Interview mit VDDI-Chef Mark Stephen Pace

„Die Dentalbranche ist eine symbiotische Gemeinschaft!“

Im nächsten Jahr feiert die IDS ihren 100. Geburtstag. Mark Stephen Pace, Vorstandsvorsitzender des Verbandes der Deutschen Dental-Industrie (VDDI), nimmt für uns eine Standortbestimmung vor: Was eine Leitmesse heute bieten muss, warum die Zusammenarbeit von Zahnärzten und Zahntechnikern wichtiger wird und welche Rolle die persönliche Begegnung 2023 spielt.

Was waren im Rückblick die Meilensteine der heute weltgrößten Dentalmesse?Mark Stephen Pace:

Die Vision zur Veranstaltung einer eigenen Dental-Schau mit internationaler Ausrichtung in Deutschland geht auf die Gründung des Verbandes der Deutschen Dental-Fabrikanten (VDDF) zurück. Die Gründer wollten seit 1916 eine Möglichkeit schaffen, ihre Produkte mit denen anderer Dental-Industrien aus Europa und der Welt an einem gemeinsamen Ausstellungsort zu vergleichen. Im fairen Wettbewerb um die Gunst der Kunden und Anwender strebten sie neue Kundenbeziehungen an. Damit stellten die Gründer die Gedanken der Weltoffenheit und des olympischen Prinzips aller Beteiligten zu einem Zeitpunkt in den Vordergrund, als in Europa der Erste Weltkrieg das Geschehen bestimmte.

Bis zur Durchführung der ersten Dental-Schau dauerte es bis 1923. Im Berliner Zoo trafen sich 29 Aussteller auf 350 Quadratmetern. Von da an fand die Dental-Schau bis 1928 jährlich in Berlin statt. Im Laufe der Zeit kamen internationale Aussteller dazu.

Auf internationalen Wettbewerb hatte unsere Dental-Industrie von Anfang an hingearbeitet. Wettbewerb und Innovationskraft hängen eng zusammen. Internationaler Wettbewerb spornt uns an, setzt Kreativität frei und führt zu dem „sportlichen“ Wunsch, besser zu sein als der Mitbewerber.

Die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs unterbrach die neuen internationalen Beziehungen und machte einen Neuanfang nötig. Von der 11. IDS 1951 in Hamburg gastierte die IDS auf verschiedenen Messeplätzen in Deutschland. Ein bedeutender Meilenstein war die Entscheidung, die IDS ausschließlich an dem zentralen Ort Köln zu veranstalten. Seit 1992 findet die IDS dort regelmäßig statt.

Warum ist Köln als europäischer Standort für eine Dentalmesse heute noch wichtig?

Das Messegelände in Köln ist ein zentraler Standort in Deutschland, in Europa und in der Welt. Mit einer guten Anbindung ans europäische und regionale Eisenbahnnetz, dem nahen Flughafen und einer differenzierten Verkehrsinfrastruktur verfügt die Messe Köln über ein großes weltweites Einzugsgebiet. Hinzu kommt die gute Lage im bevölkerungsreichsten Bundesland Deutschlands sowie der Nähe zu Benelux und Frankreich.

Das Gelände liegt mitten in der Stadt, es ist kompakt gestaltet, so dass die Messe kurze Laufwege aufweist. Durch eine moderne Infrastruktur bietet sie eine hohe Aufenthaltsqualität für Aussteller und Besucher. Nicht zu vergessen sind ein attraktives Umfeld, eine vielgestaltige Gastronomie und Hotellerie. Auch an Freizeitangeboten von hemdsärmelig bis Smoking fehlt es nicht. Es ist alles vorhanden, um sich nach einem geschäftigen Messetag zu erholen und zu erfreuen.

Was muss eine Dentalmesse heute bieten, um international konkurrenzfähig zu sein?

Das, was die IDS zur unbestrittenen Leitmesse macht, ist die Tatsache, dass sie in einzigartiger Weise das gesamte Dentalmarktgeschehen der Welt abbildet. Die IDS weist eine enorm hohe Internationalität sowohl bei Ausstellern als auch bei Besuchern auf. Auf der 39. IDS 2019 verzeichneten wir einen Auslandsanteil bei den Ausstellern von 72 Prozent. Unsere Fachbesucher stammten aus 156 Ländern und hielten einen Anteil von 56 Prozent an der Gesamtbesucherzahl.

Erfolgskriterien sind eine hohe Aufenthaltsqualität für Aussteller und Besucher. Eine Leitmesse muss neue Kundenkontakte ermöglichen. Sie muss dazu beitragen, dass Menschen bestehende Beziehungen vertiefen können. Eine auf Qualitätskriterien aufgebaute Angebotsbreite und -tiefe muss Fachleuten aus aller Welt unmittelbare Vergleichsmöglichkeiten schaffen, dadurch Orientierung für Praxis, Labor und Handel bieten und so dazu beitragen, medizinische und geschäftliche Entscheidungen vorzubereiten und letztendlich zu treffen.

Die IDS beruht auf fünf Markenprinzipien: „Führung“, „Olympisches Prinzip“, „Gemeinschaft“, „Gastfreundlichkeit“ sowie „Branchenwachstum“. Es sind im Grunde diese Prinzipien, die fast alle schon von Anfang an die Vision der VDDF/VDDI-Gründer und IDS-Gründer bildeten. Bei allen Zukunftsentwicklungen der IDS werden wir uns an diesen Grundwerten orientieren, sie bilden eine solide Basis für den ständigen Modernisierungsprozess einer Messe.

Was sind im nächsten Jahr die zahnmedizinischen und technologischen Highlights?

Aus der Fülle der Neu- und Weiterentwicklungen kann ich nur schlaglichtartig einige Beispiele nennen: Praxen und Labore arbeiten intensiv in digitalen Workflows. Sie haben die Möglichkeiten zur Zusammenarbeit deutlich erweitert. Immer mehr Anwender digitalisieren konsequent ihre Arbeitsweise durch. Die Abformung mit dem Intraoralscanner und der erweiterte Indikationsbereich gewinnen an Dynamik.

Es gibt einen Trend zum Zweitscanner – zwei Geräte mit unterschiedlichen Stärken für die optimale Ausschöpfung des gesamten Anwendungsspektrums. Zusätzliche Indikationserweiterungen sehen wir im Bereich der Karieserkennung. So dürften Intraoralscanner den Zahnarzt in Zukunft verstärkt bei der Eingangsuntersuchung von Patienten unterstützen.

Parallel zur digitalen Abformung bleiben Elastomere unverzichtbar und werden konsequent weiterentwickelt. Ziele sind höhere Reißfestigkeit, bessere Dimensionstreue sowie höhere Hydrophilie.

Ein weiteres klassisch-analoges Feld stellen die Füllungsmaterialien mit jetzt noch mehr Optionen dar: Glasionomere erfahren eine Haltbarkeitssteigerung dank der Unterstützung durch schützende Kompositlacke. Neue Komposit-Adhäsiv-Systeme kommen ohne Lichthärtung aus, Komposithybride ganz ohne Adhäsiv. Ebenso eröffnen sich in verschiedenen Spezialdisziplinen der Zahnheilkunde, wie der Implantologie, der Endodontologie oder der Kieferorthopädie, neue Möglichkeiten.

Dank neuartiger Verfahren zur thermischen Vergütung werden Endo-Feilen noch flexibler und erlauben eine sicherere Instrumentierung bei komplexen Wurzelkanalanatomien. In der Implantologie gibt die Software-Integration von mehr Scanbodys digitalen Workflows und dem implantologischen Backward-planning einen Schub. In der Kieferorthopädie komplettieren immer häufiger Biegeroboter digitalen Abläufe von der Praxis bis zum Labor.

In naher Zukunft dürfte Künstliche Intelligenz unterschiedlichen Bereichen des zahntechnischen Labors neue Chancen eröffnen: In der CAM-Fertigung lässt sich Nesting optimieren und ressourcensparend arbeiten. Wunsch-Ästhetik lässt sich KI-unterstützt durch automatisch perfekt gemischte Malfarben sicherer erreichen. Bei gedruckten Zähnen ließe sich durch eine gezielte Farbkomponenten-Mischung das Top-Ergebnis erzielen. Diese anspruchsvollen KI-Anwendungen erfordern oftmals die enge Zusammenarbeit von erfahrenen Zahntechnikern und Unternehmen der Dentalindustrie. Darum ist der fachliche und dabei persönliche Gedankenaustausch gerade in diesem Bereich umso wichtiger.

Welche Schwerpunkte will die IDS 2023 setzen?

Neben Produktinnovationen sowie Systemlösungen steht aus meiner Sicht die Kommunikation eindeutig im Vordergrund. Die persönliche Begegnung und der Austausch unter Fachkolleginnen und -kollegen erfüllen ein hohes menschliches Bedürfnis. Der Mensch ist nach Aristoteles ein „zoon politicon“, also ein soziales Lebewesen, das auf Gemeinschaft hin angelegt ist, Gemeinschaften bildet und vielfach geradezu auf Gemeinschaft mit anderen Menschen angewiesen ist. Die Dentalbranche, bestehend aus Zahnärzteschaft, Zahntechnikerhandwerk, Dental-Industrie und Dentalfachhandel stellt eine besondere, eine symbiotische Gemeinschaft dar. Uns führt das gemeinsame Ziel zusammen, die Mund- und Zahngesundheit von Menschen als Bestandteil ihrer Lebensqualität zu erhalten oder wiederherzustellen. Um dieses hohe Ziel zu erreichen, leistet jede der beteiligten Berufsgruppen ihren ganz spezifischen Beitrag.

Die IDS wird alle zwei Jahre zu einem einzigartigen Marktplatz und Kommunikationsforum für den fachlichen und geistigen Austausch von Ideen, Erkenntnissen, Produkten und Verfahren. Das Gute ist, dass wir von IDS zu IDS diesen Kommunikationsprozess zwischen unseren Berufsgruppen fortsetzen und weiterentwickeln. Immer dann, wenn wir uns offen, vertrauensvoll und im guten Willen, das Beste für die Patienten bereitzustellen, austauschen, erzielen wir die angestrebten Fortschritte und Erfolge für alle Beteiligten.

Nach den schweren Corona-Jahren melden Sie für 2023 wieder einen „starken Ausstellerzuspruch“: Nahezu alle relevanten Key Player hätten sich bereits angemeldet. Wie ist die Stimmung bei den Unternehmen?

Grundsätzlich beobachten wir eine positive Stimmung in der Dentalbranche. Die Ergebnisse der jährlichen Treuhandumfrage des VDDI von Januar bis März 2022 ließen überraschend gute Geschäftsentwicklungen erkennen. Der Gesamtumsatz der deutschen Dental-Industrie legte im Jahr 2021, nicht zuletzt aufgrund des statistischen Basiseffekts, auf 6,2 Milliarden Euro (+ 28,6 Prozent gegenüber 2020) zu. Einen deutlichen Beitrag leisteten dabei die Exportmärkte mit insgesamt 4,1 Milliarden Euro (+ 39,5 Prozent). Der Inlandsumsatz konnte wieder um knapp 12 Prozent auf rund 2,1 Milliarden Euro zulegen.

Insgesamt können wir bislang stabile Geschäftsverläufe und eine optimistische Grundstimmung in der Deutschen Dental-Industrie beobachten. Überwiegend positive Erwartungen an das laufende Geschäftsjahr bestätigt auch die Konjunkturumfrage vom Mai 2022. Insbesondere erkennen wir eine steigende Nachfrage nach hochwertigen Versorgungen, nach „high-end-dentistry“. Offenbar hat die ständige Beschäftigung mit Gesundheitsfragen vielen Menschen den Wert der persönlichen Gesundheit und Lebensqualität erneut bewusst gemacht.

Ein wenig besorgt sind wir über mögliche Nachfragerückgänge bei Patienten in unserem Heimatmarkt Deutschland. Unsere Gemeinschaftsinitiative proDente, mit BZÄK, VDZI und dem VDDI, ist bestrebt, Patientinnen und Patienten weiterhin zu Besuchen der Zahnarztpraxen zu motivieren. Zahnarztbesuche aufzuschieben, ist keine gute Idee. Wer an Vorsorge und Behandlung sparen will, schädigt sich mittelfristig selbst. Schon jetzt beobachten Zahnärztinnen und Zahnärzte nachweislich Schäden an den Zähnen und am Zahnhalteapparat und gesundheitliche Beeinträchtigungen, die durch eine gute Prophylaxe hätten verhindert werden können. Die Mund- und Zahngesundheit ist integraler Bestandteil der Lebensqualität, hier sehe ich keine vernünftigen Gründe für ein Einsparpotenzial.

Macht sich die Krise bemerkbar? Welche Auswirkungen haben der Krieg, die explodierenden Energiekosten, die steigende Inflation und die Pandemie auf das Messegeschehen?

Ja, alles das macht sich weltweit und damit auch bei uns bemerkbar. Aber, als Unternehmer ist es unsere ständige Aufgabe, Probleme als Herausforderungen anzusehen und anzugehen. Gerade in diesen Zeiten bieten Messen ein sehr hohes Potenzial, das wir zur Problemlösung einsetzen wollen.

Die digitalen Erweiterungen und Ergänzungen, die die Koelnmesse zur IDS 2021 an den Start gebracht hat, beziehen die Messeteilnehmer ins Geschehen ein, die nicht zu uns reisen konnten. Dadurch bieten Messen jetzt für Unternehmen und ihre Kunden neue Kontaktmöglichkeiten und zusätzliche Vertriebskanäle. Hier wird es unsere gemeinsame Aufgabe sein, das Beste aus Präsenzveranstaltung und Digitalem zusammenzuführen.

„Unsere gemeinsame Aufgabe ist es, das Beste aus Präsenzveranstaltung und Digitalem zusammenzuführen. Gleichwohl ist trotz aller Digitalisierung der menschliche Faktor entscheidend für den Messeerfolg der IDS.“


Entscheidend für den Messeerfolg der IDS ist trotz aller Digitalisierung der menschliche Faktor. Wir nutzen gelegentlich den Begriff „Dentalfamilie“, um das enge, vertrauensvolle und konstruktive Miteinander zu beschreiben. Das Beziehungsgeflecht der Verbände, Akteure und der markanten Persönlichkeiten der Dentalbranche hat sich über Generationen bewährt. Es gab sehr viele, sehr schwere Krisenzeiten während der IDS-Geschichte. Die Marktteilnehmer, die Fachwelt sowie die Partner aus Industrie und Handel haben gemeinsam alle Krisenzeiten erfolgreich überwunden.

Wird es Pandemie-bedingt wieder Hygieneauflagen geben?

Es gibt einige Neuerungen bei der Infrastruktur. Erstmals steht die neue Halle 1 als Ausstellungsfläche zur Verfügung, um den gestiegenen Flächenbedarfen Rechnung zu tragen. Die Hallen 1, 3, 4, 10 und 11 sind bis auf wenige Restflächen auf allen Ebenen so gut wie ausgebucht. Die Hallen 2 und 5 bieten noch Platz, um die Nachfrage in den kommenden Monaten weiter bedienen zu können.

Seit April 2022 gibt es in Nordrhein-Westfalen keine Corona-Vorgaben mehr für Messen und Veranstaltungen. Das von der Vorveranstaltung erfolgreich umgesetzte Hygienekonzept der Koelnmesse werden wir sehr wahrscheinlich nicht benötigen. Geblieben sind die vergrößerten Gangbreiten zwischen den Ständen, die den Besuchern eine weiter verbesserte Aufenthaltsqualität bieten werden.

Der Kartenkauf findet über eine zentrale Anmeldung auf der Webseite der Koelnmesse statt, dies ermöglicht den Zugang zum Ticketshop und weiteren Leistungen. Es wir nur noch digitale Tickets geben. Damit können Aussteller und Besucher die digitale Plattform IDSconnect nutzen. Die IDS-App ist ab Ende 2022 erhältlich.

Das Interview führten Sascha Rudat und Claudia Kluckhuhn.

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