30 Jahre Mauerfall

"Als Sicherheit hatten wir nur unseren Trabant"

Vor 30 Jahren öffneten sich nach fast 40-jähriger Trennung die Grenzen zwischen den beiden deutschen Staaten. Für knapp 16,7 Millionen Einwohner der DDR 
zerfiel ihr gewohntes Staatsgefüge. Das macht 16,7 Millionen Geschichten 
über Trennung, Mangel, Ungewissheit und Aufbruchsstimmung. Stellvertretend erzählen zwei Zahnärzte und eine Zahnärztin, wie sie diese Zeit erlebt haben.

Berlin in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989: Öffnung der DDR-Grenze nach Westen. Begrüßungsszene am Grenzübergang Sonnenallee um circa 23 Uhr. Picture Alliance/dpa_Klaus Küst

Studieren in der DDR

 „Wir haben aus Gummihandschuhen Kofferdam hergestellt!“

Die zahnärztliche Ausbildung an den Hochschulen war solide. Es wurde Wert darauf gelegt, den Studenten so viel Wissen und praktische Erfahrung zu vermitteln, dass diese in der Lage waren, nach ihrem Abschluss eine Sprechstunde abhalten zu können. Wir mussten eine bestimmte Anzahl an oralen Operationen durchführen, zahlreiche Zähne extrahieren, Lokalanästhesien – selbstverständlich auch Leitungsanästhesien – setzen, Füllungen legen, Kinder behandeln und Zahnersatz herstellen. Dabei wurde auch an eine zahntechnische Grundlagenausbildung gedacht, das heißt, wir mussten unsere verwendeten Kronen und Totalprothesen selbst anfertigen.

Während des Studiums spürten wir die allgemeine Materialknappheit in allen Bereichen. Wir haben aus Gummihandschuhen Kofferdam hergestellt. Einmalhandschuhe wurde abgewaschen, getrocknet und wiederverwendet, weil einfach zu wenige davon vorhanden waren.

Das Anästhesiemittel war knapp, die Abformmaterialien ebenso, Frasaco-Kronen oder andere Hilfsmittel gab es nur auf Zuteilung. Am schwierigsten war der Bedarf an Edelmetall. Goldlot oder andere Materialien erhielten wir nur auf Zuteilung in einer extra Ausgabestelle. Die Behandlung von Patienten war unproblematisch.

Viele Patienten kamen gern in den Studentenkurs, da sichergestellt war, dass sie durch die entsprechenden Kontrollen korrekt behandelt wurden. Zum Teil war die Versorgung an der Hochschule auch besser, weil dort teilweise hochwertiger Zahnersatz wie Jacketkronen hergestellt werden konnte, welche außerhalb der Hochschule nur sehr schwer zugänglich waren. Das Zeitmanagement war kein Problem – die Patienten wurden von den staatlichen Betrieben für diese Zeit freigestellt.“

Claudia Espig

Dr. med. dent. Claudia Espig mit ihrer Helferin – arbeiten auch heute noch zusammen – in der Poliklinik | Privat

Claudia Espig mit ihrem Mann vor ihrer gemeinsamen Praxis | Privat

„Die Internatsmiete betrug 10 Mark!“

„Das Studium in der DDR war straff organisiert, Regelstudienzeit war normal, Abbrüche gab es selten. Medizinisch war das Studium sehr breit angelegt. Eine Voraussetzung, um ein Zahnmedizinstudium beginnen zu können, war die dreijährige Verpflichtung zum Einsatz nach Bedarf des Staates. Eine weitere Bedingung war die ständige Teilnahme Marxismus-Leninismus-Vorlesungen und Seminaren.

Eine Unterkunft in einem Internat war abgesichert. Ab 1981 erhielt jeder Student 200 Mark Stipendium. Die Internatsmiete betrug 10 Mark pro Monat und Person. Wir erhielten zusätzlich 50 Mark für unser Kind. So hatten wir 450 Mark pro Monat zur Verfügung. Auf Bahnfahrten hatten Studenten 75 Prozent Ermäßigung.“

Michael Kirsten

„Für internationale Literatur brauchten wir einen „Giftschein“ für die Deutsche Bücherei.“

„Ich habe von 1985 bis 1990 in Leipzig studiert. Ein Studienplatz war damals schon sehr begehrt. Die medizinischen Grundlagenfächer waren perfekt auf die Zahnmedizin angepasst und damit mehr fokussiert als heute. Anatomie und Histologie wurden hervorragend vermittelt. Die Anforderungen waren hoch, aber der Spaß kam nicht zu kurz.

Engagement für den Beruf wurde immer unterstützt, so dass ich in der Betriebspoliklinik der Uni schon als Student in den Semesterferien arbeiten konnte.

Rückblickend war es richtig und gut, dass wir alle vor der weiteren wissenschaftlichen Arbeit eine Diplomarbeit zu erarbeiten hatten. Bei mir waren das sogar tierexperimentelle Untersuchungen.

Das Arbeiten mit wissenschaftlicher Literatur gestaltete sich dagegen als ungeheuer schwierig. Dazu bedurfte es einer besonderen Berechtigung. Um internationale Literatur lesen zu dürfen, brauchten wir einen „Giftschein“ für die Deutsche Bücherei.

Fachliche Isolation und politische Indoktrination waren an der Tagesordnung. Ohne gesellschaftspolitische Lobpreiserei konnte kaum ein fachlicher Text verfasst werden. Viele haben innerlich über so viel Borniertheit gelacht. Andere haben das nicht länger ausgehalten und sind in den Westen gegangen. Jeder, der gegangen ist, hat eine Lücke hinterlassen.

Als angepasster DDR-Bürger habe ich den Studienplatz bekommen. Ich habe mir oft auf die Zunge gebissen, um keinen Anlass zu geben, dass mir mein beruflicher Traum verbaut werden könnte. Das gelang auch nur mit Not, da ich eine militärische Laufbahn ablehnte.

„Beziehungen sind das halbe Leben“, sagte man. Es war eine Notgemeinschaft im Käfig. Kinder von Ärzten sollten aus ideologischen Gründen nicht Ärzte werden, so dass häufig familiäre medizinische Kompetenz und Erfahrung nicht zur Verfügung stand. Ich glaube, dass das bei all der Mangelwirtschaft ein enormer Fehler war.

Materialien und wichtige Hilfsmittel oder neue Technologien fanden nur auf Umwegen und mit viel Fantasie und Engagement den Weg in die Polikliniken oder Universitäten. So waren Ärzte und Zahnärzte aus der Not heraus Meister im Improvisieren.“

Michael Arnold

Studieren mit Kind

„Im Internat waren Baby-Etagen für Studenten mit Kind eingerichtet.“

„Anfangs – vielleicht die ersten drei Monate – war es kompliziert, einen Platz in der Kinderkrippe zu bekommen. Doch dann bekamen wir einen Platz in der Uni-Krippe und später im Kindergarten. Alles war in der Nähe – optimal. Wir fanden die Studienbedingungen damals in Ordnung.“

Michael Kirsten

„Als feste Plangröße im Staat konnte ich das Studium nicht unterbrechen oder beenden!“

„Wir haben unseren Sohn bereits mit 12 Wochen in eine staatliche Kinderkrippe gegeben, da ich das Studium nicht unterbrechen wollte. Für mich wurde zum Ende der Schwangerschaft ein gesonderter Plan erstellt, mit dem ich Prüfungen vorziehen oder nach der Geburt absolvieren konnte; die zahntechnischen Kurse erledigte ich während der Semesterpause.

Zeitweise saß ich im Kursraum, arbeitete an meinen prothetischen Arbeiten und mein Mann brachte mir unseren Sohn zum Stillen – dann ging es weiter. Die Kurse im vierten und fünften Studienjahr waren so aufgebaut, dass man es einfach zu zweit besser organisieren konnte. (Kind krank, Kind aus Krippe holen etc.)

Nach einem halben Jahr aber waren wir beide mit den Nerven am Ende: Unser Sohn war chronisch krank und damit Krippen-untauglich. Da ich eine feste Plangröße im staatlichen Gesundheitswesen war, konnte ich entgegen meinen Vorstellungen das Studium nicht unterbrechen oder gar beenden. Stattdessen wurde uns eine private Tagesmutter vermittelt – die Kosten übernahm die Medizinische Akademie.

Bei dieser Frau fühlte sich unser Sohn sehr wohl, und wir konnten unser Studium mit Kleinkind fristgemäß beenden. Das bedeutete, wir lebten zu dritt mit unserem kleinen Sohn in einem studentischen Haushalt, wir schrieben unsere Diplom-Doppelarbeit (ein Thema für meinen Mann und mich) und absolvierten unsere Staatsexamina fristgemäß.“

Claudia Espig

Ein Blick in die Vergangenheit – so sah die Vorgängerpraxis der Dres. Kirsten aus. Eine eigene Praxis war zu DDR-Zeiten eine Seltenheit | Privat

Dipl.-Stom. Michael Kirsten mit seiner Frau in der gemeinsamen Praxis | Privat

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