Aktuelle Studienlage

E-Zigaretten – Fluch oder Segen?

Der Umsatz mit E-Zigaretten ist in den vergangenen sieben Jahren von fünf auf 600 Millionen Euro gestiegen – allein in Deutschland. E-Zigaretten sind nicht nur ein Trend. Viele Raucher, die aufhören wollen, greifen in der Hoffnung auf einen leichteren Ausstieg zu E-Zigaretten. Die Frage ist aber, ob E-Zigaretten wirklich der erhoffte harmlosere Ersatzstoff sind – gerade im Hinblick auf die Folgen für die Mundgesundheit.

Das E-Zigaretten-Geschäft boomt. Doch welche Auswirkungen – insbesondere auf die Mundgesundheit – sind zu befürchten? Adobe Stock_Tanja Esser

Elektrische Zigaretten sind seit rund 15 Jahren auf dem Markt. Es gibt viele verschiedene, hauptsächlich akkubetriebene Modelle. Sie funktionieren meist nach dem Verdampfer-Prinzip, dabei wird aus einer Flüssigkeit (Liquid) durch Erhitzung ein Aerosol gebildet und vom Benutzer inhaliert.

Die Liquids gibt es ebenfalls in verschiedenen Zusammensetzungen, wobei die meisten neben Propylenglykol und Glycerol auch chemische Geschmacksstoffe und in variabler Dosis Nikotin enthalten. Es gibt zwar Liquids auf dem Markt, die als nikotinfrei deklariert werden, die WHO bemängelt aber, dass in vielen der getesteten Produkte dennoch Nikotin nachgewiesen werden konnte.

Orale Effekte

Eine Übersichtarbeit von Sultan et al. [2018] hat die Studienlage bezüglich der systemischen und der oralen gesundheitlichen Risiken von E-Zigaretten zusammengefasst: In Bezug auf die oralen Effekte gibt es nur vereinzelte Studien und noch keine Langzeitergebnisse.

Eine Studie verglich E-Zigaretten-Raucher mit ehemaligen Rauchern konventioneller Zigaretten. Bei den Konsumenten von E-Zigaretten zeigten sich deutlich mehr orale Läsionen, zu denen insbesondere die Haarzunge, die Nikotin-Stomatitis und die angulare Cheilitis zählten. Die Autoren halten die Stomatitis für eine naheliegende Nebenwirkung aufgrund der Hitzeentwicklung. Einschränkend bewerteten sie die geringe Probandenzahl und die Tatsache, dass nur ehemalige (statt aktive) Raucher inkludiert wurden.
Des Weiteren konnten Effekte von E-Zigaretten auf den Blutfluss der oralen Mukosa und eine Erhöhung der Durchblutung von oralem Gewebe nachgewiesen werden. So zeigten die Studienergebnisse eine erhöhte kapillare Durchblutung nach dem Konsum, der nach 30 Minuten wieder auf Baseline absinkt. Klinisch ableitbare Ergebnisse gibt es aber bislang nicht.

Gelegentlich traten intraorale Explosionsverletzungen durch Überhitzung der Lithium-Ionen-Batterie von E-Zigaretten auf. Zu den damit verbundenen Verletzungen zählten nach Sultan et al. [2018] Zahnfrakturen, Zahnavulsionen, dentoalveoläre Frakturen, Hämatome, traumatische Ulzerationen, intraorale Verbrennungen, palatinale Perforation, teilweise mit Extension bis in die Nasennebenhöhlen.

E-Zigaretten stehen den Autoren zufolge zudem unter Verdacht, zur Entstehung von Parodontitis beizutragen. So haben Fibroblasten des parodontalen Ligaments unter Inkubation in Menthol-E-Zigaretten-Dampf deutlich niedrigere Proliferationsraten gezeigt. Eine andere Studie zeigte die Zytotoxizität und die Induktion von Apoptosen nach 48 Stunden E-Zigaretten-Exposition. Da es in beiden Studien keine Kontrollgruppen gab, beurteilten Sultan et al. [2018] diese Angaben in ihrer Übersichtsarbeit jedoch als wenig verlässlich.

In einer anderen Studie konnten im Gegensatz zu normalen Zigaretten bislang keine Auswirkungen von E-Zigaretten auf die mikrobielle Flora nachgewiesen werden. Aufgrund der geringen Probandenzahl, fehlender Geschlechterverteilung und des Aufbaus als Querschnittsstudie bewerten die Autoren allerdings auch diese als wenig verlässlich.

Cotinin, ein Metabolit von Nikotin, konnte im Speichel von E-Zigaretten-Rauchern in ähnlicher Konzentration wie bei normalen Rauchern gemessen werden. Nikotin ist als Suchtmittel bekannt, aber sein karzinogenes Potenzial sei bislang nicht gut untersucht, so die Autoren. Vermutet werden Tumor-induktive Prozesse, ein Unterdrücken der Apoptose und eine Induktion der Migration von OSCC-Zellen (Oral Squamous Cell Carcinoma).

Gerade bei ehemaligen Rauchern sei bedenklich, dass durch E-Zigaretten aus bestehenden, potenziell malignen Vorläuferläsionen durch das Triggern onkogener Signale dysplastische Läsionen entstehen könnten. Dazu wurden zytotoxische Effekte sowie induzierte DNA-Strang-Unterbrechungen bei normalen Epithelzellen und squamösen Zell-Karzinom-Zelllinien im Kopf und Halsbereich nachgewiesen. Diese unterbrochenen DNA-Stränge können in einer chromosomalen Umstrukturierung und Kanzerogenese enden, betonen die Wissenschaftler.

Raucher-Entwöhnung mit E-Zigaretten

In einer im „New England Journal of Medicine“ veröffentlichten Studie wurde geprüft, ob E-Zigaretten als Mittel zur Raucher-Entwöhnung geeignet sind. Das Ergebnis scheint positiv: Langjährigen Rauchern, die gewillt waren, das Rauchen zu beenden, gelang der Ausstieg über die E-Zigarette doppelt so häufig wie mit Nikotinersatzstoffen (Pflaster, Kaugummis, Lutschtabletten, medikamentöse Therapie). Nach zwölf Monaten waren 18 Prozent der E-Zigaretten-Raucher tabakabstinent. Diejenigen, die mit Ersatzpräparaten den Ausstieg erreichen wollten, zeigten lediglich eine Abstinenz von 9,9 Prozent.
Doch Experten der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie, Herz- und Kreislaufforschung (DGK) sehen die Ergebnisse kritisch: „Bei der Bewertung […] darf nicht außer Acht gelassen werden, dass die Mehrzahl der Probandinnen und Probanden der E-Zigaretten-Gruppe langfristig nicht auf das Rauchen verzichtete, sondern 80 Prozent der E-Zigarette treu blieben. Die meisten Patienten sind also auf die E-Zigarette umgestiegen, ein wirklicher Ausstieg bzw. eine vollständige Abstinenz erfolgte nicht.“

Sultan et al. [2018] stellen in ihrer Arbeit fest, dass viele Raucher sich durch die E-Zigarete besser von herkömmlichen Zigaretten lösen können, weil dabei die sensorischen Bedürfnisse (etwas in der Hand halten) bedient werden. Insgesamt, bilanzieren die Autoren, zeigten die bisherigen Ergebnisse, dass E-Zigaretten generell als weniger toxisch zu bewerten sind als herkömmliche. Eine generelle Empfehlung wollten sie allerdings nicht aussprechen. Deshalb sollten im Zweifel Nikotin-Pflaster und weitere, bereits erprobte Hilfsmittel zur Raucher-Entwöhnung empfohlen werden. Langfristig helfe aber meist nur psychosoziale Unterstützung nachhaltig auf dem Weg in die Abstinenz.

Die Rolle der zahnärztlichen Praxis

Sultan et al. [2018] betonen die Rolle des Zahnarztes auf dem Weg zur Raucher-Entwöhnung, da Patienten die Praxis gewöhnlich mindestens zweimal pro Jahr aufsuchen. Bei Fragen bezüglich E-Zigaretten als Hilfsmittel zur Raucher-Entwöhnung sollte der Zahnarzt aufgrund der fehlenden Langzeitstudien und der generell dürftigen Studienlage unbedingt darauf hinweisen, dass es evidenzbasierte und weniger toxische Mittel zur Raucher-Entwöhnung gibt. Diese sollten empfohlen werden, bevor der Patient zur E-Zigarette greift.

Greift er dennoch zur E-Zigarette, sei eine Aufklärung über mögliche, teilweise noch unbekannte Effekte auf Mundhöhle und Parodont wichtig. Zudem solle der Zahnarzt begleitende Kontrollen auf dem Weg der Raucher-Entwöhnung anbieten. Die WHO sieht die besten Chancen in einer psychologischen Unterstützung im Sinne einer kurzen Motivation und Aufklärung durch (zahn-)ärztliches Personal.

Schlussfolgerung

Aktuell besteht keine starke Evidenz für einen direkten Zusammenhang zwischen oralen (potenziell malignen) Vorläuferläsionen oder Krebserkrankungen durch den Gebrauch von E-Zigaretten. Dennoch sollten Empfehlungen als Hilfestellung für die Raucher-Entwöhnung mit Vorsicht ausgesprochen werden und immer ein Hinweis auf fehlende Langzeitergebnisse erfolgen.

Quellen:- Sultan AS, Jessri M, Farah CS (2018): Electronic nicotine delivery systems: Oral health implications and oral cancer risk. Journal of Oral Pathology & Medicine.- Hajek P et al. A Randomized Trial of E-Cigarettes versus Nicotine-Replacement Therapy. N Engl J Med 2019;380:629–637- DGK- WHO-Report on the global tobacco epidemic, 2019

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