Editorial

Gestörte Verbindung

Sascha Rudat, Chefredakteur Lopata/axentis

Möglicherweise waren auch Sie betroffen – am 28. Mai meldete die gematik, dass seit dem Vortag in vielen medizinischen Einrichtungen der Online-Abgleich der Versichertenstammdaten nicht möglich sei. Zu dieser Störung hatte den Angaben zufolge ein Konfigurationsfehler in der zentralen Telematikinfrastruktur geführt. „Eine Lösung zur Behebung des Problems wurde gefunden. An der Umsetzung der Lösung wird mit Hochdruck gearbeitet“, hieß es in der ersten knappen Pressemitteilung. Eine Woche später bestand das Problem noch immer. Zur Zahl der Betroffenen machte die gematik derweil keine Angaben. Sie vermeldete aber: „Die Sicherheit der Telematikinfrastruktur ist von der Störung nicht betroffen“, was ein wenig nach der klassischen PR-Floskel „Für die Sicherheit der Bevölkerung bestand zu keiner Zeit Gefahr“ klang.

Die Lösung für die betroffenen Praxen sollte dann so aussehen, dass die gematik eine Datei zur Verfügung stellt, die die IT-Servicepartner der jeweiligen Einrichtung vor Ort in das System der Praxis einspielen müssen. „Selbstverständlich trifft die Leistungserbringer keine Schuld an der Situation. Wir brauchen nun aber eine gemeinsame Vorgehensweise, um die Störung schnell zu beheben. Hierfür sind wir auf die Mitwirkung der Ärzte, Zahnärzte, Psychotherapeuten und Praxen angewiesen. Unsere eindringliche Bitte daher: Bitte wenden Sie sich, wenn Sie betroffen sind, an Ihren Dienstleister vor Ort und nehmen mit dessen Unterstützung das Update so rasch wie möglich vor“, teilte die gematik in einer weiteren Pressemitteilung mit. Gemeinsam schaffen wird das also. Als konkrete Ursache für die Störung wurde schließlich „ ein fehlerhafter Wechsel des Vertrauensankers“ identifiziert.

Ohne jetzt in pauschalen Digital-Pessimismus zu verfallen, zeigt diese Havarie doch exemplarisch einige bemerkenswerte Dinge. Da wäre einerseits die relativ simple Tatsache, dass sich solche Störungen auch im Zeitalter der Hochleistungs-IT über einen längeren Zeitraum hinziehen können – dass Pfingsten in diese Zeit gefallen ist, tröstet wenig. Weitaus bemerkenswerter ist aber, dass zur Problemlösung landauf, landab IT-Servicetechniker erforderlich waren. Eine zentrale Problembehebung: Fehlanzeige. Damit wird uns die Abhängigkeit von qualifizierten IT-Dienstleistern in der neuen TI-Welt sehr deutlich vor Augen geführt. Und wer übernimmt die Kosten für den Einsatz der IT-Dienstleister? Kurz vor Redaktionsschluss meldete diegematik, nach Abstimmung mit dem Bundesgesundheitsministerium sei vereinbart worden, dass den betroffenen Praxen durch die Situation keine Kosten entstehensollten. Die Nachfrage der zm, wie die Kostenübernahme konkret aussehe, blieb zunächst unbeantwortet.

Derartige Abhängigkeiten – technisch wie finanziell – sind sozusagen systemimmanent. Die wenigsten Zahnärztinnen und Zahnärzte sind schließlich nebenberuflich IT-Techniker. Auch jenseits des Störungsfalls sind administrativer und technischer Support erforderlich, dessen Umfang umso weiter steigt, je komplexer ein System wird.

Vielerorts ist zu lesen, Deutschland werde durch die Corona-Krise einen Digitalisierungsschub erleben. Diese These zeugt aus meiner Sicht von jener allgemeinen Digitalisierungsgläubigkeit, deren oberster Förderer Bundesgesundheitsminister Jens Spahn ist. Im Hinblick auf Homeoffice & Co., neudeutsch New Work genannt, mag nach der Pandemie sicherlich einiges in Schwung kommen. Aber für die wenigsten im Gesundheitswesen am Patienten Beschäftigten ist Homeoffice ein Thema. In anderen Bereichen werden die finanziellen Spielräume bedingt durch Pandemie-Folgen knapper werden, was dazu führen kann, dass Investitionen in die digitale Transformation zurückgestellt oder aber stärker hinterfragt werden, als das bisher der Fall war. Letzteres muss aber nicht unbedingt schlecht sein. Denn nicht alles, was digital möglich ist, ist auch gut und sinnvoll. Oder anders gesagt: Ein schlechter Prozess bleibt auch nach einer mit viel Aufwand und Kosten verbundenen Digitalisierung noch schlecht. Vielleicht schärft die Pandemie aber auch den kritischen Blick dafür, dass nicht alles digitales Gold ist, was glänzt und wo die alte analoge Welt ihre Vorteile hat. Eine gesunde Mischung ist oft am besten.

In diesem Sinne: Bleiben Sie in Verbindung – egal ob analog oder digital.

Sascha Rudat
Chefredakteur

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