Therapiealternativen bei kariösen Milchmolaren (1)

Die Hall-Technik

Heftarchiv Titel
Ausgabe 13/2017
Ausgabe 13/2017
Alternativen zur Kariesexkavation

Klinischer und röntgenologischer Befund

Die klinische Untersuchung des Mundraums zeigte eine gesunde Mundschleimhaut, eine gesunde Zunge und ein vollständiges jedoch kariöses Milchgebiss:

• caries media (ICDAS 5) an den Zähnen 64 (okklusale und distale Fläche) und 75 (okklusal)

• eine insuffiziente Füllung an 84 (okklusale und distale Fläche)

• weitere, nicht kavitierte Läsionen an 75, 85 und an den Oberkiefer-Frontzähnen (bukkale Fläche; ICDAS 2), die als inaktiv eingestuft wurden.

Alle Approximalflächen wurden mittels der faseroptischen Translumination (FOTI) untersucht, ohne Hinweis auf weitere approximale Dentinläsionen. Röntgenologisch war bei dem Zahn 64 keine pulpale Beteiligung sowie eine Dentinbrücke zwischen der kariösen Läsion und der Pulpa sichtbar. Die Schmerzanamnese und die Perkussion für Zahn 64 waren ebenfalls negativ. Zahn 74 zeigte eine periapikale und interradikuläre Radioluzenz, was aufgrund der erkennbaren pulpalen Beteiligung die Hall-Technik explizit ausschließt.

Patientenebene

Geeignet

Nicht geeignet

– für ängstliche Kinder (Spritze und Bohrer)

– für sehr unkooperative Kinder (aufgrund

von Verschluck- oder Aspirationsgefahr der

Stahlkrone)

– bei Verhaltensstörungen (z. B. ADHS)

– für immunsupprimierte Kinder

– bei mäßiger Kooperation

– bei Endokarditis-Risiko

– als Therapieoption zur Kooperations-

verbesserung

Zahnebene

Indikationen

Kontraindikationen

– kariöse Milchmolaren mit zwei- oder

mehrflächigem Kariesbefall

– caries profunda mit dem Risiko pulpaler

Komplikationen

– caries media

– irreversible Pulpitis

– Zähne ohne Anhalt auf pulpale Beteiligung

– Spontanschmerz. andauernder Schmerz

– Dentinbrücke im Röntgenbild (mind. 1 mm)

– Pulpanekrose

– große. inaktive kariöse Defekte

– Fistel. Abszess

– hohe Kariesaktivität

– apikale bzw. interradikuläre Aufhellung

– fehlende Höcker. frakturierte Milchmolaren

– pathologische Wurzelresorption

– Aufbau infraokklusaler Milchmolaren

– Zähne mit Anomalien der Zahnstruktur

Quelle: Santamaría

Die Kooperation des Kindes für eine invasive Behandlung wurde beim Erstbesuch als niedrig eingestuft (Frankl-Skala „negativ“: Behandlungsverweigerung/unkooperativ). Der erste Termin zur Desensibilisierung erfolgte auf dem Schoß der Mutter.

###more### ###title### Kariesrisikobewertung ###title### ###more###

Kariesrisikobewertung

Die Mutter berichtete, dass das Kind gelegentlich gesüßte Getränke trinkt und seine Zähne in der Regel ein- bis zweimal täglich mit fluoridhaltiger Kinderzahnpasta (500 ppm) putzt. Das Zähneputzen werde unregelmäßig von den Eltern kontrolliert.

Klinisch zeigte sich nach dem Anfärben eine mäßige bis gute Mundhygiene. Aufgrund der Karieserfahrung wurde eine aktuell hohe Kariesaktivität diagnostiziert. Ein Nachputzen durch die Eltern wurde instruiert und eine erhöhte Fluoridnutzung auf zweimal täglich Juniorzahnpasta ( 1000 ppm Fluorid) [Walsh et al., 2010] zur häuslichen, non-invasiven Kariestherapie empfohlen.

Diskussion

Durch die Anwendung der Hall-Technik, die der Inaktivierung von Dentinkaries ohne Kariesexkavation mithilfe von konfektionierten Stahlkronen dient, werden zentrale Ziele bei der Kariestherapie bei Kindern realisiert: Zunächst ist gemäß eines modernen biologischen Ansatzes davon auszugehen, dass eine Kontrolle des kariogenen Hauptfaktors, nämlich der bakteriellen Plaque, ermöglicht wird, danach der Zementierung eine starke Reduktion kariogener Bakterien in der kariösen Läsion aufgrund der verminderten Substratzufuhr erfolgt.

Aktuelle Studien zeigen eine erfreulich hohe Erfolgsrate der Hall-Technik (90 Prozent bis 100 Prozent), die der Füllungstherapie (50 bis 80 Prozent) bei Approximalkaries an Milchmolaren deutlich überlegen ist [Santamaría et al., 2014; Innes et al., 2007].

Außerdem weist die Hall-Technik eine höhere Akzeptanz im Vergleich zu anderen Kariestherapieoptionen bei Kindern auf [Santamaría et al., 2015; Innes et al., 2007]. Besonders geeignet erweist sich diese Technik bei Kindern mit hoher Kariesaktivität und/oder bei ängstlichen Kindern, die unter spezifischen Ängsten vor Spritzen oder Bohrern – wie im vorliegenden Fall – leiden.

Aufgrund der Tatsache, dass keine, insbesondere keine approximale Präparation des Zahnes vorgenommen wird, ist bei circa 30 bis 50 Prozent der Patienten das Einsetzen der Krone in der Hall-Technik nicht immer sofort möglich [Santamaría et al., 2014]. Bei engen approximalen Kontakten können jedoch mesial und/oder distal für ein bis zwei Tage Separiergummis platziert werden und die Krone(n) dann in einem zweiten Termin eingesetzt werden. Außerdem ist von einer temporären Bisserhöhung um zwei Millimeter auszugehen. Jedoch passt sich die Okklusion nach wenigen Wochen wie bei jeder physiologischen Bisshebung im Rahmen des Zahndurchbruchs oder bei kieferorthopädischen Behandlungen wieder an [Van der Zee van Amerogen, 2010].

Bis jetzt wurden weder kurz- oder langfristige Komplikationen aufgrund der temporären Bisserhöhung identifiziert beziehungsweise publiziert noch Veränderungen bei der Exfoliation der überkronten Zähne oder beim Durchbruch der bleibenden Nachfolger festgestellt.

Zudem ist diese Technik insbesondere im Vergleich zur Füllungstherapie kosteneffizienter für den Kostenträger. Schwendicke et al. [2015] hatten in einer interessanten Studie die Kosteneffizienz verschiedener Kariestherapieoptionen bei Kindern analysiert, wobei unter anderem auch die konventionelle Füllung mit der „Hall-Technik“ verglichen wurde.

Fazit

Die Hall-Technik erweist sich als eine erfolgreiche und kosteneffiziente Therapieoption für kariöse Milchmolaren ohne Pulpabeteiligung, die in der klinischen Praxis gut praktikabel ist. Sie wird von Kindern gut akzeptiert und stellt auch bei mäßig kooperativen Kindern mit „Angst vor Spritze und Bohrer“ eine sehr hilfreiche Therapieoption dar.

OÄ Dr. Ruth Santamaría, MSc, PhD, Dr. Julian Schmoeckel, Prof. Dr. Christian SpliethAbt. für Präventive Zahnmedizin Kinderzahnheilkunde, Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (ZZMK)Universitätsmedizin GreifswaldRotgerberstr. 8, 17487 Greifswald

Melden Sie sich hier zum zm-Newsletter des Magazins an

Die aktuellen Nachrichten direkt in Ihren Posteingang

zm Heft-Newsletter

Sie interessieren sich für einen unserer anderen Newsletter?
Hier geht zu den Anmeldungen zm Online-Newsletter und zm starter-Newsletter.