zm-Serie: Täter und Verfolgte im „Dritten Reich“

Benno Elk – ausgewiesen aus Lothringen, Zahnarzt in Frankfurt, Flucht in die USA

Nach der Inhaftierung in Buchenwald floh Benno Elk 1938 aus Deutschland. Sein Lebensweg verdeutlicht eine stark verankerte nationale Identität der deutschen Juden - nach dem Ersten Weltkrieg hatte er aus seiner Heimatstadt in Lothringen wegziehen müssen, als diese französisch wurde -ebenso wie die insbesondere in den Freien Berufen verbreiteten Strategien der ständigen Anpassung an immer bedrohlichere Lebensumstände.

Abb. 1: Praxis von Benno Elk, Am Tiergarten 2, Frankfurt/a.M. Deutsches Exilarchiv 1933–1945 der Deutschen Nationalbibliothek, Frankfurt, ohne Signatur

Das Jüdische Adressbuch Frankfurt, in der zweiten Auflage von 1935, verzeichnete 45 Zahnärzte und 10 Dentisten.1 Einer von ihnen war Benjamin (Benno) Elk, der eine zahnärztliche Praxis am Tiergarten 2 betrieb (Abbildung 1). Insgesamt praktizierten zu diesem Zeitpunkt 254 Zahnärzte und 218 Dentisten in Frankfurt.2

Gemäß der nationalsozialistischen Rassezuschreibung lag damit der Anteil jüdischer Zahnärzte bei knapp 18 Prozent und damit deutlich höher als im reichsweiten Durchschnitt (circa 10 Prozent)3, aber gleichzeitig deutlich unter dem Prozentsatz von Berlin4, obwohl Frankfurt noch 1933 mit einem jüdischen Anteil von 4,7 Prozent an der Gesamtbevölkerung sogar Berlin mit einem Anteil von 3,8 Prozent übertroffen hatte.5 Im Vorwort zur 18. Ausgabe des Deutschen Zahnärzte-Buches, das als Grundlage zur systematischen Erfassung der verfolgten deutschen Zahnärzte dient und dessen langjähriger Herausgeber Hans Egon Bejach ebenfalls verdrängt wurde, betonten die neuen Herausgeber: „Seit dem Erscheinen der 17. Ausgabe des Deutschen Zahnärzte Buches Mai 1932, sind weltbewegende Ereignisse eingetreten, die bei der engen Verbundenheit der Heilberufe mit dem Staat sich auch in stärkstem Maße bei der Zahnärzteschaft ausgewirkt hat.“ Im Forschungsprojekt zur Verfolgung jüdischer Zahnärzte und Dentisten konnten bislang 78 Personen nachgewiesen werden, die im Zeitraum von 1933–1941 von Frankfurt aus in die Emigration gingen oder von hier aus deportiert wurden.

Benno Elk, bereits 53 Jahre alt und wirtschaftlich arriviert, blieb trotz Ausgrenzung und beruflicher Existenznot bis zum Novemberprogrom 1938 in Deutschland. Gehörte er also zu der Mehrheit deutscher Juden, die lange, in vielen Fällen zu lange, hofften, dass der nationalsozialistische Terror nur eine weitere Etappe in der langen Geschichte der Judenverfolgung in Deutschland ist, die wiederum durch eine Phase größerer Toleranz und Akzeptanz abgelöst wird? Auch die Mehrzahl der frühen Emigranten, die in den ersten Monaten nach der Machtübernahme das Deutsche Reich teilweise überstürzt verließen, gingen in der Hoffnung auf eine baldige Rückkehr.6

Der erste Weltkrieg bindet Elk an die Nation

Elk wurde am 14. Juli 1879 als erstes von acht Kindern in Memel (heute Litauen) geboren. Aufgrund von zunehmenden antisemitischen Angriffen zog die Familie 1881 nach Frankfurt am Main, wo der Vater Julius Elk neben seiner Lehrtätigkeit bei einer Wohltätigkeitsorganisation arbeitete und auch das sogenannte Volapük, einen Vorläufer von Esperanto, förderte. Im Nachlass der Familien Elk-Zernik ist ein unveröffentlichtes Manuskript von Julius Elk überliefert, in dem er das geistliche und säkulare Leben der Juden im russischen Polen am Ende des neunzehnten Jahrhunderts beschreibt.7 Vielleicht beantragte er gerade deshalb die deutsche Staatsbürgerschaft für sich und seine Familie.

Nach Beendigung der Realschule erlernte Benno zwischen 1898 und 1900 bei dem Frankfurter Zahnarzt Oskar Wendler, einem „American Dentist“, zunächst „die technische und operative Zahnkunst“. Im Arbeitszeugnis schwärmte Wendler: „Er hat sich mit ausserordentlichem Eifer und Fleiss ernst seiner Kunst gewidmet und es durch seine Geschicklichkeit vermocht, die ihm obgelegenen & anvertrauten technischen sowie operativen Arbeiten zu meiner vollen Zufriedenheit auszuführen.“8 Parallel zu dieser praktischen Ausbildung erlangte Elk auf einem Realgymnasium die Primarreife, die in dieser Phase der immer noch nicht vollendeten Akademisierung des Zahnarztberufs noch zur Aufnahme eines zahnmedizinischem Studiums berechtigte.9 An der Universität Marburg studierte er vier Semester Zahnheilkunde und bestand im Juli 1902 die zahnärztliche Staatsprüfung mit dem Prädikat „sehr gut“.

Nach mehrjähriger Assistententätigkeit ließ Elk sich 1905 im lothringischen Diedenhofen in eigener Praxis nieder.10 1906 starb sein Vater, was ihn dazu zwang, seine Mutter und seine jüngeren Geschwister zu unterstützen. Noch einschneidender war aber die Erfahrung der Vertreibung aus Lothringen im Jahr 1919. Elk hatte während des Ersten Weltkriegs die zahnärztliche Abteilung des Festungslazaretts in Diedenhofen geleitet und war dafür mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet worden. Noch während des Krieges heiratete Elk die aus Elberfeld stammende Aenne Ullmann.11 Ihre gemeinsame Tochter Charlotte wurde im April 1919 geboren. Als nach dem Krieg aus Diedenhofen das französische Thionville wurde, mussten die Elks ihren Heimatort verlassen und zogen nach Frankfurt am Main.

Diese Verlusterfahrung war bei vielen jüdischen Frontkämpfern mit einer starken nationalen Identitätsbildung verbunden, die das spätere Festhalten an der neugewonnenen Heimat begreiflicher werden lässt.12 Nur wenige Jahrzehnte nach intensiver Verfolgung und nach dem Kampf um Anerkennung und Gleichberechtigung, die das Ende des 19. Jahrhunderts kennzeichneten, waren jüdische Männer und Frauen auf der ganzen Welt in einen Konflikt von beispielloser Gewalt und Zerstörung hineingezogen worden und über Staaten verstreute Familien fanden sich in gegnerischen Armeen wieder.13 Diese, auch in der individuellen Biografie Elks zu findende Vielfalt von neuartigen sozialen und politischen Phänomenen – die Flucht vor den Pogromen in der alten Heimat und die Einbürgerung der Familie lagen erst wenige Jahrzehnte zurück – haben den Ersten Weltkrieg zu einem wichtigen Wendepunkt in der jüdischen Erfahrung des 20. Jahrhunderts gemacht.14

Zurück in Frankfurt hörte Elk an der Universität Vorlesungen und wurde mit einer Arbeit „Ueber maligne Oberkiefertumoren“ in der chirurgischen Klinik promoviert.15 Überliefert ist auch ein von seinen studentischen Kameraden verfasstes Tischlied zur Melodie „Gaudeamus igitur“ anlässlich seines 50. Geburtstags im Jahr 1929.16 Wie fragil die akademische Emanzipation der deutschen Juden war, zeigte sich auch an der Universität Frankfurt unmittelbar nach dem 30. Januar 1933.17

Aufgrund der politischen Radikalisierung ab 1933 beschlossen Benno und Aenne Elk, ihre Tochter Charlotte in der Schweiz auf ein Internat zu schicken. Nach ihrem Schulabschluss 1936 begann sie eine Ausbildung am Rothschild-Krankenhaus als medizinische Laborantin und Röntgentechnikerin. Im Jahr 1938 fand sie eine Stelle in einem Sanatorium in Bad Neuenahr und verlobte sich mit ihrem Kollegen Hans Ansbach. Charlotte Elk, später Elk-Zernik, verarbeitete ihre Erlebnisse in den1970er-Jahren in einer Autobiografie und gab zahlreiche Lesungen als Zeitzeugin in Deutschland.18 

Während der Reichspogromnacht wurde Benno Elk verhaftet und nach Buchenwald deportiert. Um seine Freilassung zu erreichen, plante die Familie, nach Uruguay auszuwandern, und hatte auch schon die entsprechenden Visa erhalten. Drei Tage vor der geplanten Abreise schloss Uruguay aber seine Grenzen, so dass die Elks zu Freunden nach Antwerpen in Belgien flohen. 19

Im Zusammenhang des Rechtsstreits mit dem damaligen Käufer seines Hauses erinnerte sich Elk an die dramatischen Umstände der Flucht: „Der Hausverkauf erfolgte, während ich im Konzentrationslager Buchenwald meinen unfreiwilligen Aufenthalt zubrachte, durch Zwang auf meine Frau. Entlassen aus Buchenwald wurde ich aufgrund einer in die Wege geleiteten Auswanderung nach Uruguay sowie als Besitzer des Eisernen Kreuzes II. Klasse an schwarzweissen Bande.“

Elk fährt fort: „Ich selbst kann Belege nicht beibringen, da wir – meine Frau, ich und meine Tochter – am 23. Dezember 1938 Deutschland legal verliessen, aber illegal nach Belgien auswanderten, weil in letzter Stunde Uruguay seine Grenzen geschlossen hatte und ich auf Grund einer Einwanderungs-Möglichkeit nach Uruguay entlassen worden war, ansonsten ich am 31. Dezember 1938 wieder nach Buchenwald zurückgemusst hätte. Mit 10 Mark pro Person und den notwendigsten Kleidungsstücken verliessen wir Frankfurt, nur beseelt mit dem Mut und der Hoffnung, unser Leben zu retten.“20

Da Charlotte in Thionville geboren war, konnte sie leichter in die Vereinigten Staaten einwandern als ihre Eltern. Mithilfe eines entfernten Cousins in New Jersey verließ sie am 26. September 1939 Europa auf der S.S. Pennland. Ihr Vater schrieb an sie: „Liebes, gutes Lottchen! Du wirst inzwischen wissen, dass wir nicht nach Lissabon gekommen sind, aber wir versuchen, nun irgendwo hinzukommen, wo ein Konsulat arbeitet. Vielleicht wird’s Marseille, dann hörst du sofort von uns, wenn nicht, kommt nur Paris in Frage, dann werden wir nur sehr schwer voneinander hören. Mach dir keine Sorge um uns, wir werdens s.G.w. schaffen und so wird’s uns doch gelingen, dass wir wieder zueinander kommen.“21

Er wähnte sich vor dem KZ sicher

Im Mai 1940 wurde Belgien überfallen, und Charlotte verlor den Kontakt zu ihren Eltern, bis sie im Dezember aus Spanien telegrafierten. Benno und Aenne erreichten schließlich im Mai 1941 über Kuba New York. Im Dezember 1941 erhielt Charlotte die Nachricht, dass ihr Verlobter Hans Ansbach ins besetzte Polen deportiert und getötet worden war.

Im amerikanischen Exil war Benno Elk nicht mehr als Zahnarzt tätig. In seiner Entschädigungsakte gab er an, nun als Schokoladenverkäufer zu arbeiten.22 Das Angebot der Stadt Frankfurt, ihn bei der Neueinrichtung einer Zahnarztpraxis zu unterstützten lehnte Elk aus Altersgründen ab – er war zum Zeitpunkt des Kriegsendes 66 Jahre alt.23 Er verstarb 1959 in New York.

Benno Elk, seiner Frau und seiner Tochter war die Emigration in die USA letztendlich gelungen. Im Deutschen Exilarchiv in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt erinnern in der aktuellen Dauerausstellung eindrückliche Dokumente wie die Reisepässe (Abbildung 2) mit ihren vielen Visa an die zweijährige Flucht durch Europa.

Abb. 2: Benno Elks Reisepass aus dem Jahr 1938| Deutsches Exilarchiv 1933–1945 der Deutschen Nationalbibliothek, Frankfurt, ohne Signatur

Im Holocaust ermordet wurde allerdings Elks engste Familie, seine Mutter Hanna, mindestens drei seiner sieben Geschwister, Rosa, Rudolf und Salo Elk, sowie die Geschwister seiner Frau und deren Familien. Sie gehörten zu den über 12.000 Frankfurter Juden, die mit großen Deportationsaktionen ab 1941 in den Vernichtungslagern den Tod fanden24 und denen seit 1996 an der Gedenkstätte Börneplatz gedacht wird.25 Charlotte Zernik-Elk legte 1978 in Yad Vashem insgesamt acht Gedenkblätter für ihre Großmutter, ihre Tanten, Onkel, zwei Cousinen und einen Cousin an.26 Nur Benno Elks Bruder Max, Rabbiner in München, war bereits 1934 nach Palästina ausgewandert.

1950 formulierte Elk in einem Brief seine Bewegründe, nicht frühzeitig emigriert zu sein: „Ich war so sehr der festen Ueberzeugung, mir als deutschem Staatsbürger, als Kriegsteilnehmer und aus Elsass-Lothringen Ausgewiesener könne nichts passieren, dass ich erst am 11. Nov. 1938 in das Konzentrationslager Buchenwald hatte abgeführt werden müssen, um eines anderen belehrt zu werden.“

Elks Lebensweg verdeutlicht somit die nicht zuletzt unter dem Eindruck der Kriegserfahrungen des Ersten Weltkriegs stark verankerte nationale Identität der deutschen Juden ebenso wie die insbesondere in den freien Berufen verbreiteten Strategien der ständigen Anpassung an immer bedrohlichere Lebensumstände in der Zeit des Nationalsozialismus.27

Dr. Matthis Krischel
Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin
Centre for Health and Society, Medizinische Fakultät
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Moorenstr. 5, 40225 Düsseldorf
matthis.krischel@hhu.de

Fußnoten:
1 Fischer, 1935, S. 181, 183;
2 Deutsches Zahnärzte-Buch 1935, S. 113;
3 Groß/Krischel, 2020;
4 Köhn, 1994;
5 Die jüdische Bevölkerung im Deutschen Reich 1933–1945, 2006
6 Jünger, 2016;
7 Leo Baeck Institute AR 10835, Elk-Zernik Family Collection, Box 1 Folder 1;
8 Zeugnis, in: Deutsches Exilarchiv 1933–1945;
9 Groß, 2019, S. 43–52;
10 Lebenslauf, in: Deutsches Exilarchiv 1933–1945;
11 Gedruckte Festschrift zur Hochzeit von Aenne Ullmann und Benno Elk, in: Deutsches Exilarchiv 1933–1945;
12 Rozenblit/Karp, 2017;
13 Madigan/Reuveni, 2019;
14 Crouthamel/Geheran/Grady/Köhne, 2019;
15 Leo Baeck Institute AR 10835, Elk-Zernik Family Collection, Box 1 Folder 8;
16 Tischlied, in: Deutsches Exilarchiv 1933–1945;
17 Epple/Fried/Gross/Gudian, 2016
18 Elk-Zernik, 1977;
19 Fremdenpass in Antwerpen, in: Deutsches Exilarchiv 1933–1945;
20 Schreiben von Benjamin Elk an Dr. Paul Muno, in: Deutsches Exilarchiv 1933–1945;
21 Schreiben an Charlotte Elk, in: Deutsches Exilarchiv 1933–1945;
22 HHStAW Bestand 518 Nr. 2136, Entschädigungsakte;
23 Leo Baeck Institute AR 10835, Elk-Zernik Family Collection, Box 1 Folder 13;
24 Backhaus/Drummer/Zwilling/Gaines, 2004.;
25 Gedenkstätte Börneplatz; www.juedischesmuseum.de/besuchen/gedenkstaette-boerneplatz-frankfurt (Zugriff 20.02.2020);
26 Yad Vashem – Pages of Testimony Names Memorial Collection;
27 Vgl. u.a. Hahn/Schwoch, 2009

Welche politische Rolle kam der Zahnärzteschaft zwischen 1933 und 1945 zu? Wer wurde zum Täter, wer verfolgt? Die Artikel der Themenseite beantworten diese Fragen.

29088562901809290181029018112908857 2908858 2901814
preload image 1preload image 2preload image 3preload image 4preload image 5preload image 6preload image 7preload image 8preload image 9preload image 10preload image 11preload image 12preload image 13preload image 14preload image 15preload image 16preload image 17preload image 18preload image 19preload image 20preload image 21preload image 22preload image 23preload image 24preload image 25preload image 26preload image 27preload image 28preload image 29preload image 30preload image 31preload image 32preload image 33preload image 34preload image 35preload image 36preload image 37preload image 38preload image 39preload image 40preload image 41preload image 42preload image 43preload image 44preload image 45preload image 46preload image 47preload image 48preload image 49preload image 50preload image 51preload image 52preload image 53preload image 54preload image 55preload image 56preload image 57preload image 58preload image 59preload image 60preload image 61preload image 62preload Themeimage 0preload Themeimage 1preload Themeimage 2preload Themeimage 3preload Themeimage 4preload Themeimage 5preload Themeimage 6preload Themeimage 7preload Themeimage 8preload Themeimage 9preload Themeimage 10preload Themeimage 11preload Themeimage 12preload Themeimage 13preload Themeimage 14preload Themeimage 15preload Themeimage 16preload Themeimage 17preload Themeimage 18preload Themeimage 19preload Themeimage 20preload Themeimage 21preload Themeimage 22preload Themeimage 23preload Themeimage 24preload Themeimage 25preload Themeimage 26preload Themeimage 27preload Themeimage 28
Bitte bestätigen Sie
Nein
Ja
Information
Ok
loginform
Kommentarvorschau
Kommentarvorschau schliessen
Antwort abbrechen
Ihr Kommentar ist eine Antwort auf den folgenden Kommentar

Keine Kommentare