Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Uniklinik Köln

Zahnärzte im deutschen Kinofilm (Teil 1)

Filmische Porträts von Zahnärzten stellen ein bedeutendes Bildarchiv dar. Sie fangen wissenschaftliche und technische Entwicklungen ein, geben zwischenmenschliche Interaktionen wieder und reflektieren gesellschaftliche Bewertungen. Damit spiegeln sie das „Image“ des Berufsstandes wider – im Sinne des optischen wie des gesellschaftlichen Bildes. Der erste von zwei Teilen beleuchtet die Jahre 1907 bis 1963.

Bislang hat diese Welt an der Grenze von Realität und Fiktion im Rahmen einzelner Dissertationen eine gewisse Aufmerksamkeit gefunden [Gerhards, 1991; Riescher, 2001; Petzke, 2009]. Zunächst interessieren bei einer vertieften Analyse cineastischer Darstellungen banale Fakten: Woher stammen die Produktionen, wann sind sie entstanden, welchen Filmgenres sind sie zuzuordnen? Dann folgt das Zahnmedizinische: Wo wird was wie diagnostiziert oder therapiert? Ist die Schilderung authentisch?

Ferner sind Gender- und Statusaspekte zu beachten, und betrachtet man alle erreichbaren Filme zusammen, folgen die wichtigsten Punkte: Wie wurde das mediale Image über die Jahrzehnte konstruiert? Welche Kontinuitäten, welche Brüche sind nachweisbar? In sechs Zeitperioden und zwei Teile gegliedert, versucht der vorliegende Beitrag Antworten auf diese Fragen zu finden.

Kaiserreich und Weimarer Republik (1907–1932)

Bewegte Bilder und moderne Zahnmedizin entstanden zur gleichen Zeit: im wilhelminischen Deutschland und der Weimarer Republik. Das ursprüngliche „Kino der Attraktionen“ mit Streifen von 1 bis 3 Minuten Länge wich langsam dem „Kino des Erzählens“, das längere Geschichten schätzte, für Produktionsfirmen attraktiv wurde und bis heute gängige Berufsbilder wie Filmregisseur und Filmschauspieler schuf [Toeplitz, 1979; Balázs, 1980]. Das Medizinfach wuchs in diesen Jahren über ein rein chirurgisches Handeln hinaus und integrierte erstmals konservierende und präventive Aspekte, die Verbreitung der Leitungsanästhesie (ab 1905) und die Einführung der Röntgendiagnostik (ab etwa 1920) stellten weitere Modernisierungsschritte dar [Hoffmann-Axthelm, 1985]. Zwar wurde nach dem Ersten Weltkrieg die noch junge akademische Disziplin durch die Promotionserlaubnis aufgewertet, gleichzeitig existierte jedoch ein Dualismus von Zahnärzten und Dentisten [Groß, 2006]. 

Von „Fräulein Zahnarzt“ gibt es noch 4 Minuten 

Davon bot der Stummfilm seinen Zuschauern fast nichts. Erhalten sind nur sehr wenige deutsche Kurzfilme mit dentalen Motiven (Tab. 1). Keine Ausnahme, denn weltweit sind 80 Prozent aller „silent movies“ nicht archiviert oder zerstört worden [Nowell-Smith, 1998]. Leider ist auch „Fräulein Zahnarzt“ (1919) nur fragmentarisch erhalten, das erste Werk mit einer Filmzahnärztin. Zugänglich ist dagegen ein früher Streifen, der in 3 Minuten eine vollständige Zahnbehandlung vorführt: „Beim Zahnarzt“ aus 1907. Die Fachbezeichnung lautet „Tonbild“, weil der handgekurbelte Projektor mit einem Grammofon, auf dem eine Schellack-Platte lief, synchronisiert werden musste.


Die Zuschauer blickten durch eine starre Kamera in einen Salon (Abb. 1). Der Behandler trägt Berufsober-bekleidung und verfügt über einen Zahnarztstuhl, eine Fußtretbohrmaschine, ein Tray und eine Art Speigefäß sowie eine Haushälterin, nicht aber über eine Assistenz. Er schaut dem schmerzgeplagten Patienten kurz in den Mund, nimmt kurz entschlossen die Zange und zieht zügig den ersten Zahn. Dann wird es merkwürdig: Der Behandler inspiziert nochmals das Operationsgebiet, lacht und entfernt rasch einen zweiten Zahn – jetzt offenbar den richtigen. Am Ende zahlt der erleichterte Schmerzpatient das Honorar und verlässt das „Atelier“.


Ein weiteres, kurz nach dem Ersten Weltkrieg entstandenes Werk führt vollends in den Bereich des Slapsticks. Der Protagonist von „Emil hat Zahnschmerzen“ (1921) unternimmt erfolglos eine Selbsttherapie seiner Beschwerden mit Wärme. Notgedrungen muss er sich einem teuflisch grinsenden Zahnarzt anvertrauen, der umgehend zur Kneifzange greift. Der weitere Vorgang bleibt für die Betrachter optisch verborgen, obwohl die Kamera bereits schwenken und zoomen konnte. Um eine komische Situation zu erzeugen, zieht der Zahnarzt erneut den falschen Zahn. Es folgen Handgreiflichkeiten von Seiten des Patienten, der die Bezahlung verweigert und seinen Peiniger auf die Straße jagt.

Der komische Zahnarzt kommt aus Hollywood

Nur diese zwei deutschen Stummfilme zum Thema sind heute verfügbar. Vor allem der zweite etablierte die aus Hollywood kommende Figur des „komischen“ Zahnarztes im deutschen Lichtspiel. Als fachliches Motiv dominierte die Extraktion ohne Anästhesie, damals eine international übliche Darstellung der Zahnheilkunde [Gierok/Mirza/Karenberg, im Druck]. Die Fokussierung auf das Chirurgische erklärt sich aus den Rahmenbedingungen: Die sensationshungrigen Zuschauer weideten sich am Schicksal der geplagten Mitmenschen und wurden dank drastischer Schauwerte und derber Situationskomik trefflich unterhalten.

NS-Zeit (1933–1945)

Anfang der 1930er-Jahre änderte sich vieles. Die Nationalsozialisten gaben nicht nur beim Film den Ton an, sondern auch in den gleichgeschalteten medizinischen Verbänden. Das berufsständische Nebeneinander existierte weiterhin, die Zahl der Dentisten (1933: 18.000) überstieg die der Zahnärzte (10.000) deutlich [Rinnen/Westemeier/Groß, 2020]. Fachliche Innovationen betrafen mit Panorama-Aufnahmen und dem Werkstoff Paladon für die Prothetik vor allem Röntgen- und Zahntechnik.

NS-Filme werden heute gemeinhin mit Propaganda verbunden, tatsächlich spielte für die nationalsozialistische Filmpolitik quantitativ die in den UFA-Studios am Fließband produzierte „leichte Unterhaltung“ fernab des Alltags der Menschen eine viel größere Rolle [Lowry, 1994]. Die 11 im „Dritten Reich“ entstandenen Filme zum Thema fallen ebenfalls in diese Kategorie. Immerhin 7 davon sind erhalten (Tab. 2), auch in diesem Zeitabschnitt trat eine Zahnärztin auf („Meine Herren Söhne“, 1945). Allerdings verzichtete der Regisseur darauf, sie bei der Berufsausübung zu zeigen.

Auch Die Technisierung des Fachs kam im Film an

Die temporeiche Screwball-Komödie „Kapriolen“ führt 1937 Gustav Gründgens und Marianne Hoppe im Wartezimmer einer Zahnarztpraxis zusammen, spontan verlieben sie sich ineinander. Während der anschließenden Behandlung des jungen Mannes ist nicht mehr von Extraktion, sondern von einer „Goldplombe“ die Rede. Selbst zum Urheber erotischen Knisterns wurde der Zahnarzt in einem flachen Lustspiel, das 9 Monate vor Kriegsende in den Kinos startete. Hauptdarsteller in „Hundstage“ (1944) sind die Freunde und Kollegen Peter und Paul. Letzterer hat bereits seine Helferin geehelicht, Praxisvertreter Peter bandelt mit einer Patientin an (Abb. 2). Bemerkenswert wirken in beiden Filmen vor allem die hyperrealistisch-modern anmutenden Praxen mit hydraulisch verstellbaren Zahnarztstühlen, Behandlungseinheit inklusive Doriotgestänge, Tray, Lampe, Speibecken und so weiter – ein Quantensprung gegenüber der Stummfilmzeit. Die Technisierung als säkularer Trend des Fachs war auch im Spielfilm angekommen. Erschreckend erscheint im Rückblick allerdings der Versuch der Ausstatter, mithilfe einer aufgeräumten und fast futuristischen Praxis am Set die Illusion von Normalität und Fortschrittlichkeit im kriegszerstörten Deutschland aufrechtzuerhalten. 


Insgesamt festigte sich im NS-Kino der Auftritt der Zahnarztfigur in der Komödie, ohne dass die berufliche Tätigkeit selbst ein komisches Element kreierte. In knapp der Hälfte der erhaltenen Filme spielte der Zahnarzt sogar die Hauptrolle. Dennoch blieben Behandlungsszenen kurz, ein Kennzeichen auch späterer Produktionen. Die zuvor dominante Extraktion wurde durch eine zahnerhaltende Therapie abgelöst, einmal sogar eine prothetische angedeutet. Entsprechend der NS-Filmpolitik sollten die Lustspiele von der Wirklichkeit ablenken und ein normales Leben, wozu eben auch Zahnarztbesuche gehörten, vorgaukeln.

Nachkriegszeit (1946–1963)

Schon in den Jahren unmittelbar nach Kriegsende entwickelten sich die beiden Teile Deutschlands auseinander. Es begann auch das Nebeneinander von zwei Filmwelten, mit einer an Hollywood orientierten Filmindustrie im Westen und der Deutschen Film AG (DEFA) im Osten. Obwohl viele Produktionen im Rückblick flach und affirmativ anmuten – „Amüsement ohne wirklichen Tiefgang“ –, waren es doch goldene Jahre. Spitzenwerte von fast 10.000 Lichtspieltheatern mit über einer Milliarde Besuchern deutschlandweit sprechen für sich; jeder Bürger ging im Schnitt mehr als zehn Mal pro Jahr ins Kino, wozu der Durchbruch des Farbfilms beitrug [Deutscher Film, 1945–1990]. Auch der Wiederaufbau der zahnmedizinischen Versorgung verlief getrennt [Groß, 2019]. Dem Bundesverband Deutscher Zahnärzte im Westen stand die Deutsche Gesellschaft für Stomatologie im Osten gegenüber. Auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs kam es zur Aufhebung des Dualismus und zur Integration der Dentisten in den Zahnärztestand. Technische Weiterentwicklungen betrafen wiederum vor allem das zahnärztliche Röntgen (OPTG), großen Aufschwung nahm auch die Funktionskieferorthopädie [Baltes, 2013].

Eine Zahnarztrolle pro Filmjahr

Die Frequenz von rund einer Zahnarztrolle pro Filmjahr aus der NS-Zeit findet sich unverändert auch im Nachkriegskino, mit deutlichem Übergewicht zugunsten des Westens (Tab. 3). Es begann die Zeit bekannter Filmzahnärzte wie Werner Finck und Heinz Rühmann, noch bekannterer Filmpatienten wie Romy Schneider und Hans-Joachim Fuchsberger und dramaturgisch zentraler Zahnarzt-Szenen, etwa in der Klamotte „Witwer mit fünf Töchtern“ (1957) oder dem Lustspiel „Die Zürcher Verlobung“ (ebenfalls 1957). Endlich traten in zwei Alltagskomödien berufliche aktive Filmzahnärztinnen auf – 50 Jahre nach Beginn des Frauenstudiums.

Verfilmt wurde auch das Buddenbrook-Syndrom

Der Zahnarztbesuch des Senators Thomas in den „Buddenbrooks“ ist vor allem Literaturliebhabern bekannt. Bereits 1923 wurde der Roman erstmals verfilmt, ohne allerdings dem berühmt-berüchtigten Zahnarzt Brecht einen Auftritt zu gönnen [Pommer, 1923]. Im Jahr 1959 folgte ein historisierendes Remake, das nun die Behandlung – oder besser den Behandlungsversuch – aufnahm. Es gehört fast zur medizinischen Allgemeinbildung, dass kein genuin orales Problem Thomas Buddenbrook in die Praxis geführt hatte, sondern kardial bedingte Schmerzen, die sich in den rechten Unterkieferbereich projizierten. Herrn Brecht wäre deshalb eventuell eine Fehldiagnose und eine nicht lege artis durchgeführte Extraktion mit Frakturierung eines Molaren und drei abgebrochenen Wurzeln anzulasten, kaum aber der kurz darauf folgende Sekunden-Herztod des Senators. Bei dieser filmischen Darstellung des seltenen „Buddenbrook-Syndroms“ [Moog, 2003] fallen leichte Abweichungen zur literarischen Vorlage und zur Wirklichkeit auf: Im Roman verblieben vier Wurzelreste in situ, realiter strahlt der Schmerz viel öfter in die linke Regio mandibularis aus.

Heinz Rühmann heilt auch die Seele

In der Komödie „Meine Tochter und ich“ (1963) (Abb. 3) sanierte Heinz Rühmann alias Dr. med. dent. Robert Stegemann in einer Sequenz seiner ängstlichen Patientin nicht nur das Gebiss, sondern heilte auch ihre durch die Zeitläufte verwundete Seele: „Tapferkeit ist die Überwindung unserer Angst“, „Jetzt haben wir es schon geschafft“, „sieht schon ganz schön aus“, „nur noch kleine Korrekturen nötig“.

Sicher ist es eine gewagte, dennoch plausible Interpretation, die sanierten Zahnreihen mit der wieder aufgebauten Bundesrepublik gleichzusetzen und die Aufbau-Generation mit dem Zahnarzt, der im letzten Jahr der Adenauer-Ära Bilanz zieht nach ebenso entbehrungsreichen wie dann wirtschaftlich erfolgreichen Nachkriegsjahren.

Anders formuliert: Die gelingende restaurative Therapie wird zum Symbol für die gelungene politisch-gesellschaftliche Restauration in der Bundesrepublik und den damit verbundenen Werten.

Im Rückblick auf die Jahre 1948 bis 1963 lässt sich resümieren: Die Zahnarztrolle blieb in beiden Nachkriegs-Deutschlands mäßig populär, als Genre standen Komödien im Mittelpunkt. Im Westen entstand die Figur des gereiften, jovial-kompetenten Behandlers; auch diese durchaus ein Spiegelbild der Zeit. Führend war nun die Zahnerhaltung, Extraktionen wurden selten gezeigt und galten fast schon als Anachronismus. 

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