Interview mit Dr. Peter Engel und Florian Lemor

Viele Impulse kommen aus Deutschland

Einmal im Jahr tagt der Weltzahnärzteverband Fédération Dentaire Internationale (FDI) – 2019 in San Francisco. Im Mittelpunkt stehen Bestrebungen der Delegationen aus aller Welt zur Verbesserung der Mundgesundheit. Eine zentrale Rolle spielt die deutsche Delegation. Der Präsident der Bundeszahnärztekammer (BZÄK), Dr. Peter Engel, und BZÄK-Hauptgeschäftsführer RA Florian Lemor geben Einblicke in die Arbeit.

Jahrestagung 2019 des Weltzahnärzteverband Fédération Dentaire Internationale (FDI) in San Francisco Wuttke

Welchen Stellenwert haben die FDI-Beschlüsse für die Arbeit der Zahnärzte in Deutschland?
Dr. Peter Engel: Die Beschlüsse der FDI betreffen Fragen unserer Profession und der globalen Gesundheitspolitik. Sie werden von uns unmittelbar in die Arbeit der BZÄK integriert. Wir beobachten einen stetigen Bedeutungszuwachs nicht nur der europäischen, sondern zunehmend auch der globalen Gesundheitspolitik. Wesentliche Treiber sind die allgemeine Globalisierung, aber auch der Umstand, dass gerade die westlichen Industriestaaten, also auch Deutschland, mit ähnlichen Fragestellungen konfrontiert sind: demografische Probleme, Digitalisierung, Engagement von Investoren etc.

Und welchen Einfluss hat die deutsche Delegation, um Themen zu diskutieren und zur Abstimmung zu bringen?
Engel: Die BZÄK ist mit einer starken Delegation in der FDI-Generalversammlung sowie in den verschiedenen FDI-Arbeitsausschüssen und der ERO vertreten. Im Vorfeld der Sitzungen diskutiert und formuliert der BZÄK-Ausschuss für internationale Fragen Änderungen zu den zur Abstimmung anstehenden Beschlüssen und legt diese anschließend bei der FDI vor. Zudem bringen wir auch aktiv vor allem „politische Themen“ in die Arbeit ein. Unsere Vertreter leisten in den FDI-Ausschüssen eine hervorragende Arbeit.

Wo hat sich die deutsche Delegation und die Repräsentanten in den Ausschüssen besonders engagiert und mit welchem Ziel?
Engel: Unsere Strategie fußt auf zwei Säulen: Erstens lag unser besonderes Augenmerk in den vergangenen Jahren auf der Umsetzbarkeit im Versorgungsgeschehen in Deutschland, etwa bei der Frage des Phase down bei der Amalgam-Verwendung. Zweitens wollen wir die Anschlussfähigkeit an die globale Gesundheitspolitik bei der WHO sicherstellen. Auf Initiative der BZÄK beschäftigt sich die FDI auch mit globalen gesundheitspolitischen Themen wie den Antibiotikaresistenzen, den Folgen von Übergewicht und Fehlernährung sowie den Auswirkungen von Flucht auf nationale Gesundheitssysteme. Die entsprechenden FDI-Resolutionen aus den Jahren 2017 und 2018 wurden jeweils von der BZÄK vorbereitet. Dabei kommt auch der ERO unter Führung ihres Präsidenten Dr. Michael Frank eine besondere Bedeutung zu.
Auch bei der anstehenden Vision 2030 und der Erstellung einer weltweiten vergleichenden Patientenbefragung arbeiten wir mit. Die Berücksichtigung der Patientenbelange muss deutlicher werden. Allesamt Themen mit einem unmittelbaren Bezug und Bedeutung für die tägliche Arbeit der BZÄK.

Wer entscheidet letztlich, was die deutschen Zahnärzte auf der Agenda haben möchten oder nicht?
Engel: Wir verfolgen hier einen Bottom-up-Ansatz, wonach wir diejenigen Themen, die uns auf nationaler Ebene bewegen, auch auf internationaler Ebene einbringen. Gutes Beispiel hierfür ist die Diskussion um Fehlernährung und vor allem Zucker. Am Ende können wir aber nur solche Themen auf die internationale Agenda setzen, die global als Problem angesehen werden. So zeigt sich seit diesem Jahr in San Francisco, dass die internationale Vergleichbarkeit von nationalen Gesundheitssystemen zunehmend in den Fokus der Arbeit drängt. Dafür ist auch die Auseinandersetzung mit der internationalen wissenschaftlichen Literatur wichtig, wie jüngst mit den Lancet Publikationen.

Hier wird EU-Politik gemacht: Das Büro der BZÄK in Brüssel. | BZÄK

Die Herangehensweise an bestimmte Themen, um einen Konsensus zu erreichen, ist sicher unterschiedlich in den Länderdelegationen. Auf welcher Ebene findet man sich hier zusammen?
Florian Lemor: Die BZÄK hat hier unter dem aktuellen Vorstand sehr früh die Weichen für eine stärkere europäische und internationale Kooperationen gestellt. So finden das ganze Jahr über Abstimmungen mit anderen Delegationen zu wichtigen strategischen Fragen und thematischen Weichenstellungen statt. Wir stehen in engem Kontakt mit anderen Delegationen – etwa aus den USA, China, Kanada und Japan – sowie mit unseren europäischen Freunden. So haben wir dieses Jahr in San Francisco Kooperationsverträge mit der Zahnärztekammer aus Nordmazedonien und unserer italienischen Schwesterorganisation geschlossen.

Zu Amalgam gibt es sicher nach wie vor zwischen den Kontinenten Europa und Amerika auf der einen Seite und Asien und Afrika unterschiedliche Betrachtungsweisen. Was ist hier aktuell konsensfähig?
Engel: Es besteht unter den großen FDI-Mitgliedern und auch auf europäischer Ebene der Konsens, dass Amalgam ein medizinisch und versorgungspolitisch wichtiger Füllungswerkstoff ist. Das nunmehr in Umsetzung befindliche Phase down ist daher unter den diskutierten Optionen die am ehesten vertretbare Lösung. Schwieriger sieht es dabei bei der Frage der Abscheider aus, da deren Nutzung nicht in allen Ländern verbindlich vorgeschrieben ist, und einige Kolleginnen und Kollegen gerade auch in ärmeren Regionen dieser Welt die damit verbundenen finanziellen Folgen schultern können.

Vor einem Jahr hat die BZÄK eine Resolution initiiert, die von der FDI übernommen und an den G-20-Gipfel in Buenos Aires übermittelt wurde. Was war der Inhalt?
Engel: Für uns war es ganz wichtig, dass die Zahnärzteschaft auch weltpolitisch als Akteur bei der WHO und den nationalen Regierungen auftritt. Dort finden wir auch nur über die FDI Gehör. Die Zahnmedizin ist ein wichtiger Teil der medizinischen Grundversorgung und gleichzeitig stehen wir zu unserer auch internationalen Gemeinwohlverpflichtung. Dies erschien uns umso wichtiger, als sich die Diskussionen bei den G20 unter deutscher Präsidentschaft sowie bei den G7 um die gleichen Themen wie bei uns drehten: demografische Entwicklung und Fachkräftemangel, Auswirkungen von Flucht und Migration, Antibiotika-Resistenzen und Fehl- und Mangelernährung, um nur einige zu nennen. Hier haben wir als Berufsstand konsentierte Antworten und Lösungsansätze entwickelt. Und dies geht auch nur mit der FDI: Als einzelne nationale Organisation findet man dort kein Gehör.

Gab es Reaktionen seitens der G-20?
Lemor: Die Reaktionen waren erstaunlich: Die Regierungen Australiens, Kanadas und der USA haben uns auf unser Anschreiben hin geantwortet, dass man das Thema „Oral Health“ aufgrund unserer Aktivitäten nunmehr auch im Rahmen der G20 sowie der G7 behandeln und auf die Agenda für die japanische Präsidentschaft der G20 2019 heben wolle. Noch warten wir allerdings darauf, dass diesen Ankündigungen auch Taten folgen.

Sind Sie bezüglich der Inhalte der jährlichen FDI-Generalversammlung mit dem Bundesgesundheitsministerium im Kontakt?
Lemor: Wir stehen in regelmäßigem Kontakt mit dem Bundesgesundheitsministerium. Dabei tauschen wir uns zu Themen aus, die für die Zahnärzteschaft und die Regierung wichtig sein könnten. Aus dieser engen Kooperation ist unsere Mitgliedschaft in der vom BMG gegründeten Plattform Global Health Hub Germany (GHHG) entstanden, die sich dem Ziel der globalen Gesundheit verschrieben hat und die interaktive und interdisziplinäre Lösungen für eine bessere weltweite Gesundheit erarbeitet. Die BZÄK nimmt damit auch Verantwortung für die deutsche Gesundheitspolitik auf internationaler Ebene wahr.

Welche Arbeit leistet das europäische Büro der BZÄK in Brüssel im Vorfeld einer Jahresversammlung?
Lemor: Die Europäisierung und Globalisierung auch im Gesundheitsbereich schreiten voran. Themen – wie etwa Amalgam – werden häufig erst auf Ebene der WHO, dann auch auf Ebene der EU und schließlich auch in Deutschland gesetzgeberisch relevant. Nationale Gesundheitspolitik kann daher zunehmend nicht mehr isoliert von der europäischen und internationalen Gesundheitspolitik gedacht werden.
Diesen Anforderungen sind wir frühzeitig erstens durch eine Aufwertung der europapolitischen und internationalen Arbeit sowie zweitens einer engeren Verzahnung der beiden Bereiche in unserem Brüsseler Büro begegnet. Nicht zuletzt muss auch das Personal diesen Aufgaben gewachsen sein – das betrifft sowohl das Verständnis für internationale Zusammenhänge als auch die notwendige Sprachkompetenz und Kultursensibilität.

Herr Dr. Engel, Sie haben für das Ehrenamt des President-elect kandidiert und unterlagen im zweiten Wahlgang der jungen marokkanischen Professorin, die das Amt nun zwei Jahre ausüben wird. An was lag es aus Ihrer Sicht, denn Sie galten als aussichtsreicher Kandidat, der sich inhaltlich stark einbringt?
Engel: Wissen Sie, das nehme ich ganz sportlich! Es geht hier um demokratische Prozesse, die wir aus deutscher Sicht klar unterstützen. Es standen drei weltweit und über alle Grenzen hinweg anerkannte Persönlichkeiten zur Verfügung. Und die Wahl fiel dieses Mal auf eine junge Kandidatin und Muslima aus Marokko. Das ist ein gutes Signal. Der riesige Kontinent Afrika kann stolz darauf sein, erstmals die FDI-Präsidentin zu stellen. Ich und die gesamte deutsche Delegation drücken die Daumen für eine erfolgreiche Präsidentschaft.

Welche Themen gilt es für Shanghai 2020 vorzubereiten und schließlich auch für dessen Umsetzung zu werben?
Engel: Mit unseren Themen der vergangenen drei Jahre liegen wird richtig. Auch im Rahmen der globalen Gesundheitspolitik beschäftigt man sich nun damit. Aber es liegen darüber hinaus auch weitere wichtige Themen vor uns, die globaler Antworten bedürfen: Wie gehen wir mit dem zunehmenden Fachkräftemangel im Gesundheitswesen vor allem in den westlichen Industriestaaten um, ohne andere Länder ausbluten zu lassen? Wir gehen zudem davon aus, dass das Thema Flucht und Migration wieder verstärkt aufkommen wird. Internationale und europäische Gesundheitspolitik werden uns also anhaltend fordern.

Wir als BZÄK haben uns dementsprechend aufgestellt und sind uns sicher, dass wir in enger Kooperation mit dem BMG und der Bundesregierung und auf aufgrund unserer nachgewiesenen Kompetenz eine wichtige Rolle im Interesse der Kolleginnen und Kollegen spielen können und werden.

Die Fragen stellte Anita Wuttke, freie Journalistin, München.

Der FDI-Kongress fand dieses Jahr vom 5. bis 8. September in San Francisco statt.

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