Fortbildung Restaurative Zahnerhaltung

Glasfaserverstärkte Restaurationen

2
CME-
PUNKTE
CME-Fortbildung
Diese Fortbildung ist abgelaufen.

 

R3-Restauration

Die meisten Restaurationsverfahren zum Aufbau tief zerstörter, endodontisch vorbehandelter Frontzähne beinhalten ein vorgefertigtes Stiftsystem mit Stumpfaufbau und anschließender indirekter Restauration des Zahns. Prinzipiell ist es jedoch inzwischen auch möglich, mithilfe plastisch verarbeitbarer faserverstärkter Komposite in einem ersten Schritt im Wurzelkanal einen individualisierten formkongruenten Wurzelstift herzustellen. In zwei weiteren Schritten werden ein Stumpfaufbau angefertigt und die Frontzahnkrone direkt aus Komposit aufgebaut. Diese hier als R3-Technik vorgestellte Intervention zur direkten Restauration tief zerstörter endodontisch vorbehandelter Frontzähne mit Kompositmaterialien soll nachfolgend anhand eines klinischen Fallbeispiels beschrieben und erläutert werden.

Anamnese und Befunde
Ein 59-jähriger Mechaniker stellte sich mit frakturiertem Zahn 12 und verlorener Krone in der Poliklinik für Zahnerhaltungskunde der Klinik für Mund-, Zahn- und Kieferkrankheiten des Universitätsklinikums Heidelberg vor (Abbildungen 5a und 5b). Bei der Erhebung der allgemeinen Anamnese gab der Patient eine koronare Herzerkrankung und eine chronisch-obstruktive Lungenerkrankung (COPD) an. Er rauchte nicht, nahm ein Präparat zur Antikoagulation (Xarelto 10 mg) und bei Bedarf ein kortisonhaltiges Asthmaspray (Symbicort 160/4,5 µg/Dosis) ein. Zum Zeitpunkt der Erstvorstellung hatte der Patient keine Schmerzen, keine Zahnlockerungen und keine erhöhten Sondierungstiefen an Zahn 12. Da der Wurzelrest des Zahns 12 nach Verlust der Restauration umgehend mit provisorischem Zement abgedeckt worden war, konnte eine Reinfektion des Kanals nahezu ausgeschlossen werden. Der Röntgenbefund zeigte eine unauffällige periapikale Region und eine intraradikuläre Transluzenz im Sinne einer homogenen Wurzelkanalfüllung nach Restaurationsverlust, die bis etwa 1,0 mm vor das Foramen apikale reichte (Abbildung 5c).

Erste Phase: individueller Wurzelstift
Die wichtigsten für die R3-Technik verwendeten Materialien sind in Tabelle 2 aufgeführt.
In der ersten Phase wurden die zugänglichen Oberflächen des Wurzelrests gereinigt, die Karies exkaviert und unter relativer Trockenlegung die Wurzelkanalfüllung um 5 mm gekürzt. Anschließend wurde das faserverstärkte Kompositmaterial, wie im vorherigen Fallbeispiel dargestellt, abgemessen (5 mm Wurzelkanal plus 5 mm koronaler Anteil) und mit einer Schere in der Verpackung zurechtgeschnitten. Nach Anätzen mit Phosphorsäure, Spülen und Trocknen von Wurzeloberfläche und Kanallumen des Zahns 12 erfolgte das Auftragen von Primer und Adhäsiv mit anschließender Lichthärtung. Daraufhin wurde zunächst eine kleine Menge eines fließfähigen Bulk-Fill-Komposits in den Wurzelkanal eingebracht. Im Anschluss wurde das faserverstärkte Kompositmaterial platziert und mit einer Polymerisationslampe mit speziellem Ansatz lichtgehärtet (Abbildungen 5d–5f). Aufgrund der Größe des Kanallumens wurde im vorliegenden Fall lediglich ein Strang des faserverstärkten Kompositmaterials eingebracht, bei großvolumigeren Kanälen hätten problemlos zwei bis drei Stränge fächerförmig in die Kompositmasse eingebracht und polymerisiert werden können.

Zweite Phase: Stumpfaufbau
In der zweiten Phase wurde zunächst zur Einstellung der korrekten Länge im koronalen Strumpfaufbau das faserverstärkte Kompositmaterial mit einem langsam rotierenden Diamanten ohne Wasserkühlung vorsichtig um circa 1,5 mm gekürzt (Abbildung 5g). Um die Sauerstoffinhibitionsschicht zu schützen und eine Kontamination mit Wasser zu vermeiden, wurde der Schleifstaub vorsichtig mit Luft entfernt. Anschließend wurde ein fließfähiges Bulk-Fill-Komposit um den faserverstärkten Kompositstrang herum im Sinne eines Stumpfaufbaus appliziert und lichtgehärtet (Abbildungen 5h–5j). Die aufgrund des Verzichts auf eine Matrize entstandenen marginalen Überhänge konnten mit einem feinkörnigen Separierdiamanten sowie einem sichelförmigen Skalpell (Nr. 12) gezielt entfernt werden.
Da sich die Restauration im ästhetisch relevanten Frontzahnbereich befindet, war darauf zu achten, dass das fließfähige Bulk-Fill-Komposit eine passende Zahnfarbe aufweist. Universalfarben, die bei Bulk-Fill-Kompositen oftmals zur Anwendung im Seitenzahnbereich angeboten werden, hätten die direkte Kompositkrone möglicherweise etwas zu grau erscheinen lassen können. Die zweite Restaurationsphase der R3-Technik verfolgte das Ziel, einen zapfenartigen Stumpfaufbau mit einem vollständig bedeckten Kern aus faserverstärktem Kompositmaterial zu erhalten (Abbildung 5j).

Dritte Phase: direkte Kompositkrone
Die dritte Phase der R3-Technik beinhaltete die Herstellung einer direkten Kompositkrone am Frontzahn. Da nach Abschluss der zweiten Phase eine Art „Zapfenzahn“ als Ausgangssituation hergestellt worden war, konnten hier die Prinzipien zur Herstellung einer Zahnformkorrektur Anwendung finden, die hier jedoch nicht im Detail erläutert werden.

Zu Beginn wurde mit einer Schmelzmasse die palatinale Wand geschichtet (Abbildung 5k). Die Herstellung der palatinalen Wand kann nach vorherigem Wax-up am Modell mithilfe eines Silikonschlüssels erfolgen, alternativ kann die Kompositmasse wie in diesem Fall auch gegen den palatinal als Widerlager platzierten Finger des Behandlers geschichtet werden. Die approximalen Wände wurden mit der individuellen Matrizenverschalungstechnik nach Klaiber und Hugo mesial und distal aufgebaut [Klaiber, 2006] (Abbildung 5l). Nach dem Legen der Matrizen wurde zunächst etwas Flowkomposit in den Kontaktpunktbereich eingebracht, anschließend visköses Restaurationsmaterial darüber platziert und nach Verkeilen mit einem kleinen Heidemannspatel lichtgehärtet. Sobald die approximalen Wände aufgebaut waren, konnte der Dentinkern mit Charakterisierungen (Marmelons) geschichtet werden (Abbildung 5m). Zum Schluss wurde ein Überzug mit einer Schmelzmasse modelliert (Abbildung 5n).

Die Ausarbeitung der Kompositrestauration erfolgte nach den üblichen Kriterien. Eine Auswahl von passgenauen Interdentalraumbürstchen mit einer eingehenden Mundhygieneunterweisung fand zum Abschluss der Behandlungssitzung statt.

Nachkontrolle
Nach 16 Monaten zeigten sich klinisch entzündungsfreie und reizlose Verhältnisse (Abbildungen 6a–6f). Der Röntgenbefund offenbarte intrakanalikulär eine opake Struktur im Sinne des faserverstärkten Kompositmaterials. Hinweise auf periapikale Veränderungen waren nicht feststellbar (Abbildung 6d). Die Restauration präsentierte sich in einem funktionell und vom Aussehen her guten Zustand ohne jegliche Zeichen endodontischer oder parodontaler Irritationen (Abbildung 6e). Der Patient war zufrieden und nutzte täglich die individuell ausgewählte Interdentalraumbürste (Abbildung 6f).

Patientenfall 3: R3-Restauration

Abb. 5a–5n: Ausgangszustand und Herstellung einer R3-Restauration zum direkten Aufbau des Zahnes 12: Detaillierte Erläuterungen der Abbildungen befinden sich im Text. | Frese

Abb. 6a und 6b: Ausgangsbefund vor Herstellung der R3-Restauration an Zahn 12 | Frese

Abb. 6c–6f: Kontrolle nach 16 Monaten: Detaillierte Erläuterungen der Abbildungen befinden sich im Text. | Frese

Zusammenfassung

Trotz bekannter materialspezifischer Limitationen weisen glasfaserverstärkte Kompositrestaurationen einige Vorteile auf, die ihren Einsatz in bestimmten Situationen rechtfertigen. Dazu zählen beispielsweise Versorgungen von Kindern und Jugendlichen oder von Patienten, bei denen – aus welchen Gründen auch immer – Implantate, Brücken oder sonstige Interventionen nicht zum Einsatz kommen sollen. Folgende Aspekte sind bei der Indikationsstellung von Belang:

  • Die Restaurationen können im Bedarfsfall wieder entfernt werden, ohne dass der Status idem verloren geht.
  • Im weiteren Restaurationszyklus betroffener Zähne stehen alternative Therapieoptionen offen.
  • Pfeilerzähne können bereits restaurativ versorgt oder unversorgt sein.
  • Im Fall von Schäden im Laufe der Gebrauchsphase (zum Beispiel Abplatzungen) bestehen Reparaturmöglichkeiten.

Restaurationen mit faserverstärkten Kompositen stellen somit in bestimmten Fällen eine semipermanente Option zur Erweiterung des restaurativen Therapiespektrums dar.

Prof. (apl) Dr. med. dent. Cornelia Frese

Universitätsklinikum Heidelberg Klinik für Mund-, Zahn- und Kieferkrankheiten
Poliklinik für Zahnerhaltungskunde
Sektion für Präventive und Restaurative Zahnheilkunde
Im Neuenheimer Feld 40069120 Heidelberg
cornelia.frese@med.uni-heidelberg.de

  • 2001–2006: Studium der Zahnmedizin an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
  • seit 2006: Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Poliklinik für Zahnerhaltungskunde des Universitätsklinikums Heidelberg
  • 2007: Promotion
  • 2010: Ernennung zur Spezialistin der DGZ in Zahnerhaltung (Präventiv-Restaurativ), Ernennung zur Funktionsoberärztin und Erwerb des Zertifikats für Hochschuldidaktik Baden-Württemberg
  • 2012–2017: Leitung des Bereichs Patientenaufnahme und Primärversorgung an der Poliklinik für Zahnerhaltungskunde des Universitätsklinikums Heidelberg und Bestellung zur tarifrelevanten Oberärztin
  • 2015: Verleihung der Venia legendi an der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg
  • seit 2017: Leitung der Sektion für Präventive und Restaurative Zahnheilkunde und des Bereichs für Kinder- und Jugendzahnheilkunde
  • 2017: Verleihung der Bezeichnung „Außerplanmäßige Professorin“ der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
41197574116893411688941168904118638 4118639 4116891
preload image 1preload image 2preload image 3preload image 4preload image 5preload image 6preload image 7preload image 8preload image 9preload image 10preload image 11preload image 12preload image 13preload image 14preload image 15preload image 16preload image 17preload image 18preload image 19preload image 20preload image 21preload image 22preload image 23preload image 24preload image 25preload image 26preload image 27preload image 28preload image 29preload image 30preload image 31preload image 32preload image 33preload image 34preload image 35preload image 36preload image 37preload image 38preload image 39preload image 40preload image 41preload image 42preload image 43preload image 44preload image 45preload image 46preload image 47preload image 48preload image 49preload image 50preload image 51preload image 52preload image 53preload image 54preload image 55preload image 56preload image 57preload image 58preload image 59preload image 60preload image 61preload image 62preload Themeimage 0preload Themeimage 1preload Themeimage 2preload Themeimage 3preload Themeimage 4preload Themeimage 5preload Themeimage 6preload Themeimage 7preload Themeimage 8preload Themeimage 9preload Themeimage 10preload Themeimage 11preload Themeimage 12preload Themeimage 13preload Themeimage 14preload Themeimage 15preload Themeimage 16preload Themeimage 17preload Themeimage 18preload Themeimage 19preload Themeimage 20preload Themeimage 21preload Themeimage 22preload Themeimage 23preload Themeimage 24preload Themeimage 25preload Themeimage 26preload Themeimage 27preload Themeimage 28
Bitte bestätigen Sie
Nein
Ja
Information
Ok
loginform
Kommentarvorschau
Kommentarvorschau schliessen
Antwort abbrechen
Ihr Kommentar ist eine Antwort auf den folgenden Kommentar

Keine Kommentare