Editorial

Zeitenwende …

Dr. Uwe Axel Richter, Chefredakteur zm-Axentis.de

Der Spahn‘schen Gesetzesflut kann man eines nichts absprechen: Sie trifft jeden Akteur im Gesundheitswesen, die einen vermeintlich mehr, die anderen vielleicht weniger. Schadenfreude, dass es die anderen auch mal erwischt so wie die gesetzlichen Krankenkassen mit dem „Gesetz für eine faire Kassenwahl“, ist vollkommen fehl am Platz. Dass in einem Gesundheits“wesen“ – der Wortbedeutung folgend – alles mit allem zusammenhängt, ist in einer nach wie vor primär sektoralen Versorgungsstruktur alles andere als eine banale Feststellung. Betrachtet man nun den Entwurf für das „Faire-Kassenwahl-Gesetz“ in Kombination mit dem Entwurf für das „Digitale Versorgung-Gesetz“, dann hat das Bundesgesundheitsministerium in der Tat Sprengstoff für die seit Jahrzehnten gewohnte Struktur der Gesundheitsversorgung angerührt. Dabei steht ein Wort immer im Zentrum: Digitalisierung.
Wenn nun die Kassen per Gesetz zu „Treibern für digitale Versorgungsinnovationen“ werden sollen, dann trifft dies das ärztliche wie zahnärztliche Selbstverständnis ins Mark, greift es doch die im Mittelpunkt des Gesundheitswesens stehende, von einer persönlichen Beziehung geprägte vertrauensvolle Arzt-Patienten-Beziehung frontal an. Los geht es zwar nur im und mit Kleinem: Der Gesundheitsminister will, dass Gesundheits-Apps zukünftig zulasten der Kassen verschrieben werden können. Dies mag noch als geschicktes Marketing für die Förderung des Smartphones als „ideales“ Speichermedium der Patentengesundheitsdaten durchgehen. Doch letztlich steckt dahinter ein fundamentaler Rollenwechsel. Man sollte sich jedoch nicht dem Glauben hingeben, dass Gesundheits-Apps der Inbegriff der digitalen Versorgungsinnovationen sein werden. Vielmehr führt der Oberbegriff der digitalen Gesundheit in eine im Vergleich zu heute deutlich veränderte Versorgungsstruktur, in der Behandlung und Steuerung der Patienten nicht mehr ausschließlich – wenn überhaupt – in der Hand der Leistungsträger liegen werden. Doch das ist die Konsequenz eines Gesetzentwurfs, „bei dem Krankenkassen individuelle Versorgungsbedarfe von Sozialdaten ableiten dürfen, um mit Leistungsanbietern Verträge abschließen zu können“, so Dr. Edgar Pinkowski, Präsident der Landesärztekammer Hessen.
Wer den Minister nun für alles „Schlechte“ verantwortlich machen will, übersieht oder unterschätzt den entscheidenden Treiber für all die Veränderungen: die Digitalisierung. Mittlerweile sind wir – Telematikinfrastruktur hin oder her – an einem Entwicklungspunkt angekommen, an dem die digitalen Möglichkeiten das im Gesundheitswesen seit Jahrzehnten übliche Lineardenken komplett aufbrechen werden. Warum? Ich fürchte, die Begründung ist extrem banal: Weil es möglich ist. Big Data und künstliche Intelligenz sind ein Geschwisterpaar, dessen Möglichkeiten weit über unsere tradierten Vorstellungen von Datenschutz und -sicherheit hinausgehen. Vielmehr fordern die Konsequenzen eine völlig neue Herangehensweise, wie die Ausführungen* von Sven Gabor Jansky, dem Chairman des größten Zukunftsinstituts Europas „2bAHEAD ThinkTank“, deutlich machen: „Bisher galt man als solidarisch, wenn man gemeinsam Hilfe leistete für jemanden, der einen unverschuldeten Schicksalsschlag erlitten hat. Doch wie wird das künftig aussehen, wenn die wesentliche Aufgabe der künstlichen Intelligenzen ist, auf Basis der freigegebenen Daten zu verhindern, dass Schäden überhaupt eintreten? Ist dann Solidarität noch Solidarität? Vermutlich wird Solidarität dann anders sein. Denn die Logik der Solidarität ist dann: Jeder muss seine Daten freigeben, damit die künstliche Intelligenz aus der Masse der Daten jene Muster erkennen kann, die den Schaden für den Einzelnen verhindern. Dass dies technologisch so kommt, scheint klar. Doch was macht das mit unserem Verständnis von Solidarität? Ist dann jeder, der seine Daten schützt, unsolidarisch? Ist er gar asozial?“ Das ist in Kürze das Ergebnis einer Studie des Instituts mit einer großen Krankenkasse namens AOK Plus. Man sollte sich mit ihr beschäftigen, denn sie ist sehr lesenswert, auch wenn einem die aufgezeigten Konsequenzen überhaupt nicht gefallen. Aber vielleicht war ja der Gesundheitsminister begeistert. Die Gesetzentwürfe sprechen jedenfalls eine eindeutige Sprache ...

Dr. Uwe Axel Richter
Chefredakteur


* Das letzte Gefecht: Wird der Datenschutz künftig asozial? Trendanalyse 02/2018, Sven Gábor Jánsky, 2bAHEAD Think Tank GmbH

* Die Zukunft der Krankenversicherungen, Trendstudie Januar 2018, 2bAHEAD Think Tank GmbH

44523654451194445119544511964452366 4452367 4451199
preload image 1preload image 2preload image 3preload image 4preload image 5preload image 6preload image 7preload image 8preload image 9preload image 10preload image 11preload image 12preload image 13preload image 14preload image 15preload image 16preload image 17preload image 18preload image 19preload image 20preload image 21preload image 22preload image 23preload image 24preload image 25preload image 26preload image 27preload image 28preload image 29preload image 30preload image 31preload image 32preload image 33preload image 34preload image 35preload image 36preload image 37preload image 38preload image 39preload image 40preload image 41preload image 42preload image 43preload image 44preload image 45preload image 46preload image 47preload image 48preload image 49preload image 50preload image 51preload image 52preload image 53preload image 54preload image 55preload image 56preload image 57preload image 58preload image 59preload image 60preload image 61preload image 62preload Themeimage 0preload Themeimage 1preload Themeimage 2preload Themeimage 3preload Themeimage 4preload Themeimage 5preload Themeimage 6preload Themeimage 7preload Themeimage 8preload Themeimage 9preload Themeimage 10preload Themeimage 11preload Themeimage 12preload Themeimage 13preload Themeimage 14preload Themeimage 15preload Themeimage 16preload Themeimage 17preload Themeimage 18preload Themeimage 19preload Themeimage 20preload Themeimage 21preload Themeimage 22preload Themeimage 23preload Themeimage 24preload Themeimage 25preload Themeimage 26preload Themeimage 27preload Themeimage 28
Bitte bestätigen Sie
Nein
Ja
Information
Ok
loginform
Kommentarvorschau
Kommentarvorschau schliessen
Antwort abbrechen
Ihr Kommentar ist eine Antwort auf den folgenden Kommentar

Keine Kommentare