenzten Umfangs – scheinen optische Systeme das größte Potenzial zu haben (etwa von DDI Group, MODJaw, orangedental, Schütz). Sie zeichnen über Kopfbögen und Bissgabeln mit Kameras Funktionsbewegungen auf, je nach Produkt einschließlich Functionally Generated Path (FGP). Die gewonnen Daten lassen sich je nach Anbieter im offenen STL-Format für die Herstellung der Restaurationen weitergeben, auf Wunsch ganz ohne Einartikulieren von Modellen. Ob mit diesen Systemen eine falsche Bisshöhe bei festsitzenden Restaurationen der Vergangenheit angehören wird, ist noch nicht bewiesen. Zu sehen in diesem Video: https://www.youtube.com/watch?v=Qa6s5m3WKn0.

MRT und künstliche Intelligenz

Bei Röntgengeräten scheint der Innovationsfokus aktuell auf der Integration in den Praxisablauf und damit auf Software-Lösungen zu liegen (zum Beispiel Acteon). Spannend ist die Aussicht, dass längerfristig die Magnetresonanz-Tomografie (MRT) Röntgen ersetzen könnte. Zu verschiedenen kieferorthopädischen Bildgebungsmethoden gibt es Studien, die eine Gleichwertigkeit zeigen [Detterbeck, 2016]. Ob sich nun zur IDS bereits länger im Raum stehende Gerüchte bewahrheiten, dass spezielle MRT-Geräte für dentale Anwendungen auf den Markt kommen, bleibt offen.

Dagegen erlaubt die Kombination von DVT-Technik mit Gesichts-Scannern bereits verschiedene Anwendungen in Prothetik, Kieferorthopädie und MKG-Chirurgie. Künstliche-Intelligenz(KI)-Software zur automatisierten Auswertung von Röntgenbildern ist beispielsweise für einzelne kieferorthopädische Diagnostikmethoden bereits verfügbar (CellmatiQ). Da Zahnärzte für die Diagnose und das therapeutische Ergebnis haftbar bleiben, kann die Software nur unterstützend eingesetzt werden – darauf hatte Bundeszahnärztekammer-Präsident Dr. Peter Engel in seinem Statement auf der IDS-Fachpressekonferenz hingewiesen.

Zurück zum Hier und Heute – Thema Abformung: Ein neues Löffeladhäsiv zur Verwendung mit Polyether-Abform-Materialien in Methakrylat- und Metall-Abformlöffeln gibt es von 3M, Standort Seefeld (ohne ESPE!). Seit vergangenem Herbst hat der Anbieter dazu ein in zwei Minuten abbindendes Polyether. Neue Sauginstrumente haben Loser und Dentsply Sirona im Angebot, letztere in Kombination mit einem Mundspiegel.

Ergonomie ist auch bei der Behandlungsplatz-Ausrüstung weiterhin ein Thema. Der katalanische Hersteller Ancar bietet als Zubehör eine über ein Gelenk seitlich kippbare Kopfstütze. Das dänische Unternehmen XO Care wirbt mit eingesparten Blickrichtungswechseln, die durch ein Schwingbügelsystem ermöglicht werden. KaVo führt Ergonomiekurse durch, das bekannte Schwebestuhlkonzept wurde mit einem Gütesiegel der Aktion Gesunder Rücken ausgezeichnet. Stühle für Patienten mit besonderem Behandlungsbedarf (wie Senioren) werden auf der Messe sicher von einer ganzen Reihe von Herstellern zu finden sein.

Die Aktivitäten von Wasserhygiene-Anbietern zeigen Wirkung: Seit Kurzem ist bei Henry Schein ein System erhältlich, das offenbar ähnlich wie das von Blue Safety mit hypochloriger Säure arbeitet. Beide haben zudem ein Flaschensystem für ältere Einheiten im Angebot.

Implantate: Details und Navigation

Wenn nach Verlust eines Einzelzahns keine Adhäsivbrücke möglich ist, bleibt häufig nur die Implantation. Keramikimplantate, auch zweiteilige, gewinnen langsam an Boden, wobei weiterhin nur wenige Anbieter abgesicherte klinische Daten bieten können (Branchenprimus: Straumann). Für ein neues Implantat mit wurzelförmiger Außengeometrie ist kein separater Gewindeschneider erforderlich. Bei dichtem Knochen wird ein laut Anbieter neuartiger, spezieller Formbohrer verwendet (Camlog).

Abbildung 9: Neue Abutments für implantatgetragene Deckprothesen funktionieren mit Reibung anstelle von Verschraubung. | Dentsply Sirona

Ein physiologisch gestaltetes Hybridabutment mit vorverklebtem Zirkonoxidkörper wird im Mund beschliffen (Cendres+Métaux). Es hat einen abgewinkelten Schraubkanal mit sehr tiefer Verschraubung und ist für alle gängigen Implantatsyteme erhältlich (Abbildung 8). Die dynamische Navigation kommt ohne Bohrschablonen aus und kann live am Bildschirm verfolgt werden (siehe Navident, Nobel Biocare). Auch hier kommt die augmentierte Realität voran und hat das Potenzial, Implantationen zu erleichtern [Jiang et al., 2018]. Dentsply Sirona stellt ein neues, auf Friktion beruhendes Deckprothesensystem vor (Abbildung 9).

Zahnmedizin beginnt, noch bevor ein Schaden eingetreten ist. Zunehmend hoffähig werden professionell und häuslich angewendete Produkte mit pflanzlichen Wirkstoffen. So erwiesen sich dauerhaft anwendbare Mundspüllösungen mit ätherischen Ölen als ebenso wirksam wie niedrig dosiertes Chlorhexidin und sind damit Leitlinien-gerecht [DG PARO, 2018]. 

Erhältlich sind auch niedrig dosierte CHX-Lösungen mit pflanzlichen Extrakten (Tentan, nicht auf der IDS) [Laugisch et al., 2016]. Produkte mit Katechinen aus grünem Tee werden auch für das subgingivale Debridement in der Parodontitis-Therapie entwickelt [Gartenmann et al., 2019]. Die bisher unterpräsentierte Parodontitis-Therapie könnte dadurch eine neue Dimension erhalten, dass Kardiologen (WHF) und Parodontologen (EFP) erstmals gemeinsame Empfehlungen planen.

Ökologisch im Zwischenraum

Interdentalreinigung beginnt mit sehr preisgünstigen Einmal-Kunststoff-Sticks mit Mikrofasern aus dem Drogeriemarkt. Eine neue Zahnseide mit Superfloss-Effekt (CP Gaba) ersetzt das leider vom Markt genommene Produkt eines Mitbewerbers. Am anderen Ende der Komfort-Skala gibt es seit letztem Jahr eine batteriebetriebene maschinelle Interdentalbürste mit Rütteleffekt (Loser) (Abbildung 10).

Abbildung 10: Eine maschinelle Interdentalbürste soll die persönliche Mundhygiene erleichtern. | Loser

Damit nachfolgende Generationen noch orale Prophylaxe betreiben können, sollten Produkte die Umwelt schonen. Diese Forderung erfüllen schon lange schwedische Zahnhölzer (TePe), die aber wahrscheinlich weniger effektiv als Bürstchen sind. Derselbe Hersteller informiert im Vorfeld der IDS, dass „erste Produkte und Verpackungen auf erneuerbare Rohstoffe umgestellt werden“.

Auch bei zielgruppenspezifischen Produkten, zum Beispiel für Kinder, Senioren oder Implantatpatienten, gibt es eine große Auswahl, ein Besuch der Halle 5.2 lohnt sich nicht nur für Prophylaxe-Assistentinnen.

Das mittlerweile große Angebot an Luft-Wasser-Pulverstrahl-(Airflow-)Systemen für PZR und subgingivale Anwendung spricht für zunehmende Akzeptanz. Einen Preiskampf gibt es bei den zugehörigen Pulvern, wobei eine falsche Produktwahl auf Kosten der Zahnsubstanz geht [Barnes et al., 2014]. Stattdessen kann es sich lohnen, ein im Pulververbrauch meist sparsameres Tischgerät, ein Kombigerät mit Ultraschall oder eine mobile Station zu erwerben (EMS, Mectron, NSK). Für die rotierende Belagentfernung gibt es ein neues, kabelloses Winkelstück, das maximale Bewegungsfreiheit und stufenlose Leistungseinstellung erlaubt (W&H) (Abbildung 11). 

Abbildung 11: Bei einem neuen kabellosen Handstück für die PZR ist die Leistung stufenlos einstellbar. | W&H

Fazit

„Keine Entwicklung zuvor hat solch beträchtlichen Einfluss auf die Strukturen des Gesundheitswesens im Allgemeinen sowie den beruflichen Alltag und die Beziehung zwischen Zahnärzten und Patienten im Speziellen.“ Mit diesem Statement fasste Dr. Peter Engel auf der IDS-Pressekonferenz den ungebrochenen Trend zu digitalen Technologien im Dentalbereich zusammen. Digitalisierung ist jedoch kein Selbstzweck, sondern muss in Konkurrenz zu den bewährten analogen Technologien seine Vorteile unter Beweis stellen. Darüber hinaus gibt es abseits der digitalen Workflows mannigfaltige Produktinnovationen, die entdeckt und getestet werden wollen. Ein Besuch der IDS dürfte sich daher für viele Kolleginnen und Kollegen lohnen.

Dr. med. dent. Jan H. Koch
service@dental-journalist.de

Dr. Jan H. Koch ist freier Autor. Er arbeitet auch als Berater für einzelne der genannten Firmen, hat sich aber um eine fachlich zentrierte Darstellung bemüht.

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