Patientin mit Zahnbehandlungsangst

Behandlung nach 40 Jahren Zahnarztabstinenz

Eine 53-jährige Patientin erschien in unserer Praxis in Begleitung ihres Vaters! Sie war das erste Mal seit genau 40 Jahren wieder beim Zahnarzt. Zur Schilderung ihres Anliegens und ihres persönlichen Leidenswegs nahm sie erst einmal in einem Sessel des Behandlungszimmers Platz, vermutlich um eine sofortige Behandlungssituation zu vermeiden. Anfänglich redete zuerst nur ihr Vater, bis sie sich dann unter Tränen am Gespräch beteiligte ...

Ralf Barsties

Die Patientin ist beruflich in einer Leitungsfunktion tätig und steht täglich in regem kommunikativem Austausch mit vielen Menschen. Sie schilderte offen die Scham, die ihr der intraorale Zustand bereitet. Sie müsse im Alltag viel sprechen und habe Angst, dass jemand etwas bemerkt. Es gehe so einfach nicht mehr weiter! Sie wünsche nun eine Behandlung. Geld spielt nach Aussagen des besorgten Vaters dabei keine Rolle – eine Aussage, die nach unseren Erfahrungen meist auf das Gegenteil hinweist.

Uns war zunächst einmal wichtig zu verstehen, worauf die Ängste zurückzuführen sind. Gab es ein initiales traumatisches Ereignis? Was war der Patientin widerfahren? Tatsächlich konnte sie sehr frei über die Ursache ihrer Zahnbehandlungsängste berichten. Demzufolge gingen die Ängste auf die bislang letzte Behandlung im Alter von 13 Jahren zurück, als sie von der Assistenz gewaltsam festgehalten wurde, um dem Zahnarzt die Behandlung zu ermöglichen.

Ausgangssituation

Abb. 1: Lächeln | Michael Naumann

Abb. 2: Aufsicht OK | Michael Naumann

Abb. 3: Frontalansicht | Michael Naumann

Abb. 4: Aufsicht UK | Michael Naumann

Trotz dieser Erfahrung von Ohnmacht und Ausgeliefertsein schien es der Patientin aktuell jedoch bereits zu genügen, dass der Behandler alle Behandlungsschritte gut erläutert, ankündigt, wann es unangenehm werden könnte, und einen ruhigen Umgang ohne hektisches Behandlungsumfeld pflegt. Wichtig bleibt bei solchen Patienten – wie eigentlich immer – Vertrauen aufzubauen, dieses zu festigen und das Gefühl der Ohnmacht so weit wie möglich aufzulösen.

Bei der Erstuntersuchung von Menschen, die sich selbst als Angstpatienten bezeichnen, benutzen wir zur Befundaufnahme zuerst nur Spiegel und Puster und kommunizieren das im Vorfeld auch deutlich. Für die Beratung haben wir bei der Patientin neben dem PSA einen Fotostatus angefertigt. Der Behandlungswunsch waren ausdrücklich „feste Zähne“, wenn es irgendwie möglich sei. Ihr Fokus war eine sichere Artikulation. Der weitere Behandlungsablauf wurde skizziert und in einen Behandlungsplan und ein Angebot überführt.

Für die Interimsphase verblieben zuerst nur die Eckzähne und jeweils ein Molar pro Quadrant. Auf Basis der Interimsprothese wurde eine 3-D-Diagnostik durchgeführt. Den gewünschten festsitzenden Zahnersatz setzten wir mit jeweils sechs Implantaten pro Kiefer um. Wir wählten ein konservatives Vorgehen mit geschlossener Einheilung, wobei der OK (12 Wochen Einheilungszeit) zuerst und dann der UK (8 Wochen Einheilung) operiert wurde. Zehn Tage nach der Freilegung erfolgte die erste Abformung. Im Unterkiefer verblieben die letzten Molaren bis zum Eingliedern des therapeutischen Provisoriums, um die Interimsprothese über gebogene C-Klammern so lange wie möglich zu verankern. Wir kombinierten eine analoge Vorgehensweise in der Praxis mit weitergehend digitaler Diagnostik, Planung und Umsetzung (CAD/CAM) im zahntechnischen Labor.

Abb. 5: Zirkonoxid-Gerüststruktur | Ralf Barsties

Abb. 6: Implantat-prothetische Versorgung nach Individualisierung | Ralf Barsties

Im Umgang mit Angstpatienten kann auch die Mitarbeit des Zahntechnikers eine wertvolle Hilfe sein. In den meisten Fällen kommt ja bei der Versorgung mit Zahnersatz kein Kontakt zwischen Zahntechniker und Patient zustande. Wir setzen jedoch in unserer Zusammenarbeit zwischen Zahnmedizin und Zahntechnik darauf, dass jeder Patient auch vom Zahntechniker gesehen wird und möglichst ein persönlicher Kontakt zustande kommt. Das kann von den Patienten als besondere Wertschätzung empfunden werden, was so auch im vorliegenden Fall eintrat und zusätzlich das Vertrauen unserer Patientin in die Therapie und die beteiligten Behandler festigte.

Die Patientin erhielt bereits zu Beginn der Behandlung über das Wax-up sowie Langzeitprovisorien einen Eindruck der fertigen Arbeit. Die schädelbezüglich eingesetzten Implantatmodelle wurden im Artikulator eingescannt und mit den gewonnenen Daten der Interimsprothese gematcht. Das okklusal verschraubte Langzeitprovisorium (LPV) des Ober- und Unterkiefers wurde mit CAD/CAM aus Multistratum Flexible (Firma Zirkonzahn) gefertigt und bei der Einprobe wurde ein Zentrikregistrat genommen. Das LPV wurde in statischer und dynamischer Okklusion eingestellt und der Patientin eingesetzt. Die Patientin war mit Form und Funktion vollends zufrieden.

Abb. 7: OK-Aufsicht vor definitiver Befestigung | Michael Naumann

Abb. 8: UK-Aufsicht vor definitiver Befestigung | Michael Naumann

Einer der Vorteile, komplexe Fälle mit CAD/CAM-Technologie zu lösen, ist, dass Zahnarzt und Zahntechniker jederzeit in der Lage sind, auf Eventualitäten wie Patientenwünsche oder gar einen Bruch des LPV schnell zu reagieren. Die bildgebenden Verfahren sind für die Zusammenarbeit zwischen den Spezialisten sehr hilfreich. Es ist zu jeder Zeit möglich, den Therapieplan schnell und effizient zu prüfen und gegebenenfalls zu ändern. Nach komplikationsfreier Tragezeit wurde das OK- und UK-LPV durch die definitive Versorgung ersetzt, eine okklusal-verschraubte Restauration aus Prettau Dispersiv (Firma Zirkonzahn), die mit Creation ZI-CT (Willy Geller International GmbH) individuell verblendet worden war.

Diskussion

Während des gesamten Behandlungsverlaufs war die Patientin ausgesprochen kooperativ und tapfer, wenn auch angespannt. Sie vermied Lokalanästhesien, wenn nicht unbedingt notwendig, obwohl es aus meiner Sicht durchaus sinnvoller gewesen wäre, ein möglichst schmerzfreies Behandlungserlebnis zu ermöglichen.
Aufgrund der fortgeschrittenen chronischen Parodontitis mit fraglicher beziehungsweise hoffnungsloser Prognose prospektiver Pfeilerzähne wurde darauf verzichtet, eine Zahn- oder kombiniert Zahn-Implantat-getragene Versorgung zu fertigen [Achanur et al., 2020; Cortellini et al., 2020].

Abb. 9: OK-Aufsicht der definitiven Versorgung | Michael Naumann

Abb. 10: UK-Aufsicht der definitiven Versorgung | Michael Naumann

Wir nutzten nach ausführlicher Aufklärung ein eher konservatives implantologisches Behandlungsprotokoll, wohl wissend, dass Sofortimplantation und Sofortversorgung [Soto-Penaloza et al., 2017; Penarrocha-Diago et al., 2017] im Sinne von All-on-4 möglich gewesen wäre, um eine rein Implantat-basierte Rekonstruktion herzustellen. Die Weichgewebssituation war eher günstig [Zhang et al., 2020].

Lächeln mit fertiger Versorgung

| Michael Naumann

| Michael Naumann

Durch den Einsatz digitaler Tools in der Simulation des möglichen Behandlungsergebnisses und der zahntechnischen Herstellung (CAD) war es uns möglich, die Anzahl der Behandlungsschritte so gering und die Behandlungstermine selbst durch perfekte Vorbereitung so kurz wie möglich zu halten [Negreiros et al., 2020] und eine Zirkon-basierte Versorgung zu ermöglichen [Papaspyridakos et al., 2020]. Nur einmal, als es gegen Behandlungsende darum ging, die letzten beiden Molaren zu entfernen, sagte die Patientin: „Oh, Gott, ich weiß nicht, wie lange ich das noch aushalte!“ Glücklicherweise verlief die Behandlung ohne jegliche Komplikationen.

Im Verlauf der Vorbehandlung fasste die Patientin sogar so viel Vertrauen, dass sie ohne Lachgas oder Vollnarkose die Implantationssitzungen absolvierte. Sie adaptierte schnell und komplikationslos sowohl die Interimsversorgungen als auch die finale Versorgung. Das Ergebnis stellte sie voll zufrieden. Sie brachte vielfach ihren Dank zum Ausdruck. Wir haben einer Angstpatientin weitgehend die Angst nehmen können, Vertrauen geschaffen und sie zumindest dental glücklich gemacht. Das ist ein befriedigendes, unbezahlbares Gefühl!

Prof. Dr. Michael Naumann
Prof. Dr. Michael Naumann, Dr. Saskia Kießling & Kollegen
Zahnärzte an der Kleinmachnower Schleuse
Wannseestr. 42, 14532 Stahnsdorf
naumann@naumann-kiessling.de
und
Charité-Universitätsmedizin Berlin CC3 für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde
Abteilung für Zahnärztliche Prothetik, Alterszahnmedizin und Funktionslehre
Aßmannshauserstr. 4–6, 14197 Berlin

ZTM Ralf Barsties
Barsties & Barsties,Spezialist für ästhetische und funktionelle Zahntechnik
Schwedter Str. 34a, 10435 Berlin
office@barstiesbarsties.de

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Meike Wenningkamp
Das ist von der Patientenführung und vom Behandlungsergebnis her eine ganz hervorragende Arbeit!
Gratulation!

Vor 4 Wochen 1 Stunde
1594197343
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